GRÜNFLÄCHENPFLEGE UND NACHHALTIGE PLANUNG

Abstract

Urban green spaces and its urban climatic functions have gained in importance again as a result of climate change. But it seems that this change in meaning has so far passed the maintenance of green spaces. A standard has become established especially in the tree and shrub pruning which can be seen as a visible sign of existing problems in the planning, tendering and maintenance of urban open spaces. If urban green spaces should be farther part of a sustainable urban development, planning and maintenance must be again better interlinked and coordinated.

 

Im stadtplanerischen Diskurs ist die Anpassung an den Klimawandel inzwischen zum festen Bestandteil geworden. Die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) urbane Räume gegenüber Starkregen, Hitzewellen und Sturmereignissen soll gestärkt werden. Oft sind es urbane Freiflächen, die hier als Potenzial gesehen werden. Im Zuge einer nachhaltigen, klimagerechten Stadtentwicklung sollen Grün- und Freiflächen erhalten, ihr Bestand vergrößert und ihre Funktionen erweitert werden. An diese Zielstellung knüpft die Frage nach der Unterhaltung und Pflege an. Steigende Kosten und sinkende Budget treffen in der Freiflächenunterhaltung nicht erst seit der Euro- bzw. Finanzkrise aufeinander. Im Folgenden soll daher ein Blick auf die Praxis der Freiflächenpflege geworfen werden. Was ist der Status Quo und wie passt er zur Forderung nach Klimaschutz und Klimaanpassung durch Stadtgrün?

Wie kommt‘s? Diese Frage stellt sich mir immer wieder beim Anblick von Gehölzen, die Jahr für Jahr (oder auch zweimal jährlich) zu kompakten, grob kugelförmigen „Puscheln“ zurechtgestutzt werden. Sei es in einem kleinstädtischen Park, der Außenanlage einer Firma, einer Hochschule, oder, oder … Eigentumsverhältnisse und Nutzung mögen andere sein, das Niveau der Pflege hingegen gleich. Gleich gering?

Es stellt sich die Frage, warum die Maßnahmen so durchgeführt werden, wie sie durchgeführt werden. Bei Außenanlagen an Firmen oder Büros mag die Antwort „Hat der Hausmeisterservice halt so gemacht“ noch gelten. Früher war der Hausmeister für den „Hausmeisterschnitt“ verantwortlich, heute der Hausmeisterservice. Altes Problem, neue Benennung. Aber bei öffentlichen Außenanlagen, öffentlichen Grünflächen?

In seinem Buch „Gehölzschnitt“ (8. Auflage 1998) hat Heinrich Beltz noch geschrieben, der Hausmeisterschnitt sei ja zum Glück nicht mehr so häufig anzutreffen. Ein Blick auf die nächste Freifläche kann diese Aussage nicht bestätigen. Es kann natürlich sein, dass die meisten Gehölze einen radikalen jährlichen Rundschnitt inzwischen einfach benötigen. Dann bleibt aber immer noch die Frage im Raum stehen, welcher gestalterischen Absicht diese „Puschel-Paraden“ denn folgen? „Das machen alle so, also mache ich es auch so“?

Die Ursachen für diese „Puschel-Paraden“ sind sicher vielfältig und meist kommen wohl mehre Ursachen einfach unglücklich zusammen:
• Die Planenden haben sich über die spätere Pflege schlicht keine Gedanken gemacht oder für die jeweilige Situation ungeeignete Gehölze gewählt (zu groß, zu wüchsig, zu wenig robust),
• die Pflegenden (und Ausschreibenden) haben nie erfahren, wie die Pflanzung in der Vorstellung der Planenden einmal aussehen sollte und „machen einfach wie sie denken“,
• den Ausschreibenden und/oder den Pflegenden fehlt die Sachkenntnis,
• niemand (sachkundiges) kontrolliert das Ergebnis
• …

