MICROGRÜNRÄUME IN WIEN

 

Der 17. und 18. Wiener Bezirk wird betreut von einer Projektgruppe der Gebietsbetreuung Stadterneuerung unter Leitung von Dipl.Ing. Timo Huber. Die Gebietsbetreuung Stadterneuerung, kurz GB*, ist eine Service-Einrichtung der Stadt Wien. Sie bietet Information und Beratung zu Fragen des Wohnens, des Wohnumfeldes, der Infrastruktur, der Stadterneuerung, des Gemeinwesens und des Zusammenlebens in der Stadt. Mit der Mobilen Gebietsbetreuung (GB*mobil) steht eine bezirksübergreifende Anlaufstelle für Wohnfragen und Sanierungs-Informationen zur Verfügung. Die GB* ist im Auftrag der MA 25 - Stadterneuerung und Prüfstelle für Wohnhäuser, Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung, Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig, tätig.

Die Projektgruppe hat, inspiriert durch BIOTOPE CITY, ein Konzept der Microgrünräume für die beiden von ihr betreuten Bezirke, den 17. und den 18., entwickelt. 

Marion Hierzenberger: Was zeichnet den 17. und 18. Bezirk - euer schwerpunktmäßiges Betreuungsgebiet - aus?

Angela Salchegger: Die Bezirke befinden sich in einem sehr dynamischen Prozess und gewinnen zunehmend an Attraktivität und Bedeutung. Als Wirtschaftsstandort ebenso wie als Wohnbezirk. In den letzten Jahren ist viel passiert. Davon zeugen die Um- und Neugestaltungen im Zentralraum von Hernals – wie etwa am Elterlein-, Parhamer- oder Bartholomäusplatz. Heute ist allen Beteiligten klar, dass Investitionen in den öffentlichen Raum zugleich Investitionen in die Zukunft des Bezirkes sind.

Marion Hierzenberger: In urbanen Räumen kommt „Mikrogrünräumen“ eine besondere Rolle zu. Was versteht man darunter?

Angela Sachegger: Mikrogrünräume sind kleinflächige grüne Impulse im Stadtraum, die als Netzwerk Auswirkungen auf das Stadtklima und das Wohlbefinden im Stadtviertel haben. Hier lässt sich der Wechsel der Jahreszeiten erleben, sie beleben den städtischen Raum und sind aufgrund ihrer Sekundäreffekte für Flora und Fauna wichtig.

Im Rahmen der Mehrwert Sanierungsinitiative Haslingergasse konnten heuer gleich drei Mikrogrünräume als sogenannte "Public Private Partnership-Projekte" initiiert werden.

Ja, wir konnten gemeinsam mit EigentümerInnen, der MA 22 und dem Bezirk drei Projekte im Bereich Fassadenbegrünung starten. Diese Begrünungen werden von privaten EigentümerInnen gepflegt und betreut. Der Bezirk stellt dabei den Pflanzbereich und die Erstbepflanzung zur Verfügung, die EigentümerInnen übernehmen die Pflege und Reinigung. Dazu wird ein Obsorgevertrag unterzeichnet. Durch solche Projekte haben GrätzelbewohnerInnen unmittelbar Gelegenheit, ihr Umfeld mitzugestalten, der Bezirk nutzt lokale Ressourcen und alle im Stadtviertel freuen sich über eine begrünte Feuermauer!

Die Mehrwert Sanierungsinitiative ist ein Kooperationsprojekt der GB*, das lokale Ressourcen und lokales Know-how für die Entwicklung eines Stadtviertels nutzt.

Marion Hierzenberger: Was bringen solche Maßnahmen, außer dass sie das Stadtbild verschönern?

Angela Salchegger: Die Menschen werden für den öffentlichen Raum sensibilisiert und erfahren, dass sie aktiv etwas für die Stadt tun können. Damit steigt die Verantwortung für den öffentlichen Raum. Die Stadt kann ihrerseits Begrünungsmaßnahmen umsetzen, die ohne aktive Mithilfe nicht möglich wären. Und natürlich verbessert sich das Stadtklima. Schon eine kleine Pflanze kann eine kahle Feuermauer in eine belebte Blätterlandschaft verwandeln!

Projekte wie Nachbarschaftsgärten finden derzeit große Resonanz. Wie sieht’s diesbezüglich in Hernals aus?

Es gibt einen Nachbarschaftsgarten im Josef-Kaderka-Park in Hernals, der von unseren KollegInnen vom wohnpartner Team 17_18_19 ins Leben gerufen wurde. Wir arbeiten in unserem Betreuungsgebiet mit temporären Freiflächen, da sich bisher noch keine langfristig zu nutzenden Standorte ergeben haben. Aber auch für eine Saison finden sich viele InteressentInnen, die begeistert ihre Tomaten und Pfefferoni pflanzen und pflegen.

