FASSADENBEGRÜNUNG - DIE NOTWENDIGKEIT EINER NEUEN SYSTEMATIK

14.03.2011

 

1. Warum eine neue Systematik?

Die Fassadenbegrünung hat den Erdboden verlassen. Neben den traditionellen bodengebundenen Varianten erfahren autarke Bewuchssysteme ohne Bodenverbindung eine zunehmende Bedeutung, sie stoßen auf ein breites, insbesondere innerstädtisches Anwendungsfeld. In wachsenden Großstädten werden neben den hart gegen Investoren-Begierden verteidigten Grünflächen künftig kaum zusätzliche Bodenflächen für neue Begrünungen zur Verfügung stehen. An der Zunahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen und dem damit verbundenen Versiegelungsgrad haben gerade diese Städte einen überproportionalen Anteil. Schon heute sind ihre Zentren von dichtem Straßenverkehr, Lärm, Schadstoff-Emissionen, schnell verkommenden Fassaden und klimatischen Extremen belastet.

Fassadenbegruenung Pfoser

Die klassischen Fassadenbegrünungen: bodengebundene Begrünung, Blumenkasten
Foto: Nicole Pfoser, 2009

Die kompensatorische Wirkung begrünter Flächen erreicht je nach ihrer Ausprägung unterschiedliche Effizienz gegenüber den Negativkriterien innerstädtischen Wohnens (SUKOPP u. WITTIG 1993, 125 ff.), wie

    * Luftbelastung aus Stäuben und Giften infolge der stationären und mobilen „Fossilität“ unserer Städte
    * Überhitzung der zentralen städtischen Speichermasse (Heat Island Effect)
    * mangelhafte Aufenthalts- und Umgebungsqualität

Die Bandbreite, der Gebäudebegrünung zur Verbesserung des Innestadtklimas umfasst mehrere unmittelbar klimatisch wirksame Faktoren, die als Multiplikatoren wirken, indem sie die Akzeptanz von Gebäudebegrünungen steigern (Pfoser 4/2010, S. 24 ff.).

Die beiden städtischen Oberziele, nämlich die Zufriedenheit der Städter, die neben infrastrukturellen Qualitäten im Wesentlichen eine Frage der Lebens-und Aufenthaltsqualität ist, und die künftige umweltverantwortliche Beherrschung der mangelhaften stadtklimatischen Verhältnisse durch den Einsatz natürlicher Wirkungsweisen und erneuerbarer Energien, sind wesentliche Parameter für die künftige Attraktivität der Stadt und für Ihre Zukunftsfähigkeit im Sinne einer nachhaltigen, ökologischen Entwicklung und Erneuerung (PFOSER, 2010).

Infolge der oft nicht vorhandenen oder eingeschränkten Möglichkeit, Fassadenbegrünungen an die Pflanzenversorgung aus dem Erdreich anzubinden, sind den konventionellen (bodengebundenen) Begrünungen autarke (fassadengebundene) Begrünungen zur Seite zu stellen (Pfoser 3/2010, S. 55). Gelungene, großflächige Anwendungen fassadengebundener Begrünungen aus aller Welt füllen die Fachzeitschriften und die Themenhefte des modernen Bauens. Sie sind zu einem architekturbestimmenden Gestaltungsmittel avanciert, verbunden mit einer Reihe von ökologischen, ökonomischen und sozialen Vorteilen. Eine aktuelle Systematik der Fassadenbegrünung wäre daher ohne die Aufnahme des Standes der Technik heutiger fassadengebundener Systeme unvollständig.

 Fassadenbegruenung Pfoser

Musée Quai Branly, Paris (Architekt Jean Nouvel, Paris) Mur Végétal (Patrick Blanc)
© Michael Vorbröcker, 2009

 

2. Gesamt-Übersicht Fassadenbegrünung

Die Anwendungsbreite bodengebundener Begrünungen über Gerüstkletterpflanzen wurde durch neue Materialien und Techniken erweitert, ihre Lastabtragung dem heutigen Stand des Bauens (z.B. Vermeidung von Wärmebrücken) angepasst. Seilspannsysteme und Metallnetze lassen es heute zu, Fassaden großflächig zu überspannen und werden mit ihrer Begrünung zu einem architektonischen Leitthema (Pfoser 3/2010, S. 57).

Fassadenbegruenung Pfoser

Mur végétal de la Gare du Nord, Paris: Die Loslösung vom Erdboden. Neue Wuchsorte für das Element ,Natur‘. Foto ©Greenwall, Arne Mehdorn, 2009

Unter dem Begriff der fassadengebundenen Begrünung ist der gesamte Katalog der seit etwa 20 Jahren zunächst experimentell, inzwischen aber ebenfalls professionell und zum Teil industrialisiert ausgeführten Beispiele ohne Bodenanschluss zusammengefasst (Pfoser 3/2010, S. 56). Mit der Abkoppelung der Gebäudebegrünung vom Boden wird die Pflanzen-Exposition erheblich erweitert, was angepasste und neue Techniken des konstruktiven Aufbaus, der Pflanzenauswahl sowie ihrer Versorgung und Wartung erfordert. Zugleich wird mit dieser Technik die Skala der zur klassischen Fassadenbegrünung geeigneten Pflanzen ohne bzw. mit Kletterhilfe (Köhler 1993) um viele Wuchsformen erweitert: Sträucher, Stauden, Gräser, Farne, Zwiebel- und Knollengewächse, Moose, Epiphyten, Lithophyten.

