DIE GULLIES* VON SYDNEY

 

Versteckte Regenwälder inmitten einer
 Milllionenmetropole

* gully - englischer Ausdruck für eine durch Erosion entstandene Rinne die jedoch kleiner als eine Schlucht oder Canyon ist.

 

Ankunft in Sydney:
Jeder Text den man über Sydney verfasst muss mit Flugzeugen beginnen! Wer nach Australien reist, fliegt. Den ganzen Tag hängen große, kleine und manchmal riesige Jets am Himmel über der Stadt. Manchmal fliegen sie von Osten über das Meer und die berühmten Badestrände heran. An anderen Tagen kommen die Flieger von Süden über die weite Botany Bay, in die die Landebahnen hinein gebaut wurden. Meistens sinken sie aber im Landeanflug von Norden heran. Dann bremsen die Flieger über dem Gewimmel der Stadt. Wenn sie einem in Newtown über die Köpfe dröhnen, dann bewegen sie sich bereits kaum noch von der Stelle. Beim Einkaufsbummel auf der King Street beschleicht einen gelegentlich das Gefühl, gleich würde einer dieser Jumbos vom tiefblauen Himmel fallen. Es scheint als könne man bereits Gesichter hinter den Fenstern erkennen: Neuankömmlinge die sich neugierig die Nasen an den Plastikscheiben platt drücken.

Sydney gullies - Jet over Newtown - IRIS-A-MAZ

Himmel über Sydney (C-Print 2002) - Flieger im Landeanflug (Nordroute) über Newtown

Am Ende unserer 30-stündigen Reise nach Sydney geht es uns genauso. Wir können uns nicht zurückhalten und versuchten in den wenigen Minuten des Landeanfluges, so viel von unserem neuen "Paradies" zu sehen wie möglich. Wir erblicken kantige Hügel die sich am Horizont im Dunst verlieren. Über die Hügel wogt eine endlose Masse winziger Häuser und dazwischen verästelt sich das Labyrinth des Port Jackson. Überall in diesem unübersichtlichen Gewimmel stehen kleine dunkle Bäume die kaum größer als die Häuser sind. Nur einen Fixpunkt können wir im scheinbar strukturlosen Stadtbild erkennen: Bei einer Linkskurve am Rande des Central Business District (CBD) mit seinen relativ kleinen Wolkenkratzern (bis zu 244m), sehen wir kurz die Sydney Harbour Bridge und das Sydney Opera House. Dann richtet sich der Flieger wieder aus und wir sehen wieder nur kleine Häuser - bis an den Horizont.

Sydney gullies - Landeanflug auf Sydnes

Landeanflug von Norden, Blick über den Port Jackson (Foto: Jörg Strub)

Jetzt, da wir schon so tief über dem Boden sind, beginnen wir zu erkennen, dass zwischen den Bäumen und Häusern keine üppig-grünen Wiesen wachsen. An vielen Stellen kann man die braune und sandige Erde sehen und auch die Bäume sind nicht so grün wie man es aus Mitteleuropa kennt. Eigentlich sieht die Vegetation von oben irgendwie vertrocknet aus.

 

Einmal quer durch Sydney:
Und dann waren wir schon unten, auf der Rollbahn des Kingsford-Smith Airport an der Botany Bay. Hier landete Captain Cook zusammen mit dem Botaniker Sir Joseph Banks 1770 erstmals auf australischem Boden. Sie kamen damals mit dem Britischen Forschungsschiff Endeavour von Neuseeland und ergänzten ihre Vorräte an Fisch und Trinkwasser. Die Botaniker der Expedition waren so begeistert von der Vielfalt unbekannter Pflanzenarten, dass die Bucht später den Namen Botany Bay erhielt. Von der Wildnis ist aber nicht mehr viel zu sehen. Hier stehen heute der Flughafen, der Container Hafen und eine Erdölraffinerie.

