GEBÄUDEBEGRÜNUNG ALS KONZEPTIONELLE ARCHITEKTUR-INTEGRATION

Abhängigkeiten, Anforderungen und Umsetzung / 14.03.2012

 

Der Einfluss der planenden Berufe

Schon hier sei die Anmerkung erlaubt, ob es im Titel nicht richtiger  „...konzeptionelle Bauwerks-Integration“ heißen müsste, denn die architektonische Gestaltung ist nur einer von vielen wesentlichen Gesichtspunkten: Gebäudebegrünungen schaffen Aufenthaltsqualität und Standortaufwertung, sie leisten sommerliche Flächenkühlung, Kohlendioxid-Aufnahme, Sauerstoffproduktion, Feuchtigkeitsbindung und -Spende, Staubfilterung sowie Geruchs- und Schallabsorption (PFOSER 2010), und sie bieten Lebensraum für bedrängte, nützliche Kleintierarten (siehe hierzu u. a. Auswirkungen des Bienen- und Insektensterbens auf die Nahrungskette). Doch solange bzw. soweit Bebauungspläne und Baugenehmigungen hier keine konkreten Forderungen stellen, kann der Anschub in erster Linie aus der Gruppe der gestaltenden Planer kommen, die Chancen einer Begrünung der Außenhaut oder der Innenfassaden ihrer Projekte aufzugreifen und in ihre Architekturkonzeptionen zu übertragen. An den Architekten aller Baudisziplinen vom Städtebau über die Bauplanung und Grünplanung bis zur Innenraumgestaltung liegt es, das gestalterische, klimatische und ökologische Entwicklungspotenzial ihrer Entwürfe durch die Gebäudebegrünung zu erkennen und zu kommunizieren, um ihre Auftraggeber umfassend und zukunftsgerichtet zu beraten, und dabei solide Erkenntnisse und Prognosen gegen überkommene Vorurteile zu stellen.
Die Bedeutung einer integrativen Behandlung der Begrünung als festem Bestandteil der Gebäudekonzeption, deren langfristige Funktionsfähigkeit ebenso erhaltender Maßnahmen und regelmäßiger Wartung bedarf, wie auch die technischen Gebäudesysteme von Fassaden und energiesparenden bzw. -gewinnenden Bauteilen, sollte dem informierten Investor und Bauherrn verständlich sein. Die Synergie zwischen geeigneter Begrünung und Steuerung von Energie-Strömen (z.B. Feuchteschutz, natürliche saisonal geregelte Verschattungsperioden, Optimierung der Solarstrom-Ernte durch Verdunstungskühlung der Panels) bedarf ebenfalls der interdisziplinären und integrativen Betrachtung.

