WEG MIT DEM BAUM !

Der österreichische Fotograf Conrad Amber hat einen prachtvollen Bildband über Bäume veröffentlicht. Er schreibt:

"Bäume und Wälder berühren unsere Seele – vor allem, wenn sie alt werden durften und ein „Gesicht“ haben. An einer uralten Linde zu verweilen oder gar in einem Hain von Eichen zu stehen, die es bereits im Mittelalter gab, erfüllt die meisten Menschen mit Ehrfurcht oder einem tiefen Gefühl inniger Verbindung. Ähnlich ist es mit natürlichen Wäldern, die weitestgehend ohne menschliche Eingriffe wachsen durften. Sie entführen uns in längst vergangene Zeiten und in die Tiefe des eigenen Wesens."

Nicht nur im Wald sind alte Bäume eine berührende Erfahrung für Menschen - das gilt auch für Stadtbäume. Die alten Dorflinden werden in Gedichten und Liedern besungen... Doch die Bäume in den Städten sind in mehrfacher Hinsicht gefährdet. Da gibt es Stadtverwaltungen, die ältere Bäume schon prophylaktisch fällen lassen, auch wenn sie noch völlig gesund sind - aus Gründen der Haftpflicht gegenüber Versicherungen. Die Stiftung Weltbaum macht darauf engagiert aufmerksam - "wir werden in absehbarer Zeit keine grossen alten Bäume mehr in den Städten haben", sagen die Baumexperten der Stiftung, und pflanzen, um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, seit einigen Jahren in Städten jeweils einen 'Weltbaum', dem durch die Stadt zugesichert wird, natürlich altern zu dürfen. Eine andere Gefahr ist die Ordnungswut von Bürgern: Baum weg = Blattfall weg. Hierzu hat Conrad Amber einen mahnenden Beitrag für BCJ geschrieben. (die Redaktion)

Foto:Helga Fassbinder ©

Zugegeben! Macht ist geil und einen Baum fällen ist Macht. Dieser alte Riese, der vor mir
steht, viel zu dick, viel zu hoch, macht nur Dreck und Ärger und ist auch noch gefährlich. Mit
der Kettensäge und etwas technischem Verständnis ist das eine Sache von einer halben
Stunde. Danach steht nur noch der Baumstumpf aus der Erde und endlich kommt wieder
Sonne an mein Haus. Ich bin der Größte! OK, er konnte nicht wegrennen und wehren wollte
er sich wahrscheinlich auch nicht. Aber immer nur wachsen und größer werden, jeden
Herbst das Laub, im Frühling die Blüten und Knospen. Den ganzen Dreck von diesem
hölzernen Ding musste ich immer wieder wegräumen, damit unser Vorplatz sauber bleibt.

Den Hochdruckreiniger musste ich sogar zweimal im Jahr einsetzen, damit da kein Moos
oder das störende Gras zwischen den Steinfugen hervorkam. Und dann diese Äste. Nach
jedem Sturm, nach jedem Schnee, immer wieder Zweige und abgebrochene Äste am Bodeneigentlich
ein Wahnsinn, was man sich da als Haus- und Grundbesitzer an Arbeit antut. Und
wozu? Nur damit dieser riesige Holzturm mir auch noch Schatten macht und dafür sorgt,
dass die Hauswand feucht bleibt und vermoost. Ja, und das Laub in der Dachrinne- auch so
ein Problem. Jedes Jahr musste ich das reinigen und das Abflussrohr ausräumen. Dafür zahlt
mir niemand etwas. Aber das ist ab heute alles vorbei, jetzt haben alle den Blick auf unser
Haus, wir haben wieder Sonne und Wärme und es ist hell und freundlich und – einfach
menschenwürdig – geworden. Und, wenn ich mich an das Fällen erinnere – einfach ein
erhebendes Gefühl. Einige Minuten nur und der blöde Greis ist umgefallen. Das ist eben
menschlicher Erfindergeist, Technik, gelebte Freiheit. Ich kann jederzeit und in
minutenschnelle 100jähriges Leben beenden. Ich bin der Besitzer des Baumes und ich
entscheide, ob und wie lange er leben darf.

