Auf dem Weg zu einer neuen Architektur

Rezension eines Vortrags von Helga Fassbinder bei Architectura et Amicitia, Amsterdam, April 2013

[ook in het Nederlands: http://www.biotope-city.net/gallery/op-weg-naar-een-nieuwe-architectuur ]

 

Wenn einmal 'Il Bosco Verticale' (der vertikale Wald) von Stefano Boeri in Herzen von Mailand fertig gestellt sein wird, kann man mit Fug und Recht sagen, dass ein neues Kapitel im Verhältnis von Grün und Architektur aufgeschlagen worden ist.
Nicht dass nicht schon früher Versuche unternommen worden wären, um die Kluft zwischen toter Architektur und lebendiger Natur zu überbrücken oder sich mit der  Konfrontation zwischen der Unerschütterlichkeit der gebauten Materie und der unvorhersehbaren Spontanität und Vergänglichketi von Grün im Ablauf der Jahreszeiten zu beschäftigen. Im Gegenteil: der Vortrag von Helga Fassbinder über die Stadt als Natur war durchflochten von schönen Beispielen, um zu zeigen, dass das Thema ganz lebendig ist. Was jedoch haften bleibt, ist dass in den meisten Fällen die Beziehung nicht selbstverständlich ist und auch noch stets nur mit Mühe zustande kommt. Ein kurzer Rückblick:

Vor einer gut gefüllten Loft bei unserer immer charmanten Gastfrau Francisca van Benthem begann prof.dr Helga Fassbinder, em. Professorin Städtebau an der TU Eindhoven, ihren Vortrag mit einem aktuellen alamierenden Bericht über die Erwärmung der tiefen Zonen der Ozeane. Die in Ozeantiefen von mehr als 700 m gespeicherte Energie lässt in neuen Untersuchungen offensichtlich einen viel höheren Temperaturanstieg erkennen als das in den höheren Teilen der Falls ist. Unser globales Bevölkerungswachstum, die zunehmende Konsumtion und der damit zusammenhängende explosiv ansteigende CO2-Ausstoß scheinen allmählich einen strukturellen Einfluss auf die Langzeit- Eigenschaften des Klimas zu nehmen. Mit dem Hinweis auf die Kronzeugen der ersten Stunde, die bereits seit Beginn der 70er Jahre auf diese Entwicklung aufmerksam gemacht haben, wie der Club of Rome, der NASA-Forscher James Hansen und der englischen Chemiker und Biologen James Lovelock, lässt sie sehen, dass die Kenntnisnahme hiervon langsam wächst und allmählich stets mehr Verbreitung findet. Vor allem die GAIA-Hypothese von James Lovelock, die das gesamte Sonne-Erde-System als ein selbstregulierendes System betrachtet, beginnt immer mehr Anhang zu finden unter Wissenschaftlern. Nach dieser Hypothese befindet sich die Biosphäre in einem dynamischen Zustand, innerhalb dessen die Evolution von Leben dadurch möglich wird, dass die Gesamtheit aller Organismen durch Rückkehreffekte instand gehalten und stabilisiert wird. In seinem Buch 'Revenge of GAIA' von 2006 und 'The vanishing face of GAIA' von 2010 beschreibt Lovelock, wie die Erwärmungseffekte als Folge unserer intensiven Nutzung von fossilen Brandstoffen inzwischen gefährliche Grenzen erreicht haben und zu einer Eskalation des Klimas führen können.

War besagt das nun für Architekten?
Professor Fassbinder mahnt an, dass bei vielen Fachleuten ein Bewusstseins davon fehlt, dass Planung in eine uraltes System eingreift, das ausbalanciert ist und sich selbst rezykelt. Ein System, in dem dessen Bestandteile ihre Position in Millionen von Jahren erworben haben. Während in der Vergangenheit eine statische Selbsterhaltung oder auch religieuse Beweggründe noch eine gewisse Bremse formen konnten gegenüber eine allzu rigorosen Ausbeutung oder Zerstörung der Natur, sieht Fassbinder nun eine säkularisierte Welt, die beherrscht wird durch eine (Schein)-rationalität, die die betriebswirtschaftliche Rentabilität absolut voranstellt. Ein Denken, das orientiert ist an Technik und beseelt ist von der Idee einer unbegrenzten Beherrschung der Natur, wobei der Nutzen für den Menschen unbegrenzte Priorität hat, auch dann, wenn es nur ein kurzfristiger Nutzen ist.

Natürlich ist Fassbinder nicht blind gegenüber all den vielen Initiativen, die sich inzwischen auf vielerlei Fronten entwickelt haben, von der Bauproduktionstechnologie bis zum Städtebau, mit Nachhaltigkeit im Gebrauch von Materialien, bei Lösungen, beim Instrumentarium und beim praktischen Experimentieren und Erproben. Auch sieht sie eine zunehmende Anstrengung  von Politik und öffentlichen Einrichtungen, um die Bauwelt, die Auftraggeber und die Bürger in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken.