DREI STATEMENTS ZUR STADTPLANUNG HEUTE

...aus Anlass der Planung der Reininghausgründe in Graz...

 

“Irren ist menschlich” heißt das tröstliche Sprichwort, mit dem wir uns über unsere Unvollkommenheiten hinweg helfen. Was aber wenn sich Stadtplaner und Politiker irren? Berufsgruppen, die mit ihren Entscheidungen die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen festlegen? Auch da ein achselzuckendes “Irren ist menschlich”, wenn sich nach einiger Zeit, manchmal sogar schon nach kurzer Zeit herausstellt, dass es Fehlentscheidungen waren? 

Stadtplanung gehört zu den komplexesten Entscheidungen überhaupt, die eine Gemeinschaft treffen muss. Die Variablen sind schier endlos, die Gefahren für Fehleinschätzungen zahlreich, dies zumal in Zeiten rasanter Veränderung nahezu aller Rahmenbedingungen wie wir sie derzeit mitmachen: Verknappung natürlicher Ressourcen, Klimawandel, Reduktion der Biodiversität, demographische Verschiebungen, globale Bevölkerungsexplosion, durch schnelle Entwicklung und Anwendung im IT-Sector Veränderung von Informationsströmen und Zugang zu Information, auch mit Auswirkung auf das Sozialverhalten - um nur einige Stichworte zu nennen, die das Leben in städtischen Gemeinschaften tangieren, und deren Auswirkungen hinsichtlich der Anforderungen an die gebaute Umgebung noch kaum zu übersehen sind.
Nur eines steht fest: die Regeln und Richtwerte der Stadtplanung aus der Vergangenheit, die immer noch Ausgangsbasis allen Vorgehens sind, können auf keine Fall mehr fraglos heutigen Planungen zugrunde gelegt werden. Stadtplanung muss von ihren Grundfesten her neu durchdacht werden. Die bewährten Denkmuster und Lösungen reichen nicht mehr aus. Zu viele neue Umstände, zu viele veränderte Perspektiven sind hinzugekommen.
Heißt das, wir müssen schleunigst Arbeitsgruppen einsetzen, die die Regeln und Richtwerte des Fachs neu formulieren? Ja und Nein – vor allem Nein:
Viele der neu gefassten Regeln wären wohl wieder veraltet, sobald ihre Festlegung durch alle Gremien vollzogen ist. Was wir nötig haben in einer Zeit rasanter Veränderungen ist eine Vorgehensweise, die diese Veränderungen hautnah und komplex reflektiert, um offene, flexible Antworten zu entwickeln.
Was heißt das? Hierzu 3 Statements.
 
Erstens zur Vorgehensweise der Stadtplanung in einer Zeit stets schnellerer Veränderung von Rahmenbedingungen:
Nötig ist Planung durch ein öffentliches Forum.Ein öffentliches Forum, in dem nicht nur die Vertretern der diversen Fachdisziplinen, sondern auch die Repräsentanten der involvierten städtischen Akteure mit ihrem jeweiligen Kenntnisgebiet sitzen und in einen Dialog mit Stadtplanern und Politikern treten können. Auf diese Weise kommen die Fachkenntnisse der Stadtplaner und der damit in Zusammenhang stehenden Fachdisziplinen und das Wissen und die Vorstellungen der Marktparteien, der Nutzer und Bewohner direkt und vor aller Ohren auf den Tisch, können untereinander abgeglichen werden und kann gemeinsam auf Lösungen hin diskutiert werden. Dabei ist es Aufgabe der Stadtplaner, die in solchen Diskussionen erreichten Ergebnisse in Planungen zu ver-räumlichen und in Handlungsschritte zu untergliedern. Das geht nicht in einem Schritt - es ist ein iteratives Verfahren, in dem die planerische Konkretisierung manchmal mehrfach zur Diskussion vorgelegt wird, bis sie in einer endgültigen Version eines Konsenses versichert ist. Auf diese Weise können Zielsetzung und Planung in einer offenen und öffentlichen Diskussion nach allen Seiten auf ihre möglichen perspektivischen Auswirkungen überprüft und gegebenenfalls noch im Laufe des Verfahrens angepasst werden[1].
Das ist mehr als einfach ein Partizipationsverfahren! Es ist eine Planungsmethode, die imstande ist, hochkomplexe Gegebenheiten ins Blickfeld zu rücken, zu gewichten, abzustimmen im Gewirr gegenläufiger Interessen und zudem im Verlauf des Planungsprozesses flexibel anzupassen. Stadtplanung mithilfe eines öffentliches Planungsforum ist die Modernisierung der Expertenplanung, von der Planer, Politiker und die Stadtgesellschaft profitieren: Es ist eine transparente Planung, die in ihrem Verlauf selbst ihre gesellschaftliche Akzeptanz schafft. Denn Stadtplanung kann niemals alle zufrieden stellen – sie verschafft Vorteile und Nachteile, sie ist ihrer Natur nach auf Kompromiss und Kompensation von Nachteilen angelegt. Nur dann, wenn diese Abwägung in aller Öffentlichkeit stattfindet, kann ein omnium optimum erreicht werden und können etwaige Korrekturen durchgeführt werden, die im Laufe des Prozesses in dieser schnellveränderlichen Welt notwendig werden, ohne dass darüber Konflikte ausbrechen. Nota bene: Die Rolle der Stadtplaner wird dadurch in keiner Weise gemindert: sie sind die zentralen Übersetzer von Ideen und Konzepten in handlungsrelevante Vorgaben: in Pläne, die umgesetzt werden können.
 