So oder so ähnlich geht es vielen Männern auf der ganzen Welt. Und wenn nicht der eigene
Baum am eigenen Haus gefällt wird, so werden halt die Bäume am Wohnblock zerstümmelt
oder umgehauen, am Straßenrand, wo sie sowieso die Autos gefährden und beschädigen,
auf dem Parkplatz, wo sie den wertvollen Autolack verkleben, über der Parkbank, weil
ständig Äste herunterfallen und Menschen gefährden, am Wegrand, weil sie einfach viel zu
viel Schatten geben, am Dach, weil das einfach nicht da hinauf gehört, im Park, weil da mehr
Rasen benötigt wird, im Garten, weil der Designerrasen sonst mit Moos zerstört wird. Im
Wald, weil da eh zu viele stehen und ausgelichtet gehört und überhaupt überall dort, wo sie
stehen und leben. Bäume sind dazu da, um genützt zu werden, wir brauchen Holz und es
wachsen eh wieder soviel nach. Es wächst mehr Wald nach, hört man. Zumindest ist es
Waldfläche und dann warten wir halt mal die 70-100 Jahre ab, damit wir wieder ernten
können. Kein Thema. Es gibt wichtigeres auf der Welt....

Wir sind auf dem Holzweg. Wir denken falsch. Wir handeln falsch. Wir erfinden immer – zum
richtigen Zeitpunkt – die passenden Argumente. Und wir können nur sehr schwer über unser
Leben hinausdenken. Was wird in 50 und 100 Jahren sein. Wer hat den Mut, sich gegen den
Mainstream durch zu setzen. Wer hat die Courage, dafür einzustehen. Wer hat den Willen
und die Geduld, das auszuhalten. Maßnahmen und Taten zu setzen, die jetzt wichtig sind
und für die Zukunft wirken. Die heute Arbeit geben und Geld kosten, die sich aber in einer
Generation erst auswirken und in zwei Generationen sogar Gewinn bringen. Das Wort
„Nachhaltigkeit“ wurde im 18. Jahrhundert erfunden und hat mit dem Wald zu tun. Der
Baum und der Wald sind immer schon ein Generationen-Thema gewesen. Was der Vater
heute pflanzt, wird frühestens seine Kinder ernten oder anders nützen können.

NOTA BENE:

Ohne unsere Bäume wäre ein Leben auf unserer Erde nicht möglich. Denn sie erzeugen den größten Anteil an Sauerstoff für unsere Atemluft.
Haben Sie schon einmal den Unterschied der Luftqualität an einem heißen Sommertag erleben können : unter einem Sonnenschirm oder unter einem Blätterdach, beispielsweise in einem gemütlichen Gastgarten? Die Luft ist nicht nur besser und gesünder, es ist auch spürbar kühler unter einem Baumdach.
Beobachten Sie doch ihren Baum in Hausnähe über den Zyklus der Jahreszeiten. Im Winter, wenn man seine Wuchsform, die Äste und Zweige erkennt, die mit Schneebelag wunderbare, abstrakte Zeichnungen in den Himmel schreiben. Im Frühling, wenn die Knospen austreiben und vielleicht in ein duftendes Blütenmeer verwandeln und danach im Sommer, wenn sich das frische Grün der Blätter im Wind bewegt. Ob bei Sonnenschein oder Regen, ob bei Tag oder Nacht, immer verändert sich das Bild, schaut neu und anders aus. Und dann der bunte Herbst in seinem opulenten Farbenspiel. Scheint dann noch die Sonne in die Baumkrone, leuchten rote, gelbe und braune Farben um die Wette. Begleitet vom Rauschen der Blätter, vom Duft des Laubes, vom Rascheln im Wind. Alleine die Betrachtung eines Baumes kann unsere Gesundheit fördern, unser Blutbild verbessern, unser Leben verlängern.
Die Nähe zur Natur wird hier am besten spürbar und spiegelt sich am wirkungsvollsten im Wechsel der Zeiten. Ein Schauspiel des Lebens.
Diese Werte sind einfach unbezahlbar und mit nichts anderem aufzuwiegen.

