VERTIKALE GÄRTEN UND GRÜNE WÄNDE GREIFEN UM SICH IN PARIS

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Vorwort

Seit wann existieren bepflanzte Wände und vertikale Gärten, diese Orte, die ausschließlich dem Blick zugänglich sind ? Wahrscheinlich seit Ewigkeit bzw. seit unserer frühesten menschlichen Existenz.
Efeu, Lianen, Weinreben und all diese Klettergewächse haben sich sicher zu keiner Zeit daran hindern lassen, an den von uns erstellten Wohnbauten heraufzuklettern.
Wenn wir von den mythologischen Darstellungen ausgehen, dann hat Noah, als er endlich aus seiner Arche stieg, die Weinrebe entdeckt.
Andere historische Dokumente bestätigen die Präsenz der Weinrebe schon seit der Antike an den Fassaden und anderen architektonischen Elementen.
Ebenso existiert die Rebe im Alltag  der Menschen, entweder als Traube oder als gegärter Traubensaft, also als Wein. Die Römer waren die Ersten, die ihn so konditioniert haben, um ihn nach Nord - und Ost-Europa zu exportieren.
Danach, zur Zeit der deutschen Romantik waren die mit Efeu bepflanzten scheinbar alten Gemäuer und Ruinen mit ihrem bewusst erzielten Eindruck von Verfallenheit sehr beliebt und durchaus positiv belegt.
Nach einer langen Phase, in der die Bepflanzung von Mauern im Wesentlichen ästhetischen Ansprüchen gerecht wurde, entspricht sie heutzutage noch anderen Erwartungen und teilweise wieder entdeckten Kriterien; nämlich Antworten auf ökologische Probleme und Aspekten des Konzeptes der Nachhaltigkeit.
  

Pariser Aktualität seit dem Jahre 2006                                                                                                                                

Seit einigen Jahren hat sich die Stadt Paris zum Ziel gesetzt, alle praktischen und effizienten Hebel in Bewegung zu setzten, um das gemein hin als wesentliche Herausforderung anerkannte Konzept der Nachhaltigkeit in die Realität umzusetzen.
 
Der „Plan d’Aménagement du Développement Durable (PADD)“, übersetzt „Projekt für Stadtplanung im Interesse des Konzeptes der Nachhaltigkeit“ ist ein Teil des städtebaulichen Regelwerkes (Plan Local d’Urbanisme, PLU), sozusagen, bis auf einige Abweichungen, des Bruders des deutschen Flächennutzungplanes. Der PLU und PADD setzen sich folgende Ziele  :
 
„Die bestehenden öffentlichen Freibereiche angenehmer zu gestalten, das vor Allem heißt, das natürliche Erbe zu bewahren und aufzuwerten, das für das städtische Milieu von so großer Bedeutung ist. Dieser Reichtum steuert zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei und fördert letztlich die Bio-Diversität der Stadt.
 
Bisher nicht gekannte architektonische und städtebauliche Konzeptionen werden zukünftig insbesondere von der Gestaltung der Fassaden und Dächer Gebrauch machen.“
 
Dachbepflanzungen und vertikale Gärten sind seit langem bekannt und in vielen europäischen Ländern mit Erfolg praktiziert. In den Ländern, in denen sich die politisch Verantwortlichen verschiedene Wege erschlossen haben, um das Konzept der Nachhaltigkeit operationell umzusetzen, sind die Resultate spektakulär. In Deutschland sind seit 1996 über 10 Millionen Quadratmeter grüner Fassaden und Dächer bepflanzt worden !
 
Auch wenn die Technologie und die verschiedenen Anwendungsmethoden in Frankreich nicht unbekannt sind, (siehe die pflanzlichen Kunstwerke von Patrick Blanc, Landschaftsplaner) bleiben sie bis heute dennoch entweder isolierte Realisierungen oder wenig vertretene Konzeptionsansätze.
 