Eine dreiviertel Stunde später sitzen wir in einem Taxi. Wir nennen zwar unser Ziel, doch müssen wir es dem Fahrer auch noch auf einem reiseführerdicken Stadtplan zeigen. Wir wundern uns ein wenig, doch stellen wir in den kommenden Wochen schnell fest, dass die Orientierung in Sydney etwas schwieriger ist als zu Hause. Schließlich gibt es in dieser Stadt ein knappes Dutzend Nelson, George und Elizabeth Streets, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dann gehts los, Linksverkehr.

Auf unserer Fahrt in die Eastern Suburbs gewinnen wir kontinuierlich an Höhe. Wir befinden uns auf einer nach Norden und Osten ansteigenden Sandsteinplatte. Die Ostseite steht bis zu hundert Meter als Klippe über dem Pazifischen Ozean. Im Norden hat sich der Parramatta River seine verzweigte Mündung gefressen.
Während unserer Taxifahrt brennt die Sonne obwohl es Winter ist. Der Boden ist staubtrocken und in vielen Gärten an denen wir vorbeifahren wachsen keine Wiesen. Die Bäume sind knorrig, klein und ledrig und im Hinterkopf klingen die Nachrichtenbilder von Waldbränden nach. Wir haben das Gefühl nah an einer Wüste zu sein. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen ist, dass es hier fast 60% mehr Niederschlag gibt als in Hamburg, wir hätten es wohl auch nicht geglaubt. Der viele Regen kann die Trockenheit der Landschaft nicht verhindern. Denn das Problem ist nicht fehlendes Wasser sondern die Bodenbeschaffenheit. Sydney steht in weiten Teilen auf Sandsteinböden. Regen der hier fällt, fließt entweder sofort ab oder versickert im äußerst porösen Gestein. Der Boden ist von einer Staub-Sandmischung Bedeckt, eine Humusschicht fehlt fast völlig.
Wenn es in Sydney regnet, dann oft in sintflutartigen Wolkenbrüchen. Der gängige Begriff für Regenwasser ist "Storm Water". Ein passender Name, denn es fließt in hoher Geschwindigkeit durch die sonst teils ausgetrockneten oder fast leeren Bachläufe ab. Das zusammenwirken dieser plötzlichen Wassermassen und dem porösen Gestein haben zu einer zerfurchten Landschaft geführt, über die sich heute ein Großteil des Häusermeeres erstreckt.

Sydney gullies - viewSydney gullies - coastal bush

links: Blick von North Bondi (Eastern Suburbs), im Hintergrund der CBD, gut zu erkennen die hügelige Landschaft mit ihren kleinwüchsigen Gehölzen – rechts: Küstenlandschaft im Royal Nationalpark am Südrand Sydneys, die Vegetation ähneld einer Heide, an den kahlen Stellen sieht man den Sandstein

Eine zweite Besonderheit der Stadt, die wir auf unserer Taxifahrt zu spüren bekommen, liegt in deren Geschichte. Zu Zeiten als Australien der Britischen Krone als Sträflingskolonie diente, standen im Gebiet zwischen der Küste und der Mündung des Parramatta Rivers eine Vielzahl von Sträflingsfarmen. Um diese herum entstanden kleine Dörfer. Heute erkennt man diese frühen Siedlungskerne an großen teils sternförmigen Kreuzungen in deren Nähe sich Läden und Cafés drängen. An den Kreuzungen selbst steht üblicherweise mindestens ein so genanntes Hotel (vergleichbar mit einem Pub). Die Straßen zwischen diesen ehemaligen Dörfern, heute Suburbs genannt, sind meist gewunden und verzweigt und fast ausschließlich von Wohnhäusern dominiert. Immer wieder gehen winzige Gassen (Lanes), lange Treppen und wilde Pfade zwischen den Grundstücken hindurch. Diese Unübersichtlichkeit ist darauf zurückzuführen, das bis in die 40er Jahre des 20. Jh. zwischen den vielen Gemeinden der Stadt Sydney (heute 38 Local Government Areas) kaum Absprachen in der Stadtentwicklung gab.

