Hans Jonas, 'Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation'. Review

 

"Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Mit diesem Satz beschreibt der Philosoph Hans Jonas den Kern seiner Ethik für das Informationszeitalter. Weit früher als andere hat Hans Jonas schon in den siebziger Jahren erkannt, dass das Überleben der Menschheit im Zeitalter der nahezu unbegrenzten technolgischen Möglichkeiten einer Neuformulierung der Ethik bedarf. Sein Hauptwerk, in dem er dies formuliert,„Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“, erschien 1979. Es ist inzwischen vielfach neuaufgelegt und über 200 000 mal verkauft worden.

In seinem Hauptwerk, "Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation", das 1979 veröffentlicht wurde und das bis heute über 200.000 mal verkauft wurde, beschreibt Hans Jonas die Notwendigkeit einer neuen Ethik, die das nachhaltige Überleben der Menschheit im technologischen Zeitalter sicherstellt.

Jonas geht in seinem Buch von den neuen Möglichkeiten aus, die den Bewohnern unserer heutigen, technologischen Zivilisation offenstehen. Er stellt dabei zunächst fest, dass die menschliche Macht, angetrieben durch die Kräfte von Marktwirtschaft und Politik und im Zuge einer immer tiefgreifenderen Zerstörung der Natur in diesem Jahrhundert einen bisher nicht für möglich gehaltenen Höchststand erreicht hat.

Der Mensch fliegt zum Mond, erschafft neues Leben im Labor, verfügt über ein unüberschaubares Potenzial an Massenvernichtungswaffen, bedient sich ungehemmt der begrenzten natürlichen Ressourcen unseres Planeten, spielt mit Energieformen ohne sie wirklich kontrollieren zu können, erschafft Müll, der noch in Jahrtausenden giftig sein wird etc.

An dieser Stelle stellt Jonas fest, dass die Gefahren solcher Handlungsweisen durch unser herkömmliches Wertesystem nur ungenügend abgedeckt werden:

In der Vergangenheit war alle Sittlichkeit auf den Nahbereich des menschlichen Handelns eingestellt. Die Bewertung menschlichen Handelns erfolgte aufgrund der unmittelbar sichtbaren Auswirkungen. Dies reichte aus, da die Möglichkeiten des Menschen begrenzt waren. Er war de facto nicht in der Lage der Natur oder der Menschheit dauerhaften, existentiell bedrohlichen Schaden zuzufügen. Dies jedoch hat sich geändert.

Jonas jedoch fordert eine Abkehr von dieser sog. Nächstenethik. Die technischen Möglichkeiten sind heute so weit entwickelt, dass die Wirkungen unserer Handlungen sowohl die ganze Erde, als auch die Zukunft der ganzen Erde betreffen. Was Menschen heute machen, kann und wird die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen beeinflussen.

Als Konsequenz entwickelte Jonas eine neue Ethik, deren grundsätzlicher Unterschied zu bisherigen Wertesystemen, die zeitliche Dimension ist: Eine Handlung darf nicht nur an den unmittelbar sichtbaren Folgen gemessen werden , sondern darf auch die Zukunft der Menschheit nicht gefährden.

Die Forderung seines Werkes lautet:
 
Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen mit der Permanenz (Fortdauer) menschenwürdigen Lebens verträglich sind. (Imperativ der Verantwortung). Jonas verlangt, die zukünftigen Auswirkungen menschlichen Handelns zu erforschen. Zwar räumt er ein, dass es nicht möglich sein wird, die meisten Wirkungen unseres Handelns vorherzusehen, spricht sich jedoch in diesem Falle für das Prinzip der Heuristik der Furcht aus. Jonas will damit sagen, dass im Zweifelsfall der Unheilsprognose ein Vorrang vor der Heilsprognose eingeräumt werden muss: wenn auch nur die Möglichkeit besteht, dass eine bestimmte Technologie die Zukunft der Menschheit gefährdet, ist es moralisch nicht mehr vertretbar, diese Technologie zu verwenden.