Marion Hierzenberger: Können zeitlich begrenzte Projekte tatsächlich etwas bewirken?

Angela Salchegger:Temporäre Projekte und Bespielungen haben unmittelbare Auswirkungen! Sie machen auf Themen aufmerksam. Mit Initiativen wie z.B. unserem „mobilen Garten“ oder unserem Projekt "Schule goes Biotope City" schärfen wir das Bewusstsein für den öffentlichen Raum, für mehr Grün in der Stadt und vermitteln spielerisch, was wir alle miteinander beitragen und umsetzen können.

Marion Hierzenberger: Es geht also darum, Interesse für die Umgebung zu wecken?

Angela Salchegger:Ja. Die Einbindung der Menschen ist sehr wichtig! Wir müssen das Stadtviertel als Wohnumfeld, als „Wohnraum“ noch viel stärker in unserer Wahrnehmung verankern. Viele Menschen arbeiten an einem Ort und schlafen an einem anderen Ort. Diese Lücke zwischen Arbeiten und Wohnen gilt es zu schließen. Zum Beispiel indem man lokale Attraktivitäten schafft und die Ressourcen vor Ort stärkt und ausbaut. Damit erreichen wir eine Aufwertung des Wohnumfeldes, das ist ganz entscheidend.

Marion Hierzenberger: Wie sieht das in der Praxis aus?

Angela Salchegger: Vergangenes Jahr war Hernals Schwerpunktgebiet der Vienna Design Week. Wenn „Design“ zu mir in den Bezirk kommt, quasi vor meiner Tür stattfindet, ist das eine tolle Sache und bedeutet eine enorme Aufwertung meines Wohnumfelds. Es erzeugt ein Lebensgefühl, das sind dann oft Dinge, an die ich mich erinnere, wenn ich an meinem Stadtteil denke. Und über diesen Umweg entdeckt man auch lokale Ressourcen, wie etwa die Bäckerei ums Eck.

Marion Hierzenberger: Was kann die GB*17-18 hier konkret für die Menschen im Grätzel tun?

Angela Salchegger: Die Gebietsbetreuung ist eine Schnittstelle, wo AnsprechpartnerInnen da sind, wo man „andocken“ kann. Darauf aufbauend können Initiativen auf die Beine gestellt werden. Die GB* als niederschwellige Einrichtung kann hier im Hintergrund optimal unterstützen. Mit Beratung, Vermittlung von Kontakten und fachlichem Know-how.

Marion Hierzenberger: Die GB* nimmt also eine sehr verbindende Rolle ein?

Angela Salchegger: Ja, genau. Gärtnern im städtischen Raum ist eine schöne Sache, aber man braucht auch vertiefende Kenntnisse zum Standort und man muss wissen, was da überhaupt möglich ist. Niemand möchte etwa auf einer ehemaligen Tankstelle Gemüse ziehen. Dieser Blick auf das große Ganze, den Kontext und das Wissen „wie Stadt funktioniert und was rundherum los ist“ damit Geplantes reibungslos funktionieren kann, das ist eine unserer zentralen Aufgaben. Im Kern geht’s darum, Freude an dynamischen Entwicklungen zu vermitteln und den Mut zu haben, Dinge auszuprobieren.

Marion Hierzenberger: Was ist seitens der Politik und EntscheidungsträgerInnen gefordert?

Angela Salchegger: Die Bereitschaft in offene Prozesse zu investieren. Das Bedürfnis mitzureden ist ja da. Die Menschen wollen informiert werden, ihre Meinung äußern, kommen zu uns in die GB* und fragen nach. Wichtig ist, ehrlich zu kommunizieren „was geht und was nicht“, die Anliegen der BürgerInnen ernst zu nehmen und Antworten zu geben. Wenn wir mit einer positiven Einstellung in solche Beteiligungsprozesse reingehen, den Menschen etwas zutrauen, kann das prima funktionieren.

Marion Hierzenberger: Wie kann die GB* hier unterstützend wirken?

Angela Salchegger: Wir tragen die verschiedenen Aspekte und heterogenen Ansätze zusammen. In diesem Sinne funktionieren wir als Drehscheibe im Bezirk. Es ist immer ein Spiel des Abwägens, eine große Verantwortung. Hier sind die Menschen, die einen Raum zum Agieren wollen, einen Platz, wo sie subjektive Erfahrungen einbringen können. Dort die Fachleute wie PlanerInnen und ArchitektInnen, die darüber hinausgehende weitreichendere Möglichkeiten aufzeigen können. Es ist ein gegenseitiger Lernprozess.
So veranstalten wir zum Beispiel Workshops, bei denen wir alle Beteiligten an einen Tisch bringen. Die lokale Politik, ExpertInnen, Dienststellen, BürgerInnen. Man muss nicht alles wisssen, aber man muss wissen, was es alles gibt.

Marion Hierzenberger: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Fotos: Helga Fassbinder