WAS TUN MIT GROSSEN BÄUMEN ?

1. DIE WÜRDE ALTEN LEBENS
Immer wieder werde ich gefragt, um bei unterschiedlichen Meinungen zu vermitteln. Es geht dabei um die Frage: was tun mit dem alten, großen Baum? Meistens lautet meine Antwort: nichts! Nichts tun ist oft das Beste. Denn der Baum und der weise Plan der Natur braucht uns viel weniger, wie wir uns einreden, kennt Lösungen, macht das Richtige.
Zuviel wird herumgeschnitten, eingekürzt, gekappt, geordnet und gesäubert. Diese Tätigkeiten sind in den meisten Fällen umsonst oder falsch. In vielen von mir beobachteten Bäumen wirkt sich der Ordnungsschnitt genau gegenteilig aus, als gewünscht oder beabsichtigt war. Not-Triebe verdichten sich in eine viel zu dichte und zu kleine Krone, neue Astansätze bilden sich, die in Zukunft eine Sollbruchstelle darstellen, die Standsicherheit des Baumes leidet oft massiv unter den rigorosen Eingriffen, die Verhässlichung der Baumästhetik hat etwas krankhaftes und künstliches an sich, verändert ein natürliches Lebewesen in eine eigenartige, unnatürliche Struktur und letztlich vermindern solche Eingriffe immer die Lebensdauer des Baumes und greifen massiv in seine Gesundheit ein.

 

2. FÄLLEN ODER VERPLFANZEN
Wenn es sich um einen gesunden, großen Baum handelt, der auch noch unter 100 Jahre alt ist, dann ist eine Verpflanzung möglich und geht in den überwiegenden Fällen gut aus, wenn alles von Profis richtig gemacht wird, eine lange Nachpflege vorgesehen und eingehalten wird. Je nach Baumart leben selbst Stadtbäume bis 200 Jahre lang, manche von ihnen wesentlich länger.
Fällen soll immer der letzte Ausweg sein, wenn eben ein Gebäude, eine Straße oder andere Eingriffe nicht anders planbar waren. Bei der Mehrzahl der Baumfällungen sind alternative Lösungen möglich, die einen Baumerhalt berücksichtigen, wenn dies eben auch beabsichtigt war.

3. IRRTUM UND FEHLGLAUBE
Lassen Sie sich nicht täuschen oder von sogenannten Fachleuten einreden, dass ein Baum ersetzt werden kann und das alles eigentlich nicht viel kostet oder der Wert des großen, alten Baumes gegen 0 geht usw. Es geht niemals um den Holzwert! Ein simples Argument, das mit dem eigentlichen Wert eines Baumes nicht mal ansatzweise etwas zu tun.

Die Berechnungen für einen erwachsenen Baum sind anders anzusetzen. Seine Wirkung ist ja hinlänglich bekannt, das zB eine 100jährige Buche jährlich soviel Sauerstoff erzeugt (4,5 Tonnen) oder CO2 aus der Luft bindet (6 Tonnen) und – ganz gravierend- 1 Tonne Feinstaub und Dreck aus der Luft bindet, die Grundwasser- Regulierung vornimmt und täglich bis zu 400 Liter Wasser verdunstet, dass sie ihre Umgebung über den Sommer bis zu 3°C kühlt usw. Nun diese Wirkungswerte sind errechenbar und würden in beinahe unvorstellbare Summen enden. Als Ersatz für dieses Kraftwerk müssten 2000 Jungbäume mit einem Kronenvolumen von je 1,5m3 gepflanzt werden. Kosten dafür 150.000 – 200.000 Euro. Auch dieser wissenschaftlich bewiesene Wert wird meist ignoriert.
Eine Verpflanzung eines ca. 30 jährigen Baumes kostet – je nach Art, Gewicht und Bedingungen – zwischen 2000 und 10.000 Euro. Eine Neupflanzung eines solchen, jugendlichen Baumes ebenso. Würden wir also 5 solcher Bäume – als Ersatz für den erwachsenen, zwischenzeitlich gefällten Baum-Kollegen pflanzen, sind wir schon bei einem realistischen Baumwert angelangt, etwa bei 50.000 Euro.

