GUTACHTEN FASSADENBEGRÜNUNG

Gutachten über quartiersorientierte Unterstützungsansätze von Fassadenbegrünungen für das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MKUNLV) NRW, 06/2016

 

Ministerium für Klimaschutz, Umwelt,
Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz
des Landes Nordrhein-Westfalen

Link zum Gutachten Fassadenbegrünung:
https://www.umwelt.nrw.de/fileadmin/redaktion/PDFs/klima/gutachten_fassadenbegruenung.pdf

Bearbeiter:
Technische Universität Darmstadt
Fachbereich Architektur
Fachgebiet Entwerfen und Freiraumplanung

Prof. Dr.-Ing. Jörg Dettmar
Dr.-Ing. Nicole Pfoser
Dipl.-Ing. (FH) Sandra Sieber

 

1         Anlass der Arbeit

Begrünte Außenwände verbessern je nach Pflanzenart saisonal oder ganzjährig die Aufenthaltsqualität der Städte. Sie tragen zu einer Optimierung der Gebäude (Abb. 1) sowie zu einer Verbesserung ihres Umfelds (Abb. 2) bei. Das Gutachten des Landes NRW greift die baulichen und botanischen  Zusammenhänge auf, zeigt quartiersorientierte Unterstützungsansätze zum Themenkomplex der Fassadenbegrünung und liefert Daten zur erreichbaren Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Stadt. Das Bewuchsziel und die angestrebten Wirkungen können mit wandgebundenen Begrünungssystemen durch Vorkultivierung der Pflanzenauswahl sofort erreicht werden – bei bodengebundenen Begrünungen kann es beschleunigt werden, indem die Zielbegrünung zunächst solange mit schnellwüchsigen einjährigen Kletterpflanzen unterstützt wird, bis sie ihre geplante Höhe erreicht hat.

Abbildung 1: Maßnahmen zur Gebäudeoptimierung – Darstellung der Wirkungen sowie Einsparungen durch Fassadenbegrünung (N. Pfoser) [6, S. 88]

 

Abbildung 2: Maßnahmen zur Umfeldverbesserung im städtischen Kontext. Darstellung der Wirkungen sowie Einsparungen/Zugewinn durch Fassadenbegrünung (N. Pfoser) [6, S. 98]

 

Für die Anpassung der Städte an den Klimawandel müssen Bebauungsstruktur, Flächenpotenziale, Klima- und Sensitivitätsfaktoren ermittelt und in zielführende Wirkungszusammenhänge mit den Leistungsdaten der unterschiedlichen Begrünungstechniken gebracht werden.

Entscheidend für die Umsetzung sind darüber hinaus eine gute projektbezogene Beratung der Hauseigentümer und ein kommunales Engagement zur Information als Vorbild- und Förderungsgeber, um die Bürger zu erreichen. Das Ministerium gibt den Kommunen mit dem Inhalt des Gutachtens die erforderlichen Hinweise zur Leistungsbreite städtischer Fassadenbegrünung und zum Procedere für eine Realisation unter den Anreizen der Wohnwertsteigerung und des ökologischen Beitrags (Einzelgebäude und Stadtraum). 

 

2         Förderziel

Während in früheren Programmen zur Dach- und Fassadenbegrünung ökologische und gestalterische Ziele im Vordergrund standen, vereinen sich diese Ziele heute unter der Notwendigkeit, dem globalen Klimawandel auch auf lokaler Ebene zu begegnen, und gerade die verdichteten urbanen Gebiete mit ihrer hohen Vulnerabilität an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Mit der Zunahme stadtklimatischer Probleme wie „heiße Tage“ (≥ 30 °C), „tropische Nächte“ (≥ 20 °C) oder Starkregenereignisse, kommt dem Stadtgrün eine wachsende Bedeutung zu. [1, S. 38] 

 

Oberziele des Förderprogramms

Oberziele der Förderung von urbanen Begrünungsmaßnahmen sind demnach Beiträge zur Reduktion des Klimawandels und zur Anpassung an dessen Folgen. Eine Verbesserung weiterer ökologischer Funktionen und eine Steigerung der Aufenthaltsqualität sind dabei immanente Potenziale dieser Oberziele. Hierzu gehören auch die Verbesserung der Luftqualität und die Lärmminderung. [1, S. 38] 