Wir haben inzwischen auch begriffen, dass das willkürliche Umgestalten unserer
Waldflächen in Nutz-und Wirtschaftswälder seine Grenzen hat. Dass oftmals Monokulturen
anfälliger für Käfer-und Pilzbefall, Windwurf und Waldbrand sind. Dass unsere künstlich
angelegten Fichtenäcker hochgestresste und überempfindliche Pflanzenanlagen sind, die mit
dem ursprünglichen Wald und mit Natur kaum mehr etwas zu tun haben. Sie verjüngen sich
nicht mehr von selbst, versauern den Boden, bieten nur noch wenigen Tieren Lebensraum
und sorgen für regelmäßige Überschwemmungen, weil sie kaum mehr Wasser zurückhalten
können. Und sollte es über längere Zeit Trockenperioden geben, sind diese Waldmodelle
unweigerlich dem frühen Verdurstungstod geweiht. Kreiert von Menschenhand ohne
Verstand.
Dazu werden allerorts Wald-Umbauten vorgenommen. Wir nähern uns in manchen Teilen
Europas wieder der Natur an. Wir erlauben wieder Vielfalt, ziehen Mischwald und standortbeheimatete
Wälder herauf. Da ist die Jagd gefordert, den Wildbestand – entgegen ihren
jahrzehntelangen Gepflogenheiten – niedrig zu halten, damit junge Bäume aufkommen, eine
neue Waldgeneration entstehen kann. Der Wald ist in ständigem Wandel, Altbäume werden
geerntet oder noch besser – sterben eines natürlichen Todes, werden Totholz und
Moderholz, bereichern den Boden und die Artenvielfalt. Jungbäume wachsen in deren
Schutz auf und werden Teil des Waldes. Der Zyklus des Lebens und des Sterbens, wo wäre er
perfekter abgebildet als im Wald. Es gibt keinen Abfall, keinen Müll, alles hat seine
Bedeutung, alles wird wieder verwertet. Der perfekte Kreislauf, seit 300 Millionen Jahren
entwickelt, perfektioniert und angepasst. Wir müssen nur genau hinschauen und verstehen,
dann können wir davon lernen und kopieren. Nur so geht das.

Dass Bäume nicht nur schön sind und für uns Holznutzen haben, soll dieses Zahlenbeispiel
verdeutlichen: Eine 100 jährige Buche beispielsweise, besitzt etwa 600.000 Blätter, die sie
jährlich austreibt. Mit diesen betreibt sie Photosynthese ein halbes Jahr lang. Die gesamte
Blattoberfläche ist rund 1.200m2 groß! Damit nimmt sie jährlich aus der Luft rund 6 Tonnen
schädliches Kohlendioxyd auf und gibt uns dafür etwa 4,5 Tonnen Sauerstoff zum atmen.
Genug für 4 mehrköpfige Familien! Nebenbei entnimmt sie der belasteten Luft über 1 Tonne
Feinstaub und Schadstoffe und bindet diese dauerhaft in ihrem Körper. Und täglich kann sie
bis zu 400 Liter Wasser aufnehmen und verdunsten, damit unsere Luft kühlen und reinigen.
Was für ein Kraftwerk! Würde man diese Buche fällen, weil genau an ihrer Stelle eine Straße
gebaut wird, müsste man statt ihr 2000 Jungbäume mit einem Kronenvolumen von 1,5m3
pflanzen, um auf dieselbe Leistung zu kommen. Das sind Kosten von wenigstens 150.000
Euro! Meine Herren – nachgerechnet? Das ist aber nur ein Baum!
Es wird Zeit, unsere Einstellung und unsere nicht hinterfragten Taten gegenüber unseren
Bäumen zu ändern! Das ist ein wesentlicher Beitrag für unser Überleben und für die
Lebensqualität unserer Kinder. Beginnen wir also gleich damit, am besten...jetzt!