 Fassadenbegruenung Pfoser

Mur Végétal am Magasin BHV Homme, Paris (Patrick Blanc) Systeme ohne Bodenanschluss. Eine innerstädtische Chance für Begrünungen. Foto © Michael Vorbröcker, 2009

Unabhängig von der Technik ihrer Substratträger ist den unterschiedlichen Arten der fassadengebundenen Begrünung eine bewusste Integration in die architektonische Fassadengestaltung zu eigen. War in der Regel die bodengebundene Fassadenbegrünung eine Themenüberlagerung von Fassadengestaltung und ,natürlichem‘ Pflanzenwuchs (mit Ausnahme von Gerüstkletterpflanzen an Pergolen, Klettergerüsten und Rankspalieren), so verlangt die fassadengebundene Begrünung eine interaktive Planung sowie die Vorstellung eines gestalterischen Zieles. Die Pflanze wird damit zum kalkulierten Bestandteil der Gestaltung und erfährt eine aufwändigere, in bestimmten Intervallen durchzuführende Wartung Ihrer Versorgung, Trimmung ihrer Form (Pfoser 3/2010, S. 56) und ggf. den Austausch einzelner Pflanzen.

Fassadenbegruenung Pfoser

Klimatisch wirksame Vorfassade, Institut für Physik der HU-Berlin (A: Augustin und Frank, Berlin; LA: Stefan Tischer mit Joerg Th. Coqui, Berlin) Foto: Nicole Pfoser, 2009

Mischformen aus boden- und fassadengebundenen Begrünungen, wie die Kombination aus bodenständigen Pflanzen und Pflanzen in bodenfreien Substrat-Trägern werden in der modernen Architektur technisiert und verfremdet (Pfoser 03/2010, S. 57). Diese Art einer kombinierten Begrünung erfährt derzeit eine hohe Akzeptanz. Der Umgang mit Gerüstkletterpflanzen ist vertrauter, als die ausschließlich fassadengebundenen Techniken.

Aus der Untersuchung der bereits auf dem Markt etablierten Systeme kann man insgesamt folgende Kategorisierung zur Fassadenbegrünung vornehmen:

Diagramm Pflanzenfassaden

Kategorisierung verschiedener möglicher Pflanzenfassaden © Nicole Pfoser 09/2009
Grundlage: Diagramme (FLL 2000, S. 19; Kaltenbach 2008, S. 1455), Ergänzungen durch Verfasserin.

 

Fassadenbegruenung Pfoser

Erdgebundene Technik: Begrünter Edelstahlnetz-Raumabschluss an den Laubengängen eines Studentenwohnheimes der TU München (A: Fink + Jocher, München, LA: Rainer Schmidt
© Architekten Fink +Jocher, München

 Fassadenbegruenung Pfoser

Swiss Re Germany AG, Unterföhring: umlaufende bewachsene Vorfassade (A: Bothe, Richter, Teherani; LA: Martha Schwartz) © May Landschaftsbau GmbH & Co., Feldkirchen

Fassadenbegruenung Pfoser

Beliebter Stadtteil-Treffpunkt: MFO-Park in Zürich/Neu-Oerlikon. Dreidimensionaler Stadtpark als naturräumliche Nachbildung eines Gebäudes der ehemaligen Maschinen-Fabrik Oerlikon am selben Standort. Mischtechnik boden- und fassadengebundener Begrünungssysteme mit formgebenden Kletterhilfen und automatischem Bewässerungssystem. (A: Burckhardt & Partner, LA: Raderschall Partner AG) © Michael Vorbröcker, 2008

 

3. Ausblick

Besonders in der zentralen Verdichtung der großen Städte kann ein Flächenzuwachs des Stadtgrüns die Qualität des Lebensraumes „Innenstadt“ vielfältig verbessern und so dem innerstädtischen Wohnen wieder neue Attraktivität geben.

Da hierzu neue Bodenflächen praktisch nicht zur Verfügung stehen, bzw. die verbliebenen spärlichen Erdboden-Anschlüsse entweder unterbaut oder auf ihrer „Höhe Null“ chemisch und mechanisch belastet sind, eröffnet die fassadengebundene Begrünung ein erhebliches Potential an zusätzlichen städtischen Grünflächen. Den höheren Kosten dieser neuen Techniken ist die Ersparnis an teuerer innerstädtischer Bodenfläche und die Einsparung an kostspieligen Sicht-Fassadenmaterialien gegenzurechnen. Die Steigerung des Wohnwertes und eine Aufwertung der „Adresse“ können zum Antrieb für privatwirtschaftliches Engagement werden.

 

Literatur:

FLL (2000): Richtlinie für die Planung, Ausführung und Pflege von Fassadenbegrünungen mit Kletterpflanzen, Bonn

Kaltenbach, F. (2008) Lebende Wände, vertikale Gärten - vom Blumentopf zur Systemfassade, in: Detail. Zeitschrift für Architektur + Baudetail 12/2008, München

Köhler, M. (1993): Fassaden- und Dachbegrünung, Stuttgart

Pfoser, N. (2010) Gestaltungspotential Fassadenbegrünung - Optimierung architektonischer und stadtplanerischer Entscheidungen, in: Bauwerksbegrünung Jahrbuch 2010, Stuttgart

Pfoser, N. (3/2010) Architekturmedium Pflanze. Potenziale einer neuen Fassadengestaltung, in: Stadt+Grün, Berlin

Pfoser, N. (4/2010) Frische Luft durch Grün, in: Garten + Landschaft. Stadtklima, München

Sukopp, H.; Wittig, R. (1993): Stadtökologie. Ein Fachbuch für Studium und Praxis, Stuttgart