Zweitens zur Zukunftsvision von Stadt:
Aufhebung der Trennung zwischen Stadt und Land.
Die Verdoppelung der Weltbevölkerung wird auch an unseren europäischen Inseln der Seligen nicht vorbei gehen. Die Städte werden wachsen und die ländlichen Zonen werden die agrarische Produktion intensivieren. Das hat Folgen. Bereits jetzt sagen uns die Biologen, dass die Biodiversität in Städten größer ist als auf dem Lande. Das ist ein Indikator dafür, dass auch auf dem Lande längst nicht mehr die Rede sein kann von Natur. Von Naturschutzgebieten einmal abgesehen, ist der größte Teil des Landes faktisch nichts anders als eine große monotone Produktionsmaschine von tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln. Die ‚nutzlosen’, ‚wilden’ Tiere und Pflanzen flüchten in die Stadt. Die Stadt ist – wie das Land um sie herum - zu einer Kulturlandschaft geworden. Zu einer Kulturlandschaft, die eine größere Artenvielfalt aufweist als sie außerhalb ihrer Grenzen zu finden ist. Nicht mehr Gegensatz zur Natur ist sie, nein, die Stadt ist ein Naturtypus mit einer großen Diversität an Habitats, wie etwa Felsenlandschaften mit Seen und stellenweise Bewuchs, oder wie Wüsten mit Oasen... 
Sich dieser Erkenntnis zu stellen heißt für uns alle, voran für Planer und Architekten, ganz neu zu denken: nicht Bauwerke gegen Natur, nicht ‚Rot’ versus ‚Grün’, sondern Rot als Träger von Grün, Rot als Grün[2]. Das erfordert einen völligen Umschwung in der Wahrnehmung, im konzeptionellen Denken, im Gestalten. Ein neues Denken, mit dem sich Stadtplanung und Architektur nun eilends und vorrangig beschäftigen sollten.
 