Hingegen sind doch die wohlbringenden Effekte der Fassadenbegrünung durchaus bekannt : Vermeidung von Wärmegewinn oder – Verlusten entsprechend der Jahreszeiten, Reflexion von Wärmestrahlung, Regulation der Feuchtigkeitswerte und Aufwertung der Luftqualität. Vor allem die vertikalen Gärten tragen dazu bei, dass städtische Luftverschmutzung verringert wird, indem wesentliche gasförmige Substanzen absorbiert werden und Staub vorrübergehend fixiert wird. Gemäss einer deutschen Quelle scheint es möglich, das städtische Umfeld deutlich zu filtern, indem auf nur 5 % der Gebäude eines Quartiers die Mauern, Wände oder Dächer begrünt werden.
 
Eben in diesem Sinne hat die Stadt  Paris, anlässlich der Revision ihres städtebaulichen Regelwerkes, welches im Juni 2006 vom Gemeinderat gewählt wurde, spezifische Maßnahmen eingeführt, um die Kreation vertikal oder horizontal bepflanzter Flächen auf ihrem Territorium zu erleichtern.
 
Die rechtliche Basis ist Folgende : eine allgemeine städtebauliche Zone (Zone d’urbanisation générale, UG) mit spezieller Ausweisung von Grünbereichen. Der betroffene stadtplanungsrechtliche Artikel ist der UG. 13 des städtebaulichen Regelwerkes (PLU 2006 ; Espaces libres et plantations  / Freiraumgestaltung und Bepflanzungen).
 
Das Regelwerk definiert zwei spezifische botanische Kategorien : (siehe Plan) 
- Sektoren zur Aufwertung des existierenden pflanzlichen Bestandes
- Sektoren, welche die Schaffung von noch nicht existierenden pflanzlichen Beständen benötigen. Letztere befinden sich vorwiegend in dicht bebauten Quartieren, oder in solchen, die mit öffentlichem Grün unterversorgt sind.
In der Zielsetzung, diese verschiedenen Sektoren unter qualitativen und quantitativen Aspekten zu umgrenzen, hat die Abteilung für Stadtplanung der Stadt Paris Einheiten im Maß-Stab mehrer Quartiersblöcke festgelegt. Dabei wurde folgenden Kriterien Bedeutung beigemessen : den bepflanzten Außenbereichen, den bestehenden Wasserläufen, den Wäldern und Parkflächen, den Grünflächen von einer Ausdehnung größer als 1 Hektar, und letztlich dem Grün, das den Boulevard Périphérique begleitet.
 
Im Übrigen definiert der Artikel UG. 13.1 (Verpflichtungen im Interesse der Einrichtung von Grünbereichen / Obligations en matière de réalisations d’espaces libres“) ein ganz neues Konzept der „abgewägten begrünten Fläche, la surface végétalisée pondérée“.
 
Hier handelt es sich einen „verstärkten Flächenanspruch“, sei er stellvertretend oder additif, welcher Schwierigkeiten oder gar Unmöglichkeiten kompensieren soll, in denen ein Teil oder die Gesamtheit der zu realisierenden Freifläche auf natürlichem Boden nicht geleistet werden kann.
 
Dieses Prinzip ermöglicht es, abhängig von der Lage der zu begrünenden Parzelle auf dem Pariser Territorium, die für die Einrichtung von Grünflächen, bepflanzten Dachterrassen oder vertikalen Gärten benötigte Quadratmeterzahl zu ermitteln.
 
In den Sektoren der „Grünbereich - Aufwertung“ sind die Ansprüche noch viel stärker ; sie sind durch einen zu berechnenden „Abwägungs – Koeffizienten“ (coefficiant de pondération) festgelegt. Selbiger soll ermöglichen, das städtische Biotop, von der Stadt bis heute noch stellenweise unbeachtet, aufzuwerten und seine Weiterentwicklung zu fördern.
 
Das allgemeine Ziel dieses Dispositifs besteht darin, langfristig mindestens 20 % der m² der Parzelle an echtem Grünbereich zu schaffen. Hingegen, sollte sich letztere im „Sektor zur Verstärkung der Grünbereiche“ befinden, dann verpflichtet das Regelwerk zur Realisation von 15 % zusätzlicher Grünfläche im Verhältnis zur vorab genannten Norm.
 
