GRÜN AN DIE WAND !

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Einleitung

Die weltweite Urbanisierung ist ungebrochen. Immer mehr Stadtkonglomerate und Megacities entstehen. Viele sehen Städte als große Chance – auch im ökologischen Sinne - viele Menschen auf geringem Raum nachhaltig mit Infrastruktur zu versorgen und dabei möglichst wenig Naturraum und landwirtschaftliche Produktionsflächen zu verbrauchen. Um die Städte von morgen lebenswert zu gestalten ist es meiner Meinung nach unabdingbar, mehr Natur und Pflanzen in die Stadt zu bringen. Sie könnten helfen, einigen der negativen Folgen der Verstädterung entgegen zu wirken wie:

  • Flächenversiegelung
  • Hochwassergefahr

  • Überhitzung
  • Feinstaub
  • Lärm
  • Gesundheit der BewohnerInnen
  • Verlust der Artenvielfalt

Der fortschreitende Klimawandel, welcher sich besonders stark auf das Stadtklima auswirkt, verstärkt einige der genannten Problemfelder zusätzlich. Die Antworten der PlanerInnen und EntscheidungsträgerInnen der Stadtverwaltungen sind in der Regel konventionell und selten Ursachen orientiert. In Wien wurde beispielsweise in den vergangenen Jahren ein 120.000m³ fassender Regen- und Abwassersammelkanal errichtet, um die Hochwassersicherheit einiger stark versiegelter Bezirke sicher zu stellen.

Ein innovativer Ansatz wäre der gezielte Einsatz von Begrünungen, welche darüber hinaus zur Lösung aller angesprochenen Problemfelder beitragen. Anstelle eines Sammelkanals, hätte auch eine große Anzahl an Dächern und Fassaden begrünt werden können und Flächen entsiegelt. Der gewünschte Wasserrückhalt hätte wahrscheinlich auch so erreicht werden können aber gleichzeitig auch viele der anderen gewünschte Effekte von Pflanzen.

Problemstellung
Die Integration von begrünten Bautechniken in Bauwerke – sowohl beim Neubau als auch der Sanierung – ist noch lange nicht Standard. Die Ursachen sind vielfältig. Einerseits besteht unter PlanerInnen ein Informationsmangel über erprobte technische Lösungen zur Begrünung von horizontalen und vertikalen Flächen und deren positiven Wirkungen für das Gebäude und deren BewohnerInnen. Andererseits verursachen Fassaden- und Dachbegrünungen in der Errichtung zusätzliche Baukosten. Nur selten werden diese dem Nutzen, insbesondere dem erhöhten Wert einer begrünten Immobilie, der Zufriedenheit der BewohnerInnen etc. gegenübergestellt.

Dachbegrünung

Dachbegrünungen haben in Europa eine lange Tradition. Die Bauweisen sind seit Jahrzehnten bekannt. Weiterentwicklungen beschäftigen sich mit innovativen Materialien und bestimmten Aspekten einer Dachbegrünung wie optimierter Wasserrückhalt, Wärmedämmung etc.

Der Bereich der Dachbegrünungen ist einem weiteren Wandel unterworfen. Dachbegrünungen werden zunehmend gezielt eingesetzt, um bestimmte Wirkungen zu erzielen, wie beispielsweise Wasserrückhalt. Ein weiterer Trend ist der Dachgarten, in dem die BewohnerInnen sich entfalten können, mit dem Ziel die soziale Nachhaltigkeit von Architektur – und deren Wert - zu steigern.

Es existieren in Europa mehrere Normen und Richtlinien, die den Stand der Technik klar definieren und Bautypen und deren Eigenschaften beschreiben. Einer Anwendung von Dachbegrünungen in der Praxis steht nichts entgegen. Manche Verordnungen und Richtlinien, wie beispielsweise die gesplittete Abwassergebühr in Deutschland, begünstigen mittlerweile die Errichtung von begrünten Dächern.

Die österreichische Norm für Dachbegrünungen unterscheidet folgende Typen der Dachbegrünung:

Intensivbegrüngung
Diese Begrünungsart beinhaltet die Pflanzung von Stauden, Gehölzen (auch Bäume!) und Rasenflächen. Hinsichtlich der Pflanzenwahl bestehen bei der Intensivbegrünung nahezu keinerlei Einschränkungen. Sie entspricht am ehesten einem bodengebundenen Freiraum. Dadurch besteht eine große Vielfalt an Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten.
Reduzierte Intensivbegrünung
Im Vergleich zu Intensivbegrünungen ist die Nutzungs- und Gestaltungsvielfalt bei reduzierten Intensivbegrünungen eingeschränkter. Es kommen bodendeckende Begrünungen mit Gräsern, Stauden und Gehölzen zum Einsatz. Die verwendeten Pflanzen stellen geringere Ansprüche an Schichtaufbau, Wasser- und Nährstoffversorgung. Trotzdem sind Pflegearbeiten und eine Zusatzbewässerung erforderlich. 
Extenssivbegruenung 
Darunter sind naturnahe, sich weitgehend selbst erhaltende und weiter entwickelnde Begrünungen zu verstehen. Eingesetzt werden ausschließlich Pflanzen, die mit den extremen Standortbedingungen einer Extensivbegrünung zu Recht kommen und mit einer hohen Regenerationsfähigkeit ausgestattet sind. Bei der Pflanzenauswahl sollte auf mitteleuropäische Floren zurückgegriffen werden.
Reduzierte Extensivbegrünung
Reduzierte Extensivbegrünungen unterscheiden sich von Extensivbegrünungen durch eine geringere Schichtdicke, eine reduzierte Pflanzenvielfalt und eine niedrigere Wasser- und Nährstoffrückhaltefähigkeit. Zum Einsatz kommen hier ausschließlich Sedum - Moos Pflanzengesellschaften.