Jonas sagt weiter, dass die Menschheit kein Recht hat, Selbstmord zu begehen. Der Fortbestand der Menschheit ist das höchste Gut, dem sich alle anderen Ziele und Wünsche unterordnen müssen. Niemand, keine Einzelperson, keine Interessensgruppe, und kein Staat, hat laut Jonas das Recht, das Ganze der Interessen Anderer für seine eigenen Interessen aufs Spiel zu setzen. Was immer der Mensch entwickelt, entdeckt oder erforscht, der Blick auf das Ganze und auf die Zukunft des Ganzen muss, laut Jonas, gewahrt bleiben. Wann immer der technische Fortschritt zu einer Bedrohung für die Menschheit auszuufern droht, oder auch nur die Möglichkeit besteht, dass er in ferner Zukunft zu einer Bedrohung werden könnte, muss er der Sicherheit der Menschheit weichen und ergo beseitigt werden.

Für manche mögen Jonas‘ Ideen und Vorstellungen naiv wirken. Zu häufig stellen Privatpersonen, Konzerne oder Staaten den eigenen, kurzfristigen Vorteil über das Gemeinwohl: obwohl die Auswirkungen von CO2 auf das Weltklima bekannt sind, begibt sich keine Industrienation mit erfolgversprechender Konsequenz an die Reduzierung jenes Treibhausgases; obwohl bekannt ist, dass die Erdölreserven der Welt in einem halben Jahrhundert verbraucht sein werden, verbrennen wir mehr Öl als je zuvor und obwohl wir um die Gefährlichkeit nuklearer Waffen wissen, haben wir immer noch genug von ihnen, um das Leben auf diesem Planeten mehrfach zu pulverisieren. Vielfach mag man ins Grübeln geraten, ob Hans Jonas unsere Gesellschaft mit seinem Prinzip Verantwortung nicht doch überfordert hat.

Dennoch wird man bei näherer Betrachtung nicht umhin kommen festzustellen, dass auch in unserer Gesellschaft ein Umdenken stattfindet. Sei es das 3-Liter-Auto, die Brennstoffzelle, das Start II- Abrüstungsabkommen, die Solarzelle, der Atomausstieg in Deutschland oder die europäische Einigung: immer häufiger findet man vorsichtige Anzeichen dafür, dass der Mensch letztlich doch imstande sein könnte, seine Verantwortung, die er sich letztlich selbst auferlegt hat und auf die Hans Jonas so nachdrücklich hingewiesen hat, wahrzunehmen.

 

Hans Jonas wurde am 10.04.1903 in Mönchengladbach als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten geboren.
Er studierte in Freiburg, Berlin und Marburg und promoviert er 1928 mit einer Dissertation mit dem Titel "Der Begriff der Gnosis".
1933 emigriierte Hans Jonas nach London, wo er 1934 "Gnosis und spätantiker Geist. Erster Teil: Die mythologische Gnosis" veröffentlichte.
1935 emigrierte Hans Jonas nach Palästina.
Während des 2. Weltkriegs kämpfte er als Soldat der Jewish Brigade Group der britischen Armee gegen das deutsche Reich.
1949 übersiedelte er nach Kanada, wo er Fellow an der McGill-University in Montreal wurde. Von 1950-1954 arbeitete er als Fellow an der Carleton-University in Ottawa.
1955 zog Hans Jonas nach New York und übernahm eine Professur an der New School for Social Research, danach mehrere Gastprofessuren u.a. in Princeton, Columbia, Chicago und München
1963 veröffentlichte er  "The Phenomenon of Life. Towards a Philosophical Biology", wovon 1973 eine deutsche Version erschien unter dem Titel: "Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie".
1979 schliesslich erschien sein bedeutendstes Werk, "Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation",
1985  "Technik, Medizin und Ethik".
1987 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Dieser Würdigung schloss sich die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerwürde seiner Geburtsstadt Stadt Mönchengladbach an.
Beginn der 90er Jahren kehrte er zur Thematik der ersten Jahrzehnte seines philosophischen Denkens zurück und veröffentlichte 1992 seine "Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen". Noch kurz vor seinem Tode erhielt er den Premio Nonino. Hans Jonas starb am 05.02.1993 in seinem Haus bei New York. Er liegt im jüdischen Teil des ökumenischen Friedhofs von Hastings, NY begraben.