Diese „abgewägte begrünte Fläche“ berechnet sich durch folgende Addition :  
der bestehenden oder geplant begrünten Fläche einer Parzelle +
der Koeffizienten der Vergrößerung der Grünflächen, zwischen 0.2 (für Wände und Terrassen) und 1.2 (für ebenerdige Freiflächen).
 
Die anzuwendende Formel sieht folgendermaßen aus :  
SVp = S +0,5 x S + 0,3 x S + 0,2 x S
S (m² in natürlichem Boden) + 0.5 x S (bepflanzte Fläche oder ein Boden in einer Tiefe von 0.8 m
 
+ 0.3 x S (Fläche bepflanzter Dächer und Dachterrassen)
+ 0.2 x S (Oberfläche bepflanzter Wände, Mauern und anderer begrünter Terrassen).
Im Falle von technischer Unmöglichkeit, diesen Anforderungen der Anpflanzung in natürlichem Boden gerecht zu werden, wird der Koeffizient für begrünte Terrassen oder Wände zwischen 0.2 und 0.4 angesetzt.
 
 

In Paris haben vertikale Gärten den Wind in den Segeln

Im Jahre 2006 sind 39 vertikale Gärten geschaffen worden. Drei dieser Projekte sind von größerer Bedeutung, entweder wegen der Größe ihrer bepflanzten Oberfläche (rue Henri Nougerès, 19. Arrondissement), oder in Anbetracht der neuartigen Techniken, die hier ihre Anwendung fanden (80, rue du Faubourg Poissonnière,10. Arrondissement). Auch die Komposition in der Avenue Myron Herrick im 8. Arrondissement fällt durch seine neuartige Technik auf (vorgelagerte Sandwichstrukturen). 

Es erscheint wichtig, das wesentlichste und bereits meist bekannte Beispiel an vertikalem Garten zu erwähnen, welches am „Museum der Volkskunst“ am Quai Branly in Paris realisiert wurde. (Architekt : Jean Nouvel / Patrick BLANC). Das Museum ist seit kurzem eröffnet und seine, sich zur Seine hin orientierende grüne Fassade hat bereits viele Besucher zum Erstaunen gebracht.
 
Trotzdem sind schon jetzt Sorgen aufgetreten, wie dieser vertikale Garten in seiner Qualität langfristig aufrecht erhalten werden kann angesichts der vielen Vögel, welche in den verschiedenen Pflanzen-Kompositionen nisten und auf diese Weise, „ohne der künstlerischen Komposition Rechnung zu tragen“, die Samen umher transportieren und so die Pflanzenwelt und vor allem das Relief durcheinanderbringen.
 
Auf diese Weise steht die Stadt heute vor der Frage, ob und wie sie langfristig das kreativ-botanische Kunstwerk aufrecht erhalten können wird. Letzteres ist in der Tat aus Pflanzen geographisch ganz unterschiedlicher Regionen zusammengesetzt (dem Konzept des Museums entsprechend), die in der Fassade des Museums zu einem speziellen Effekt angeordnet worden sind.
 
Man kann vermuten, dass nur unter großen pflegerischen Anstrengungen dieser vertikale Garten in seiner Ursprungsform langfristig erhalten werden kann. Sonst ist Wildwuchs angesagt.
 
In Paris werden in den nächsten Monaten 34 weitere Projekte auf den Weg gebracht, davon zwei, welche die Technik von Patrick Blanc erneut umsetzten, (21 – 25, rue de Tiquetone, 2.Arrondissement), die anderen werden auf die klassischen Methoden der Kabel - Klettergerüste zurückgreifen.
 
 
 
Quellen :    Plan Local d’Urbanisme (P.L.U.) Juni 2006 :
 
Le « Projet d’Aménagement et de Développement Durable » der Stadt Paris, projet arrêté par le Conseil de Paris, en février 2005, „Projekt für Stadtplanung im Interesse des Konzeptes der Nachhaltigkeit“
Les justifications des choix d’urbanisme, (Rechtfertigung der städtebaulichen Richtlinien)
Le règlement du P.L.U. (Städtabauliches Regelwerk, entspricht FNP)