Eine Begründung, die naheliegend erscheint, ist das fehlende Geld der Kommunen. Grade in kleineren Städten und Gemeinden mag es nur noch eine gärtnerische Fachkraft geben, die zwischen einem Trupp Ungelernter und dem (einen) beauftragten Sachbearbeiter, für „Umwelt, Friedhof, Parkanlagen und und und“ vermitteln muss. Hier ist die kleine Gemeinde vielleicht näher an der Ausgangssituation eines Unternehmens, das die Pflege seiner Außenanlagen vergibt, aber letztlich nur prüfen kann, ob die gestellte Rechnung rechnerisch richtig ist. Die fachliche Qualität der erbrachten Leistung kann nicht beurteilt werden. Eine andere Ausgangssituation haben größere Städte, die noch über ein eigenes Gartenamt mit differenzierten Aufgaben und vielleicht sogar noch über eigene Stadtgärtner verfügen. Was den „Schnippelschnitt“ in größeren Städten allerdings auch nicht verhindert.

Ist das die Ausgangssituation für die „Green City“ der Zukunft? Zumindest keine tragfähige Basis. Mit dieser Pflegepraxis werden urbane Freiflächen den Anforderungen des Stadtklimawandels nicht gewachsen sein. „Nachhaltige Planung“ wäre hier ein Stichwort, eine Planung die Entwicklung und Pflege mittdenkt und damit ggf. noch kosteneffizienter ist.

Denn wenn eine kleine Gemeinde kein Personal oder keine finanziellen Mittel hat, um eine fachlich sinnvolle Pflege auszuführen, warum dann überhaupt eine schwer oder nur intensiv zu pflegende Anlage/Pflanzung in Auftrag geben? Oder warum Geld für den jährlichen „Puschelschnitt“ ausgeben, der letztlich zum Ausfall (Absterben) ganzer Gehölzes führen wird? Warum zu nah am Weg stehende Gehölze nicht einmal rausnehmen und fertig? Warum den fachlich falschen (also nicht erforderlichen) ein- bis zweimal jährlichen „Puschelschnitt“ nicht einfach sein lassen? Im schlimmsten Fall wird Steuergeld ausgegeben, um von Steuergeldern bezahlte Parkanlagen „herunterzuwirtschaften“ bis nur noch Rasen, Stümpfe und ein paar (dem Schnippelschnitt glücklich entwachsene) Gehölze übrig bleiben. Da hätte man sich das Geld für die Gehölze (und deren `Pflege´) auch gleich bei der Planung sparen können.

Abb. 1: Üppig bepflanztes Straßenbegleitgrün mit u.a. Rosen, Lavendel, Kornelkirschen und an manchen Stellen auch Walnuss und essbare Johannisbeeren, alles aufwändig in Form geschnitten – Absicht, missglückte Planung oder Pflegefehler?

 

Abb. 2: Kreis mit „Puschel“ – hatten die Planenden sich das so vorgestellt?

 

Abb. 3: Haselnuss, einmal mit Habitus (hinten rechts) und einmal ohne (vorne links) 

 

Abb. 4: Rose ohne Chancen aber mit wild gewachsenem Taxus, in ein paar Jahren steht hier dank beharrlichem Rundschnitt wahrscheinlich eine stattliche Taxuskugel, ohne Rose 

 

 

Abb. 5: Nur nichts hochkommenlassen ...

 

 

Abb. 6: Die klassische Kombination von Kirschlorbeer und Bambus, hier allerdings mit der falschen Gattung bzw. Sorte, da hilft dann wirklich nur noch schneiden oder roden

 

Abb. 7: Auch hier ein eigentlich üppig bepflanztes Straßenbegleitgrün mit Taxus- und Hainbuchenhecken, Zierjohannisbeeren, Rosen, Lavendel, Felsenkirschen und Bäumen – ein gestalterisch sinnvolles Bild wird die Pflanzung allerdings nie abgeben

 

Abb. 8: Blick in die gleiche Pflanzung mit radikal gestutzter Felsenbirne – genau dafür pflanzt man doch eine Felsenbirne, oder?