Hinderungs-Faktoren

Doch wie sieht die Praxis aus? Die Ursachen der zahlenmäßig und qualitativ enttäuschenden Bilanz von ausgeführten konzeptionellen Gebäudebegrünungen in Deutschland über die letzten 20 Jahre lassen sich in vier Schwerpunkten zusammenfassen:
- Die „wirtschaftliche Optimierung“ von Bauvorhaben ist häufig ausschließlich auf das Delta zwischen Investition und Verkaufserlös gerichtet. Die Realisierung erfolgt auf dem untersten, gerade noch unangreifbaren Qualitätslevel. Der freie Markt lässt dies zu, wenn allein der Preis zählt. Es besteht kein über eine Mindesterfüllung hinausgehendes Engagement des Investors, Beiträge für die künftigen Nutzer, die städtische Umgebung oder die Umweltbedingungen zu leisten. Selbst in wichtigen städtischen Lagen sind daher bei solchen Projekten verantwortungsbewusste Planer chancenlos, die über den Zukunftsbeitrag der Gebäude zur Umgebungsqualität bis hin zum einstigen Abbruch und über den qualitativen Gegenwert für ihre Nutzer nachdenken. In den preiswerten städtischen Randlagen entstehen unter den gleichen Bedingungen dicht gepackte Fertighaus-Ansammlungen. Diese umfangreiche Sparte des gegenwärtigen Bauens fällt per se für einen integrativen Begrünungsanspruch aus. Additive Gebäudebegrünungen einzelner Bewohner leisten zumindest einen unsystematischen Beitrag zur ökologischen und visuellen Verbesserung.
- Anspruchsvollere Bauherren und Investoren wenden sich an nicht ausreichend ausgebildete „Fachleute“, sie finden nicht zu einer zukunftsweisenden, informierten Beratung über Gebäudebegrünung, Energieeinsparung und Umweltverantwortung. Vorurteile gegen die neuen fassadengebundenen Begrünungstechniken (experimentelles Image) und Bedenken wegen vermeintlich überproportional hoher Kosten, aber auch Rückschläge durch Fehlplanungen bzw. -Anwendungen oder ausbleibende Wartung (verlorene Investitionen) kommen hinzu. (SCHLÖSSER 2003).
- Städtische Auflagen zur Bauwerksbegrünung, insbesondere der Fassadenbegrünung neuer Bauvorhaben sind noch selten. Während konkrete genehmigungsrelevante Eingriffs- und Ausgleichsberechnungen bei Bebauungsplänen und Baugenehmigungen zur täglichen Routine geworden sind, liegen Forschungsergebnisse und verlässliche Daten zur Leistung der Gebäudebegrünungs-Techniken praktisch nur zur Dachbegrünung und klassischen bodengebundenen Begrünung vor. Der Datenfundus weniger Jahre zu den neuen, fassadengebundenen Begrünungstechniken lässt eine Definition von Anforderungen und eine Methode zur ihrer Nachprüfung noch nicht zu. Anderweitige (z. B. steuerliche) Anreize zur Förderung entsprechender Investitionen fehlen.
- Stichwort Interdisziplinarität: Entwicklungspotenzial scheitert auch an der noch anhaltenden Ära des sich als Generalist verstehenden Architekten, der engagiert und in Verkennung seiner Wissenstiefe (und seiner Haftungsbreite) alle Entscheidungen in eigener Hand halten will. Die Komplexität der zu integrierenden Planungsbereiche benötigt ohne Frage eine zielbewusst steuernde Hand, aber sie verlangt zugleich die gegenseitige Akzeptanz der Fachkenntnisse und ein positives Verhältnis zu einer gemeinschaftlichen ergebnisbezogenen Optimierungsleistung.

Mittel zur Abhilfe

Welche Gegenmaßnahmen und welche Aktivitäten zur Förderung und Wegbereitung der Gebäudebegrünung sind möglich und überfällig? Besteht über die oben genannten Leistungen der Gebäudebegrünung hinaus auch eine breite Akzeptanz der gestalterischen Veränderungen gegenüber unserer gewohnten Architekturvorstellung eines Natur/Technik-Kontrastes (FABRIZZI 2003)?
Um die zweite Frage vorweg zu nehmen: die Rückbesinnung auf Naturwerte begleitet unser tägliches Leben. Verfügbare Herstellungssysteme wie die CNC-Bearbeitung von Materialien mit Fräser-, Laser- oder Wasserstrahl-Schnitt zeigen immer häufiger die Sehnsucht der Menschen, florale Naturmotive auf Flächen ihrer Gebäude und ihrer Einrichtungen abzubilden. Auf ähnliche Weise digitalisierte Baum- und Pflanzenmotive werden in Betonschalungen eingeformt und bilden sich dauerhaft ab. Die ehemalige Naturfreude des Jugendstils überträgt sich mittels modernster Fräs- und Drucktechnik auf das Bauen unserer Zeit (siehe BAHAMON, PEREZ, CAMPELLO 2008 / URSPRUNG 2002). Eine gute Zeit, um der Gebäudebegrünung zu neuen Lebensräumen zu verhelfen, und eine gute Voraussetzung, sich öffentlich den Fragen zur Förderung der Gebäudebegrünung zuzuwenden.
Sicher ist eine weitergehende Beforschung der Leistungsdaten besonders der modernen Begrünungssysteme voran zu treiben, um Bebauungspläne und Baugenehmigungen konkret auf die städtischen Entwicklungsziele anzupassen. Erst mit einer qualitativen und quantitativen Messbarkeit der ökologischen Leistungsfähigkeit der klassischen Gebäudebegrünungen und ihrer erweiterten Anwendungsmöglichkeiten als fassadengebundene Techniken kommt eine geregelte konzeptionelle Integration in das Bauwesen ebenso in Betracht wie die schon seit Jahren dort bereits erfolgreich verankerten Ausgleichsanforderungen und Energieeinsparungsmaßnahmen. Stadtkartierungen - sehr ähnlich den zur Erfassung von geeigneten Bestandsflächen zur Gewinnung erneuerbarer Energien von einigen Städten bereits durchgeführten Kartierungen - geben Aufschluss für langfristige Entwicklungen und ermöglichen eine frühe Information der Bauherren über die Anforderungen in bestimmten Stadtlagen (ECOFYS 2008). Der Bedarf an innerstädtischem Grün ist mit der Verdichtung früherer Jahre signifikant gewachsen. Aber mit ihren Grenzmauern, Brandwänden, Fassadenscheiben und Loggia-Flächen bietet sich den Städten gerade auch im Bestand durch die klassischen und die neuen fassadengebundenen Begrünungstechniken der „living walls“ ohne Bodenwasseranschluss eine vielfache potenzielle Vegetationsfläche gegenüber den raren Bodenflächen an. Hier ist der „Steinernen Stadt“ die Chance zum Neustart einer systematischen Gebäudebegrünung geboten.

