URBAN FARMING & BUREAUS: 'Zuidpark' in Amsterdam

Das größte Gemüsedach Europas - was sind die Erfahrungen nach einem Jahr ?

Urban farming is in. Neben Tomaten und Salat auf dem Balkon und auf Daechern gibt es inzwischen an vielen Orten auch erfolgreiche Initiativen von Gruppen von Bewohnern, die auf freien Flächen in der Stadt Gemüse und Salate anbauen. Doch die riesigen Dachflächen von Industriegebieten waren bis vor kurzem noch ein gärtnerisches Brachland.

Nun hat vor einem Jahr in einem Gewerbegebiet Amsterdam ein vorausschauender Investor, Jan Huijbrechts, einen Gemüsegarten anlegen lassen auf dem ehemaligen Verwaltungsgebäude von Vroom&Dreesman: ein 3.000 m großer Garten in 10 m Höhe inmitten von Verwaltungsgebäuden, Gewerbebauten und Parkflächen und umspült von Schnellstrassen und Autobahnen. Das größte Gemüsedach Europas. Ein kühner Plan! Denn die bisherigen urban farming-Projekte wurden angelegt und unterhalten durch Bewohner mit einer Passion fürs Gärtnern. Dass Bureauangestellte dafür zu begeistern seien, war ziemlich fraglich.

Doch trotz aller anfänglichen Spepsis ist das Projekt, das nun 1 Jahr alt ist, voll und ganz geglückt, und das in jeder Hinsicht:
Das riesige Gebäude ist voll vermietet an eine Reihe von Unternehmen – eine Leistung angesichts des großen Leerstand im Bureausector in Amsterdam. Die Formel 'Nachhaltigkeit und Gemüse auf dem Dach' hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt: Das Dach als größtes urban farming-Dach in Europa hat außerordentlich viel Aufmerksamkeit in den Medien erhalten. Das Gemüse auf dem Dach hat Adresse gemacht: Zuidpark wurde bekannt. Die Firmen, die sich dort niedergelassen haben, machen Reklame mit diesem Faktum und ihre Mitarbeiter brüsten sich damit, dort zu arbeiten.... Und sie haben allen Grund dazu: auf dem weitläufigen Dach sind feste Holztische und Bänke installiert, auf denen  man sich in den Pausen niederlassen kann. Man kann zwischen den Pflanzentrögen einhergehen, Erdberen und Himberen  pflücken, selbst strauchartige Apfelbäume haben Früchte schon getragen. Und man kann Früchte, Zwiebeln, Salate, Kräuter und Gemüse, ja selbst Kartoffeln ernten und mit nach Hause nehmen. Kostenlos natürlich. Selbst diejenigen, die nicht über hinreichende Kenntnisse des Gärtnerns verfügen, kommen nicht zu kurz: Geerntete reife Feldfrüchte aus der Höhe werden in der Eingangshalle des Geäudes auf einer Theke zum kostenlosen Mitnehmen ausgelegt.
Das macht dann der Gärtner. Denn ganz ohne professionelle Aktivität geht so etwas natürlich nicht.
Die Verwaltung des Bureaukomplexes hat einen Gärtner beschäftigt, die Kosten für ihn sowie für anderen Ausgaben zur Unterhaltung des Gartens, wie Elektrizität und Wasser, die automatische Bewässerungsanlage und sämtliche sonstigen Unterhaltskosten machen Bestandteil des Mietpreises aus. 

Auf dem Dach stehen zwei Tische von 20 m Länge mit 40 m Bänken. Schön für Pausen zwischendurch oder zum ungestörten Nachdenken, befördert durch den weiten Horizont des Ausblicks. Es gibt wifi, man kann dort Sitzungen abhalten oder sogar für Feste buchen.  In dem Gebäude arbeiten mehr als 1.000 Mitarbeiten, die in verschiedenen Firmen tätig sind, wobei bei der Vermietung darauf geachtet ist, dass diese Firmen möglichst auch voneinander profitieren können mit Kooperation und Zulieferung.

 

Für die Bepflanzung sind in den halbhohen Pflanztrögen 200.000 l Mutterboden angebracht worden. Die Plazierung dieser Tröge geschah nach einer Untersuchung der Tragfähigkeit, die für die jeweiligen Standort bestimmend wurde. Das Pflanzsubstrat als Leichtgewicht-Substrat zusammengestellt und besteht aus einer Mischung von hochwertigem Mutterboden mit biologischen Nährstoffen und gängigem Dachsubstrat (von ZinCo). Über der Dachdeckung ist ein System ist ein Dachleckagesystem angebracht (Smartex), das aus einem wurzelabweisendem Tuch besteht, auf das in 3m Abstand ein Raster von Sensoren angebracht ist, über dem eine Membran aus einer Kohlenstoffmatte liegt,  die im Fall einer Undichtigkeit für eine schnelle Verbreitung des Wassers sorgt. Kontaktdrähte verursachen dann bei einer feuchten Stelle in der Membran einen Kurzschluss mit dem darunter liegenden Sensor, wodurch mit einem Monitor die exakte Stelle des Lecks lokalisiert werden kann. Darüber ist schlisslich eine Lage von Betonfliesen aufgebracht und sind die Pflanzentröge plaziert. Bewässert werden diese durch ein elektronisch gesteuertes Bewässerungssystem. Mehr als 60 verschiedene Sorten von Pflanzen sind angebaut worden, natürlich biologisch. Die Zusammenstellung berücksichtigt die Jahreszeiten: immer gibt es auch blühende Pflanzen, immer ist etwas reif. Einjährige sind gemischt mit Stauden.

Zusammenfassend kann man sagen: das Gemüsedach auf 'Zuidpark' ist ein voller Erfolg.

Da sind einmal die positiven Auswirkungen auf die Umweltbedingungen zu nennen: In einer versteinerten Umgebung gibt es nun Pflanzen, die - wenn auch nur auf Teilen des Dachs - beitragen zur Luftbefeuchtung und zur Rückhaltung von Regenwassr. Dazu kommen die positiven Effekte des Urban Farming als städtische Nahrungsmittelproduktion dicht bei Haus, wodurch lange Transportwege vermieden werden und die Feldfrüchte frisch auf den Tisch kommen können. Die biologische Produktionweise macht zudem die Mitarbeiter bewusst für eine nachhaltige und ökologische Grundlage des Alltagsleben. Und zum andern die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen zu nennen: Das Gemüsedach hat den Bureaukomplex Zuidpark zur 'Adresse' gemacht. Es hat, wie die grosse Zustimmung der Mitarbeiter des Komplexes zeigt, höchst positiv zur Qualität der Arbeitbedingungen beigetragen und die Kommunikation zwischen den Arbeitnehmern und zwischen den dort ansässigen Betrieben beigetragen. Folge: volle Vermietung in einer Situation  grossen Leerstands in Bureau-Immobilien. Zur Nachahmung empfohlen!

Standort: Zuidpark, Spaklerweg 52, Amsterdam
Bauherr: Zuidpark,  Spaklerweg 52, Amsterdam
Entwurf Gebäuderenovierung: Archicom, Eindhoven
Entwurf und Anlage des Dachgartens: Biet & Boon, Amsterdam
Fertigstellung: Juni 2012

 

 

 

Fotos: Helga Fassbinder