Abbildung 3: Zielstellungen zur Stär­kung von Fassadenbegrünungen (S. Sieber 2016) [1, S. 38]

 

Ansätze Förderprogramm Fassadenbegrünung

Bei urbanen Begrünungsprogrammen müssen neben der Frage, WAS gefördert werden soll (Zweck = nur Fassadenbegrünung, Dach- und Fassadenbegrünungen, Hofflächen etc.) auch die Fragen WO gefördert werden soll (Gebietskulisse = flächendeckend oder lokal bedarfsorientiert) und WIE gefördert werden soll (Umfang = finanzielle Förderung, Beratung, Wettbewerbe, etc.), geklärt werden. Nur so kann die Effizienz der Maßnahme gewährleistet werden. [1, S. 39]

Grundsätzlich kommen bei diesen Programmen zwei unterschiedliche Ansätze in Frage: Punktuell mit gezieltem thematischem Schwerpunkt oder flächig ohne thematischen Schwerpunkt. 

Die Konzentration der Programme mit einer punktuellen Strategie macht es möglich, gezielt Stadtquartiere herauszufiltern, in denen: 

•  eine nachgewiesene stadtklimatische Problematik und ggf. auch eine erhöhte Vulnerabilität vorliegt
   (Potenzial/Notwendigkeit zur Anpassung an den Klimawandel) 

•  ein hoher Sanierungsbedarf besteht (Potenzial/Notwendigkeit zur Reduktion des Klimawandels) 

•  eine erhöhte Luftbelastung mit Schadstoffen besteht und ggf. zusätzlich Probleme mit Lärm
   (Potenzial/Notwendigkeit zur Verbesserung der ökologischen Funktionen und der
   Aufenthaltsqualität) 

Diese Problemlagen treffen häufig auf innerstädtische Gebiete mit großen Durchgangsstraßen zu. Oft weisen diese Straßen aufgrund ihrer zentralen Lage eine hohe Einwohnerdichte und wegen mangelnder Aufenthaltsqualität auch einen erhöhten Sanierungsbedarf auf. Auch die Versiegelung als Mitursache für den urbanen Hitzeinseleffekt (HIE) ist hier besonders hoch. 

Im Gegensatz zu flächigen Programmansätzen, die keinen Zugriff auf solche Gebiete mit einer Überlagerung von ineinander greifenden Problemen ermöglichen (und so ggf. nur zu einer weiteren Begrünung bereits gut durchgrünter Quartiere führen), kann ein punktueller Programmansatz gezielt gerade solche Stadtviertel herausgreifen. [1, S. 40]

Abbildung 4: Optionen bei der Unterstützung von Fassadenbegrü­nung (N. Pfoser, S. Sieber 2016) [1, S. 40]

 

3         Empfehlungen zu quartierorientierten Unterstützungsansätzen von Fassadenbegrünungen

Im Ergebnis stellt das Gutachten die Leistungsfähigkeit von Fassadenbegrünung (Gebäude und Umfeld, Gebäudeoptimierung, Umfeldverbesserung, Hemmnisse und Hinderungsfaktoren) dar, weiterhin Bauweisen und Planungskriterien, Kosten, Nutzen und Zweck, sowie Umfang und Gebietskulisse einer finanziellen Förderung von quartiersorientierten Unterstützungsansätzen zur Fassadenbegrünung. Es konkretisiert dies anhand eines Anwendungsbeispiels in Aachen (Auswahl Stadtquartier, Planungs- und Gestaltungskriterien, Umsetzung). [2]