Zukünftige Anforderungen an die Planer

Mit der zunehmenden Mess- und Bewertbarkeit der verschiedenen Gebäudebegrünungs-Techniken müssen sich die Bauherren und ihre Planer darauf einstellen, zukünftig entwurfsrelevante Entscheidungen aus der Bandbreite der unterschiedlichen Fassaden- und Dachbegrünungen in ihre gestalterischen und gebäudetechnischen Konzeptionen einzubeziehen und dabei mögliche Synergien zu den Energieeinsparungs-Maßnahmen zu berücksichtigen. Mit einem solchen Anspruch erweist sich die gelegentliche oder zeitlich versetzte Einschaltung eines Landschaftsarchitekten nicht mehr als zielführend. Stattdessen wird eine interdisziplinäre, partnerschaftliche Konzeptionsentwicklung bereits ab den frühen Entwurfsphasen benötigt, damit die Ziele der Stadtplanung und die Effizienz der eingesetzten Geldmittel hinsichtlich der klimatischen und ökologischen Anforderungen ebenso selbstverständlich gesichert sind, wie z. B. regelmäßig die interdisziplinäre Entwurfsentwicklung einer Gebäudekonzeption und ihrer Tragwerksplanung.
Eine solche Interdisziplinarität umfasst unter den Aspekten der Einlösung der ökologischen und gestalterischen Zielsetzungen, der pflanzentechnischen und botanischen Entscheidungen, der baulichen u. U. ganzjährigen Pflanzen-Versorgungssysteme, der Wartungsmöglichkeit, der Ausprägung des Daches, der Gebäude-Grundfassade und der Pflanzen-Vorfassade bei fassadengebundenen Lösungen allein im technischen Planungsspektrum das Zusammenwirken von Landschaftsarchitekt, Botaniker, Ökologe, Architekt, Fassadenplaner, Gebäudetechniker, Tragwerksplaner und System-Hersteller (PFOSER 2011). Eine  Erarbeitung von System- und anwendungsgerechten Regellösungen durch solche Teams wäre anzustreben. Diese Lösungen könnten dann mit angemessenem Aufwand auf die jeweilige Bauaufgabe angepasst werden.