 

Abb. 9: Rundgeschnittene Rose mit stehengelassener Blüte – hier hatten die Pflegekräfte wohl Skrupel

 

Abb. 10: Missglückter Rückschnitt oder hat hier jemand die Rodung vergessen?

 

Abb. 11: Mein Favorit, ein Gras mit Rundschnitt – wer dafür Geld ausgibt ist selber Schuld ...

 

Abb. 11-13: Das klassische Straßenbegleitgrün: zu hoch, zu breit und daher rundgeschnitten – mit einer passenden Pflanzenauswahl hätte man hier im Laufe der Jahre möglicherweise einiges an Pflegekosten einsparen können

 

Abb. 14: Drei Feuerdorn zwischen zwei Bäumen, wenn das mal nicht eine „Puschel“ geben soll ...

 

Abb. 15: Auch hier ein Klassiker: Hecke mit Lücke und das unfreiwillig vereinzelte Gehölz wird so in Form gebracht – die Tragik des Abstandsgrüns ...

 

Abb. 16: Felsenbirne mit Rundschnitt, genau dafür kauft man einen Solitärstrauch ...

Die gezeigten Bilder fassen die „Fallhöhe“ oder die realen Hindernisse zusammen, wenn es um Begriffe wie „nachhaltige Planung“ oder gar „nachhaltige Stadtentwicklung“ geht. Die Planenden stehen (ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht) möglicherweise vor dem Problem, nicht nur Normen, Nutzeransprüche und Sicherheitsaspekte in ihrer Planung unter einen Hut zu bringen, sie müssen ihre Planung auch gegen den „Vandalismus“ der Pflegenden absichern. Schlimmstenfalls müssen sie auch Planungen abliefern von denen sie selbst weissen, dass sie in der Praxis dauerhaft nicht funktionieren können.

Nur „Rasen und Bäume“ kann natürlich auch keine Lösung sein und muss es ja auch nicht. Vielleicht reicht es ja, nicht zum dritten Mal am trockenen Standort eine Baumart nachpflanzen zu lassen, die mit trockenem Standort nicht klarkommt? Die Nachbargemeinde mal fragen, ob die mähbare Staudenmischung sich bewährt hat? Oder der Pflegetruppe sagen, dass man Amelanchier lamarckii nicht schneiden muss und Efeu oder gar Miscanthus keinen Rundschnitt brauchen?

So gesehen ist „nachhaltige Pflege“ bzw. „nachhaltige Planung“ nicht Neues, nichts Innovatives und vor allem nichts Unmögliches: Mit den vorhandenen Ressourcen an Geld und Personal haushalten, im Bau wie in der Unterhaltung. In Dekaden denken, ein Ziel vor Augen haben, wie die Anlage einmal aussehen soll. Entwicklung und Pflege bei der Planung miteinbeziehen, Pflegeziele bei der Ausschreibung kommunizieren. Gegebenenfalls (wenn möglich) bei fachlich falscher Pflege auch mal Schadensersatz fordern? Dass es so einfach nicht ist, beweisen einem die „Puschel“ da und dort. Irgendwo zwischen Planung, Ausschreibung, Vergabe, Ausführung und Kontrolle läuft im Fall der „Puschel“ immer wieder etwas schief.

Was haben die „Puschel“ nun mit Stadtklima und der Anpassung an den Klimawandel zu tun? Genau, nichts. Hier wird ohne Not CO2 emittiert, hier können Gehölze ihre stadtklimatischen Potenziale nicht ausspielen, hier kämpfen sie schlimmstenfalls um ihr Überleben. Das „Green“ in den zukünftigen Green Cities müsste anders aussehen.
 

Fotos und Bildunterschriften aller Abbildungen von Sandra Sieber