Sydney gullies - Randwick arialSydney gullies - Eimbsbüttel arial

Vergleichebare Stadtviertel aus gleicher Höhe betrachtet:
links: Randwick/Clovelly (Eastern Suburbs) - kleine Häuser, klein parzellierte Freiflächen, kurvige Straßen, Sackgassen, kleinwüchsige Bäume - in der Bildmitte: der Glebe Gully – rechts: Eimsbüttel (Hamburg) - hohe Häuser, geschlossene Häuserreihen, klare Trennung von Bauten und Freiflächen, keine Sackgassen (Quelle: Google Earth)

Dieses Durcheinander ist unserer Meinung nach einer von Sydneys großen Reizen. Wenn man sich durch diese endlose Aneinanderreihung lebendiger Zentren bewegt, weiß man nie was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Eine unserer Entdeckungen waren die vielen kleinen Grünflächen, die im Windschatten dieser "Planlosigkeit" zufällig erhalten geblieben sind. Einige dieser Flächen, die eine Mischung von Brache und Urwald sind, haben wir untersucht und dabei eine außergewöhnliche urbane Biotopform entdeckt: die gullies.





Bronte Gully:
Unser neues Zuhause liegt in Bronte, einem typischen Stadtteil der Eastern Suburbs. Der Großteil der Häuser sind viktorianische Einfamilienhäuser vom Beginn des 20 Jh., dazwischen meist 4-stöckige Wohnklötze aus den Sechzigern. Hier begegnen wir erstmals dem Begriff "gully". Gemeint ist damit ein deutlicher Einschnitt in die Landschaft, ein Canyon im Kleinformat der durch Erosion hervorgerufen wurde. 
Der Bronte Gully ist ein Musterexemplar für dieses Phänomen. Er ist etwa 300 Meter lang und seine Oberkante liegt ca. 30 Meter über dem Meeresspiegel. Bis direkt an die Ränder wurden Häuser gebaut. Am unteren Ende öffnet sich der gully zu den großen Picknick-Wiesen des Bronte Beach, hier verschwindet der Bach in einer Betonröhre. Der Bach gleicht einem Rinnsal, doch sobald es Regnet schießt aus verschiedenen Rohren am oberen Rand des gullies das Regenwasser aus der Kanalisation in den Lauf. Der Bach wird kurz zum reißenden Gewässer, um bereits wenige Stunden nach dem Regenfall wieder in den Tröpfelzustand zurück zufallen.

Sydney gullies - Bronte Gully

Bachlauf des Bronte Gully im Tröpfelzustand.

Bei unserem ersten Besuch des Bronte Gully stellen wir schnell fest, dass sich die Vegetation an den steilen Seiten des gullies ungehindert entwickeln kann. Das Dickicht ist zum Teil kaum zu durchdringen, doch handelt es sich um keine "ursprüngliche" Artenzusammensetzung.
An der Nordseite steht eine große Gruppe ausgewilderter Götterbäume (Ailanthus altissima). Der Rest des Steilhangs wird von einem Dickicht aus europäischem Riesenschilf (Arundo donax) dominiert das wiederum von Kapuzienerkresse (Tropaeolum majus) und Blue Morning Glory (Ipomoea indica) überwuchert wird. Eine selbst gebaute BMX-Strecke verliert sich als kaum sichtbarer Pfad darin.

Sydney gullies - BronteSydney gullies - BMX track

links: Den östlichen Abschluß des Bronte Gullys bildet ein Häuserblock mit Meeresblick, davor eine Gruppe Götterbäume, im linken Anschnitt europäischer Riesenschilf. – rechts: BMX Piste am Nordhang des Bronte Gully.

Wir sind von der Existenz eines undurchdringlichen "Dschungels" mitten in der Stadt fasziniert und wagen uns hinein. Wir drücken uns zwischen den 4 Meter hohen Gräsern hindurch und stoßen nach gefühlten 200 Metern, wahrscheinlich waren es nur 40m, auf eine Halfpipe. Den Spuren nach zu urteilen ist hier ein regelmäßiger Treffpunkt von einheimischen Jugendlichen. Nach weiteren 20 Metern hört der Pfad bei einem kleinen bewohnten Zelt auf, das schief zwischen die Schilfstangen geklemmt ist. Den Bewohner können wir nicht entdecken. Ein anderer Pfad führt hinunter zum Bach. Hier stehen gepflanzte Korallenbäume (Erythrina), laut einer Tafel sollen diese in naher Zukunft entfernt und gegen heimische Gehölze ersetzt werden. Wir klettern die Südseite hoch um uns um zuschauen. Hier ist es nicht ganz so steil und es schauen Felsen aus dem Boden. Feigenbäume (Ficus) klammern sich hier ins Gestein und darunter wachsen verwilderte Gräser und Bodendecker. Die Vegetation wirkt wie ein vernachlässigter verwunschener Park.