Laut einer anerkannten Berechnungsmethode von Werner Koch (BGH 1975) lässt sich recht einfach einen ungefähren Wert eines Baumes festlegen. In Österreich wurden diese Berechnungen in die Ö-Norm L1123 eingebunden und letztmalig 2016 überarbeitet. Die Gehölzwerttabellen wurden u.a. von Breloer und Hötzel-Hund fortgeführt und angepasst. Dabei sind Anschaffungskosten, Transportkosten, Aufzinsungen, Funktion des Baumes, Bodenaustausch, Ersatz durch Neupflanzung Anwachsrisiko, usw. berücksichtigt).
Natürlich gelten diese Werte für Einzelbäume (und nicht für Bäume im Waldverbund) eine Bewertung muss stets im Einzelfall vorgenommen werden. Etwaige Schäden und Krankheiten des Baumes müssen berücksichtig werden.
Die Kosten für Nachpflege eines großen, versetzten Baumes sind nicht unerheblich, weil dies sehr lange Zeiträume (3-5 Jahre) betrifft. Mit Wässerungen, Pflegeschnitte, Nährstoffeinträgen, wurzelbildende Maßnahmen, Befestigungen usw.

4. VERSETZUNG DER RIESEN
Ein 30 jähriger Ginkgo ist weit über 10 Meter hoch, hat Stammdurchmesser von 30 cm und kann, mit einigem Wurzelwerk und Erdreich 10 Tonnen wiegen. Solche Bäume wurden kürzlich in Dornbirn in ein temporäres Baumquartier versetzt, damit sie die Bauarbeiten der neuen Stadtbibliothek nicht behindern. Nach dem Bau werden sie an ihren endgültigen Platz versetzt. Bei Flachwurzlern ist dies mit Spezialgeräten – wie einer LKW-Rundspatenmaschine und nur mit einer Person durchführbar. Ein Baumpfleger kümmert sich mindestens ein Jahr vor Beginn der Verpflanzung um die Wurzeln. Sie werden in einem 2Meter-Radius um den Baum freigelegt, sauber zurückgeschnitten und ab dann mit Nährstofflösungen und passendem Substrat gepflegt. Meist einher geht eine Kronen-Einkürzung, welche die Statur des Baumes schlanker werden lässt. Dies sind keinesfalls Kappungen (wie sie immer öfters von Unkundigen und Baumfürchtern durchgeführt werden). Deshalb sind die Profis nicht in der Forst-oder Gartenabteilungen zu finden, sondern eben nur unter geschulten Baumpflegern!

Diese umgefplanzten Ginkgos werden in wenigen Jahren an ihrem neuen Standort wieder gut angewachsen sein und wahrscheinlich noch einige Jahrhunderte weiterleben können.
Eine 80 jährige Blutbuche sollte in Schlieren (Stadtteil von Zürich) einer Bahntrasse der Limmatbahn weichen. Zuvor ist sie – wie durch günstigen Zufall - aus dem Baumkataster der Stadt verschwunden und die Planer gingen rigoros und natürlich ohne Rücksicht auf den Baumstandort vor. Sie sollte zur gegebenen Zeit gefällt und entsorgt werden. Nun wehrten sich aber einige BürgerInnen gegen die Zerstörung ihrer geliebten Buche. Durch Demonstrationen, mit Protesten und mithilfe der Medien bildete sich eine Initiative von rund 4000 besorgen Menschen, die den größten Teil der Umpflanz-Kosten auftrieben. Der Rest wurde von der Stadt beigesteuert. Denn hier wurde erkannt, dass Fehler gemacht wurden. In einer spektakulären Aktion wurde dann der stattliche Baum samt einem Wurzelwerk von 7x7Meter und einem Gesamtgewicht von etwa 100 Tonnen versetzt. Es kam der Verpflanzungsmethode zugute, dass die Buche, als Flachwurzler auf einer etwa 1 Meter tiefer gelegenen Kellerdecke stockte und deshalb nicht sehr tief ausgehoben werden musste. Die Spezialisten kamen aus der Schweiz und Deutschland und mithilfe zweier riesiger LKW-Krane und einem Sattelschlepper fand die Buche rund 200 Meter entfernt in einem Park mit ähnlichen Bodenvoraussetzungen und gleichem Mikroklima ihre neue Heimat. Das Risiko, einen solchen großen und alten Baum zu versetzen ist schon groß, Ihre Überlebens-Chance wird über 70% sein. Trotzdem steht der Aufwand dafür und kann von der Natur belohnt werden. Dann wird die Buche von Schlieren eine Geschichte erzählen können, selbst noch unseren Kindeskindern.

5. SCHLUSSFOLGERUNG
In Anbetracht des unersetzbaren Wertes der alten Bäume und der Wichtigkeit Ihrer Dienste sollte immer bei der Planung und beim Bau Rücksicht auf deren Erhalt genommen werden. Mit kreativen Lösungen, Bäume zum oder gar in das Gebäude, in die Verkehrsfläche und zum Straßenraum einzubinden, wird die Anwohner überraschen, sie erfreuen und stolz machen. Stolz auf die Menschen, die über die Pläne und die Kosten hinaus gedacht haben. Daran wird gute Architektur in Zukunft immer mehr gemessen und bewertet werden.

Fotos: Conrad Amber