Fassadenbegrünung

Fassaden stellen die größten Flächen einer Stadt dar. Sie besitzen daher auch enormes Potenzial für Begrünungen, Wärmedämmung, Energiegewinnung etc. Auf Grund thermischer Sanierungen werden momentan europaweit unglaubliche Flächen erneuert. Es wäre sinnvoll diese Dynamik zu nutzen und bauphysikalisch-energetische Ziele mit Fassadenbegrünungen zu kombinieren. Daraus würde sich ein maximaler volkswirtschaftlicher Nutzen erzielen lassen.

Typen von Fassadenbegrünung
In der Fassadenbegrünung können drei Strategien zur Begrünung vertikaler Gebäudeflächen unterschieden werden:

  • Bodengebundene Begrünung
  • Pflanztroggebundene Begrünung
  • fassadengebundene Begrünung

Bodengebundene Begrünung
Die bodengebundene Fassadenbegrünung stellt die klassische Form der Begrünung von Gebäuden dar. Sie besitzt eine lange Historie. Der überwiegende Teil des vorhandenen Wissens über Kletterpflanzen und Rankgerüste bezieht sich daher auf diese Form der vertikalen Bauwerksbegrünung. Sie bedingt ausreichenden Wurzelraum (mind. 1m³) und bautechnische Voraussetzungen am Gebäude selbst (Rankgerüste, tragfähige Putzschichten etc.). Sie stellt die einfachste und kostengünstigste Methode der Fassadenbegrünung dar.

Nachteile der bodengebundenen Fassadenbegrünung sind:

  • nicht ausreichend verfügbarer Wurzelraum, speziell im urbanen Raum
  • schlechtes oder stark verdichtetes Pflanzsubstrat
  • maximal erreichbare Wuchshöhen
  • lange Wuchsdauer bis zum Erreichen der gewünschten Bauwerksbegrünung

Pflanztroggebundene Fassadenbegrünung 
Der Ursprung der Verwendung von Pflanztrögen geht möglicherweise auf die Gärten der Semiramis in der Antike zurück. In der aktuellen Architektur werden Pflanztröge vorwiegend im Geschoßwohnungsbau eingesetzt und so das Bedürfnis Wohnen mit dem Wunsch nach Naturnähe verbunden. Sie werden meist auf Terrassen oder Loggien aufgestellt - Größe, Form und Materialien der Pflanztröge sind sehr variabel. Pflanztröge können mit anspruchslosen Gräsern und Kräuter bis hin zu Großsträuchern und Kleinbäumen bepflanzt werden. Natürlich können auch Kletterpflanzen von Trögen aus Fassaden bewachsen. Bei intensiven oder flächenhaften Begrünungen ist eine Nährstoff- und Wasserversorgung sicher zu stellen. Innenseitige Dämmung und ein Anstausystem wirken sich positiv auf die Vitalität und Wüchsigkeit der Pflanzen aus. Die Nachteile von Pflanztrögen insbesondere im Vergleich zu bodengebundenen Fassadenbegrünungen sind:

  • Höhere Kosten für Errichtung und Pflege
  • Hohe Auflasten (Statik)
  • Raumbedarf
  • In der Regel zu geringer Wurzelraum (erfordert Bewässerung und Düngung)
  • Wartung und Instandhaltung von Bewässerungssystemen

Fassadengebundene Vertikalbegrünung 
Die Anwendung herkömmlicher Fassadenbegrünungsmethoden ist auf den überwiegenden Teil der potenziell begrünbaren Flächen im urbanen Raum nicht möglich. Gründe sind beispielsweise Platzmangel sowie die Gebäudehöhen. Im Bewusstsein der vielfältigen Wohlfahrtswirkungen von Begrünungen für den Menschen haben einige wenige Firmen inzwischen bau- und vegetationstechnische Lösungen entwickelt. Allen voran sei hier Patrick Blanc als großer Pionier und Wegbereiter zu nennen. Allerdings bezeichnet der Tropenbotaniker seine intensiv begrünten Wände eher als Kunstwerke denn als vegetationstechnische Bauweisen. Die Mehrzahl der konkurrierenden Produkte fokussieren ebenfalls auf die Schaffung intensiver botanischer Highlights an den Wänden. Einzige Ausnahme bildet das Kaskadensystem der Firma Techmetall, das auch in einer extensiven Variante angeboten wird. Allen Systemen ist gemein, dass sie erlauben Fassaden völlig variabel zu begrünen – in jeder Höhe, Breite, kombinierbar mit Wärmedämmungen etc. Die Nachteile der bodenunabhängigen Fassadenbegrünungen sind