Drittens zu den Reininghausgründen in Graz:
Stadtplanung muss - eigentlich eine Binsenweisheit, aber wie oft übersehen! - von den natürlichen geographischen Gegebenheiten (Klima, Hauptwindrichtungen, oberirdische und unterirdische Wasserläufe etc.) eines Orts ausgehen. Ein vorrangiges Problem von Graz als Raum städtischer Besiedlung ist seine Lage im Kessel. Das ist von alters her so und wird wohl mit den globalen klimatischen Veränderungen noch problematischer werden. Stadtplanung in Graz muss daher bei der Entwicklung neuer Wohngebiete - das sind ja Investitionen für viele zukünftige Generationen - ein Hauptgewicht auf die Milderung der klimatischen Belastung legen, die diese Kessellage ohnedies mit sich bringt. Das bedeutet einerseits, dass die Werte der Klimakarte des Stadtgebiets eine zentrale Rolle spielen sollten bei der Auswahl von Bauterrains und der Art und Funktion der zukünftigen Bebauung. Und es bedeutet andererseits, dass das gesamte Repertoire an natürlichen Hilfsmitteln zur Verbesserung des Stadtklimas eingesetzt werden sollte, ja eingesetzt werden muss. Schließlich geht es um Planungen und Investitionen, die die Verantwortung für die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen tragen. Wohlgemerkt: Ich lege dabei den Akzent auf natürliche Maßnahmen. Planen mit der Natur und nicht gegen die Natur. Nur das kann den Einsatz von Energie reduzieren, da andere Maßnahmen von Klimaverbesserung, etwa mithilfe von energiefressenden technischen Hilfsmittel wie air conditioning, einem trojanischen Pferd gleich, lediglich weitere Feinde sprich Probleme hereinlassen: höhere Energiebedarfe als Folgeerscheinung, die zur neuen Problemquelle werden.
Es mag für manchen altmodisch klingen – aber es knüpft in einem konstruktiven Sinne an das Wissen früherer Generationen an: Neben einer geschickten, die natürlichen Windströme berücksichtigenden Infrastrukturplanung ist Blattgrün eine wirkungsvolle Maßnahme zur Klimaverbesserung: So viele Bäume wie möglich, Gründächer und die Begrünung von Fassaden und Brandwänden wo immer möglich.
Zahlreiche technische Möglichkeiten für Grün auf und an Gebäuden und in dichten Strassen sind inzwischen entwickelt und auch in den vergangenen Jahren praktisch erprobt worden: das Problem liegt nicht im technischen Bereich der Realisierung, und auch nicht im Bereich der Kosten, insofern man die Langzeit-Unterhaltskosten mit in die Abwägung einbezieht - in der Regel sind ‘grüne Lösungen’ dann sogar kostengünstiger. Es ist vor allem ein Problem der Barriere im Kopf.
 
Schlussfolgerung:
Architekten, Stadtplaner, Politiker, Investoren, Bürger – sie alle müssen ihre Ideen über Vorgehensweise beim Planen, über Prioritäten und darüber ihre Vorstellungen, wie ein Gebäude, eine Strasse, eine Stadt auszusehen hat, überprüfen. Wir sind seit nahezu einem Jahrhundert infiltriert von der Moderne, von ihren Planungsmethoden und ihrer Ästhetik – das bestimmt unser Denken, unser Gefühl, unseren Geschmack, es legt eine schwere Hypothek auf die so notwendige Veränderung. Wir brauchen ein Umdenkens in unserer methodischen, konzeptionellen und ästhetischen Herangehensweise an die Stadt - und das ist es, was die Sache so schwierig macht: die größten Barrieren sind niemals materieller oder technologischer Art, sie sind mental.... Es ist eine Herausforderung an unsere geistige Flexibilität, an unsere Intelligenz, unsere Courage...
Übrigens last not least: die direkte Kooperation mit Repräsentanten der städtischen Aktoren, die von der Planung tangiert werden, ist eine große Hilfe bei diesem Prozess des Umdenkens: denn diese sind nicht belastet durch formalisierte Kenntnis, wie sie in den Fachausbildungen vermittelt wird. Für sie ist alles Neuland, auf dem sie sich, nur geleitet durch ihren gesunden Verstand, bewegen. Und da jede Ausbildung neben der Bereicherung im Wissen auch eine Verengung und Festlegung der Sichtweise bedeutet, profitieren von einem direkten Dialog beide Seiten: Denkschablonen werden aufgebrochen und wichtiges grundlegendes Wissen wird kommuniziert.
 
Amsterdam 1.Juni 2010
Der Text erschien am 12. juni 2010 in: „GAT. Das steirische Portal für Architektur und Lebensraum“. http://www.gat.st
 
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[1] Im Stadtforum Berlin der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde mit einer solchen Form von Planung erfolgreich experimentiert. s. Geschichte des Stadtforums von 1991 bis 1995 in: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/forum2020/de/geschichte1.shtml
s. auch: Helga Fassbinder, Stadtforum Berlin. Einübung in kooperative Planung. Hamburg 1996 http://www.helgafassbinder.com/Stadtforum_Berlin.html.
Dito: Helga Fassbinder, Ein Forum fuer die zivile Stadtgesellschaft. In: http://www.helgafassbinder.com/Forum_zivile_Stadtgesellschaft.html
 
[2] s. Helga Fassbinder, Rot als Grün. Gedanken über eine urbanen Zukunft.
Helga Fassbinder, Biotope City. Die grüne Stadt der Zkunft.