Eine sinnvolle Abfolge der Entwurfsschritte wird zunächst die grundsätzliche bautechnische Eignungs-Analyse bezüglich des geplanten Zusammenwirkens von Pflanze und Fassade an den Anfang stellen. Dies gilt für den Bestand und um so mehr für den Neubau, solange die Entwurfsfaktoren solcher dual bestimmter Gebäudehüllen noch weich genug sind, um auf erfolgversprechende Varianten zu reagieren. Künftige Realisationen werden langfristig zu neuen Erkenntnissen führen. Bis dahin gilt es, das gegenwärtige Wissen der vorgenannten Disziplinen - bezogen auf die Entwurfsziele - abzufragen, damit die Ansprüche an Leistung und Gestaltung der Begrünung sich nicht infolge frühester Fehlentscheidungen als unerfüllbar heraus stellen. Die beigefügte Übersicht „Fassadenkonstruktionen und Begrünungstechniken“ soll es Bauherren und Architekten erleichtern, erfolgversprechende Ausführungsvarianten an den Anfang der Entscheidungskette zu stellen (siehe Diagramm "Fassadenkonstruktionen und geeignete Begrünungstechniken").

Zu den Darstellungen der unterschiedlichen systematischen Wandaufbauten bitte (das Diagramm herunterladen und) die gewünschten Wand-Aufbau-Varianten anklicken.

Fassadenkonstruktion und geeignete Begrünungstechniken

 

 

Literaturhinweise

 

Bahamon, A.; Pérez, P.; Campello, A. (2008): Analogien. Moderne Architektur und Pflanzenwelt, München

Ecofys GmbH (2008): Stadtraumtypenkatalog, In: Digitaler Umweltatlas Berlin. Solare Flächenpotentiale, Berlin

Fabrizzi, F. (2003): Architettura verso Natura. Natura verso Architettura, Florenz

Köhler, M. (1993): Fassaden- und Dachbegrünung, Stuttgart

MBW Ministerium für Bauen und Wohnen des Landes Nordrhein-Westfalen, Hrsg. (1991): Empfehlungen zur Fassadenbegrünung an öffentlichen Bauwerken, Düsseldorf

Pfoser, N. (2010): Architekturmedium Pflanze. Potenziale einer neuen Fassadengestaltung, In: Stadt+Grün 3/2010, Berlin, S. 54-59

Pfoser, N. (2011): Fassadenbegrünung. Erweiterte Systematik, In: Bauwerksbegrünung, Jahrbuch 2011, Stuttgart, S. 97-103

Schlößer, S. (2003): Zur Akzeptanz von Fassadenbegrünung. Meinungsbild Kölner Bürger - eine Bevölkerungsbefragung, PhD Universität Köln

Ursprung, P. (2002): Herzog & de Meuron. Naturgeschichte, Baden, S. 159, 168-169

 

Abbildungen

01      Begrünung – Totalverlust für Wärmedämm-Verbundsystem © Nicole Pfoser  

02      Nachnutzung einer fehlgeplanten Kletterhilfe © Nicole Pfoser

03      Siedlungskonzept mit Grün-Integration Eden Bio, Paris - Éduard François © Nicole Pfoser

04      Steinerne Stadt – Vertikaler Garten Rue Alsace 21, Paris - Patrick Blanc © Nicole Pfoser

05      Architektur-affine Freiheit und Begrenzung der Fassadenbegrünung Pauluskirche und Pfarrhaus, Darmstadt © Nicole Pfoser

06      Schattenspendende Raumerweiterung, Ansicht und Sichtschutz Laubengang Studentenwohnheim, Garching - Fink + Jocher, Rainer Schmidt © Architekten Fink + Jocher

07      Grüner Raumabschluss für Laubengänge Ex Ducati, Rimini - Mario Cucinella © Mario Cucinella Architects

08      Fassadenaufwertung durch Überlagerung mit Rankgerüst Prinz-Georgs-Garten, Darmstadt © Nicole Pfoser

09      Raumdefinition und Biodiversität Dachgarten, Paris © Greenwall, Arne Mehdorn

10      Diagramm Fassadenkonstruktionen und geeignete Begrünungstechniken Grundlage: FLL-Richtlinie für die Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen mit Kletterpflanzen, Bonn 2000 - Ergänzungen durch Verfasserin © Nicole Pfoser 12/2011