  • Hohe Errichtungskosten (Materialien, Wandbefestigungssysteme, Bewässerungstechnik)
  • Überwiegend hohe Pflegekosten
  • Bewässerung und Düngung erforderlich

Fassadengebundene Vertikalbegrünungen 
Im folgenden Abschnitt werden exemplarisch einige europäische Vertikalbegrünungssysteme vorgestellt, die dazu geeignet sind, Wärmedämmung und Begrünung zu verbinden. Die Beispielliste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie zeigt aber klar, dass es bereits eine Vielzahl an praktikablen Systemen fertig am Markt gibt und von den ArchitektInnen und Bauherrn eingesetzt werden können.

Kurzbeschreibung Vertikalbegrünungen




 

Produkt / Firma

90degreen

Anwendung

Innen, Außen

Trägermaterial

Mineralwolle, Vlies + Pflanzerde

Pflanzenmaterial

Vorkultiviert

Bepflanzungsart

Intensiv

Technische Einrichtungen

Bewässerung, Düngung

Kosten

Ca. € 500 bis 600 / m²

Anmerkungen

Montage auf vorgehängter Fassade mit o. ohne Dämmung

 




 

Produkt / Firma

Techmetall / Grünwand

Anwendung

Außen, Innen

Trägermaterial

Organisches Pflanzsubstrat

Pflanzenmaterial

Ansaat oder vorkultiviert

Bepflanzungsart

Intensiv

Technische Einrichtungen

Bewässerung, Düngung

Kosten

Ca. € 300 bis 400 / m²

Anmerkungen

Montage auf vorgehängter Fassade mit o. ohne Dämmung

 




 

Produkt / Firma

Vegetalis / Greenwall

Anwendung

Außen, Innen

Trägermaterial

Organisches Pflanzsubstrat

Pflanzenmaterial

Vorkultiviert im Substrat

Bepflanzungsart

Intensiv

Technische Einrichtungen

Bewässerung, Düngung

Kosten

€ 500 bis 600 / m²

Anmerkungen

Montage auf vorgehängter Fassade mit o. ohne Dämmung

 




 

Produkt / Firma

Elata – Helix Systeme

Anwendung

Vetikaler Streifen

Trägermaterial

Organisches Pflanzsubstrat in Trog

Pflanzenmaterial

Vorkultiviert

Bepflanzungsart

Intensiv

Technische Einrichtungen

Bewässerung, Düngung

Anwendung

Außen

Kosten

€ 700 bis 900

Anmerkungen

Montage auf vorgehängter Fassade mit o. ohne Dämmung




 

 

Produkt / Firma

Flexipanel / Sempergreen

Anwendung

Highlight, Vetikaler Streifen

Trägermaterial

Mineralwolle

Pflanzenmaterial

Vorkultiviert, wurzelnackt

Bepflanzungsart

Intensiv

Technische Einrichtungen

Bewässerung, Düngung

Anwendung

Innen, Außen

Kosten

€ 350 bis 450 / m² zuzüglich Bewässerungssystem (ca. € 1000 pro Wand)

Anmerkungen

Montage auf vorgehängter Fassade mit o. ohne Dämmung

Die gezeigten Systeme sind alle mit einer thermischen Sanierung von Gebäuden kompatibel. Außerdem bringen sie all jene Vorteile die nur Vegetation entfalten kann:

  • Verbesserung des Mikroklimas (Reduktion der Temperatur, Erhöhung der Luftfeuchte)
  • Schutz des Baukörpers
  • Vermeidung der Überhitzung von Baukörpern
  • Wasserretention
  • Staubfilterung (auch Feinstäube)
  • Lärmreduktion
  • CO2 Speicherung
  • Lebensraum und Lebensraumvernetzung

Resumee

Gerade der Bereich der fassadengebundenen Vertikalbegrünungen ist sehr dynamisch. Das große Flächenpotential in den Städten einerseits und der Bedarf nach Lösungen für Probleme wie Überhitzung, Wasserhaushalt, Feinstaub, Biodiversität etc. treibt Unternehmen an immer neue Produkte zu entwickeln. Den ArchitektInnen und Bauherrn stehen mittlerweile viele stilistisch unterschiedliche Formen der Vertikalbegrünung zur Auswahl. Auch den öffentlichen Entscheidungsträgern ist dieses Potenzial bewusst. Es liegt nun an uns ForscherInnen, die vielfältigen Wirkungen von Begrünungssystemen zu untersuchen und berechenbar zu machen, um deren gezielten planerischen Einsatz zu ermöglichen. Vielleicht werden dann in Zukunft keine konventionellen technischen Lösungen mehr eingesetzt, wie ein Abwassersammelkanal oder eine Klimaanlage. Vielleicht werden dann Begrünungen flächenhaft gefördert und errichtet, um bestimmte Ziele zu erreichen.