Hinsichtlich einer Bewertung der unterschiedlichen Förderschwerpunkte (Planung, Investition, Standortaufbereitung) ist festzuhalten, dass entgegen der weit verbreiteten Förderung von Pflanzkosten vor allem eine Förderung der quartier- wie gebäudebezogenen Planung sowie die Förderung der Standortvorbereitung (u. a. Entsiegelungsmaßnahmen) zielführend wären: diese Förderung kann innerhalb der Förderprogramme des Landes zur Anpassung an den Klimawandel, zur Entwicklung Grüner Infrastrukturen oder zur Quartierentwicklung hohen Nutzen bringen. Die Förderbestimmungen des Landes sollten hierzu ein integriertes Handlungskonzept voraussetzen, innerhalb dessen die Kommunen begründen, warum welche Gebiete mit welchen Handlungs- und Förderschwerpunkten ausgewählt wurden. Förderempfängerin der Landesförderung wäre jeweils die Kommune, die ihrerseits – je nach Konzept – diese Förderung auf Basis einer kommunalen Förderrichtlinie weiterreichen würde. [1, S. 45]

In der nachfolgenden Grafik werden notwendige Schritte und empfohlene Handlungsschwerpunkte zusammengefasst:

 

Abbildung 5: Schritte für ein Programm zur quartiersorientierten Unterstützung von Fassadenbegrünung (N. Pfoser, S. Sieber 2016) [1, S. 45]

 

Begleitende Maßnahmen zur Erfolgssicherung 

Unabhängig von der konkreten Förderkulisse gibt es Faktoren, die zur Erfolgssicherung eines „Förderprogramms Fassadenbegrünung“ maßgeblich sind. Zu diesen Faktoren gehören:

•   fachlich qualifizierte Beratung zum Förderprogramm

•   strategische Auswahl des Quartiers und die Bündelung von Maßnahmen im Quartier  
    (Flächenpotenziale identifizieren)

•   gezieltes Ansprechen von Gebäudebesitzern, Bauherren und Investoren (Öffentlichkeitsarbeit),
    gerade in Gebieten mit Blockrand- oder Innenstadt-Bebauung, die einen hohen Anteil privater
    Einzeleigentümer aufweisen [3]

•   kompetente fachliche Beratung zu Planung, Ausführung und Pflege

•   fachliche Begleitung der Maßnahmen

•   nutzen und kommunizieren des Imagegewinns bei gelungener Umsetzung (Verstetigung der
    Öffentlichkeitsarbeit)

Um diese Faktoren zur Erfolgssicherung gewährleisten zu können, müssen in den zuständigen Verwaltungen und Abteilungen die personellen Ressourcen zur Betreuung, Beratung und Bearbeitung zur Verfügung stehen. Um diesen essentiellen Part der Beratung und Planung sicherzustellen (aber auch zu erleichtern), könnte ein webbasierter Fragenkatalog als Entscheidungshilfe eingesetzt werden. [1, S. 46]

 

4         Literaturhinweise
 

[1]         Dettmar, J. / Pfoser, N. / Sieber, S. (2016): Gutachten Fassadenbegrünung. Gutachten über quartiersorientierte Unterstützungsansätze von  
             Fassadenbegrünungen für das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MKUNLV) NRW, unter:
             https://www.umwelt.nrw.de/fileadmin/redaktion/PDFs/klima/gutachten_fassadenbegruenung.pdf [22.07.2016]
 
[2]         Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (2016): Grüne Wände
             verbessern die Lebensqualität. Umweltministerium veröffentlicht Gutachten über die Unterstützungsansätze von Fassadenbegrünungen,
             unter: https://www.umwelt.nrw.de/pressebereich/detail/news/2016-07-22-fassadenbegruenungen-gruene-waende-verbessern-die-

[3]         NRW.BANK (2015): Wohnungsmarktbericht NRW 2015. Düsseldorf, S. 35 ff.,
             unter: http://www.nrwbank.de/wohnungsmarktbeobachtung [08.03.2016]

[4]         Pfoser, N. et al. (2013): Gebäude Begrünung Energie. Potenziale und Wechselwirkungen.
             Abschlussbericht, unter: baufachinformation.de/literatur/Gebäude-Begrünung-Energie/2013109006683 [20.12.2013]

[5]         Pfoser, N. et al./Hrsg.: Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. - FLL (2014): Gebäude Begrünung Energie.
             Potenziale und Wechselwirkungen, Bonn

[6]         Pfoser, N. (2016): Fassade und Pflanze. Potenziale einer neuen Fassadengestaltung, unv. Diss., Technische Universität Darmstadt,
             unter: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/5587/ [21.07.2016]