Sydney gullies - Half pipe

Die Halfpipe im Dickicht des Risenschilfs.

Glebe Gully / Fred Hollows Reserve:
Während der Bronte Gully schon seit Jahrzehnten als öffentliche Grünfläche genutzt wird, blieb der Glebe Gully lange Zeit unbeachtet. Es ist der letzte offen liegende Bachlauf im Landesinneren der Eastern Suburbs und liegt einen guten Kilometer von der Küste entfernt zwischen Clovelly und Randwick. Der gully ist umschlossen von Einfamilienhäusern an den Seiten und Häuserblocks am oberen und unteren Ende. (siehe Luftaufnahme oben) Der Bach kommt bei ca. 55m über dem Meeresspiegel aus einem Stahlschott, tröpfelt etwa 10 Meter die Böschung hinunter in das Bachbett, verliert auf seinen 350m Länge weitere 10 Höhenmeter und verschwindet in einem Rohr unter der Alison Road.

Sydney gullies - Glebe Gully

Regenwasser Zufluss am oberen Ende des Glebe Gullys.

Auch diesen gully und einen Großteil dessen Vegetation rettete ein glücklicher Umstand: Die Seiten sind zu steil, um bebaut zu werden. Leider wurde die Rinne stattdessen Jahrzehnte zum abladen von Müll und Bauschutt missbraucht. Erst Anfang der Neunziger wurde der Wert des Biotops erkannt. Es wurde gesäubert und renaturiert und erhielt den neuen Namen "Fred Hollows Reserve".
Wir entdecken den gully nur zufällig auf dem Stadtplan, denn er liegt versteckt und ist auch vielen Einheimischen unbekannt. Drei Tage später fahren wir hin um ihn uns anzuschauen. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir richtig sind, denn der obere Eingang ist nur ein Trampelpfad zwischen zwei Häuserblöcken hindurch. Doch gleich nach der ersten Biegung stehen wir an der Oberkante des hier noch kahlen und frisch aufgeforsteten gully´s.

Sydney gullies - Glebe Gully

Atemberaubender Blick vom Nordende des Glebe Gullys, ein Blick wie aus einem Reiseführer.

Weiter unten, auf Höhe des Bachlaufs, beginnt mit einer Holzbrücke ein Bohlenweg, der im Grün des dichten Waldes im unteren Bereich des gully´s verschwindet. Die steile Böschung ist mit Setzlingen von heimischen Gehölzen bepflanzt, die von Milchkartons geschützt werden. Solche Arbeiten werden von lokalen Freiwilligengruppen durchgeführt, von so genannten "Bush Care Groups".

Sydney gullies - glebe GullySydney gullies - Glebe Gully

im Glebe Gully:
links: Blick von der Fußgängerbrücke zum oberen Ende des gully´s, mitte links ausserhalb des Bildes befindet sich der künstliche Zufluss, überall am Hang werden Neupflanzunngen von Milchkartons geschützt - der Boden ist stark antropogen gestört – rechts: Abstieg in den Regenwald

Uns interessiert vor allem der untere Teil, dort wo sich eine "ursprüngliche" Vegetation halten konnte. Wir steigen den Pfad hinunter zum Bach. Kein Mensch ist zu sehen und die Stadt klingt hier fern. Hin und wieder kann man zwischen dem Zwitschern der Mynas, Magpies und Lorees sogar einen Kokaburra lachen hören. Hier unten ist alles irgendwie viel grüner als sonst in Sydney. Im Schatten der geschlossenen Baumkronen der Coachtrees (Ceratopetalum apetalum) wachsen Farne und Baumfarne (Ferntrees). Als wir auf einer Tafel drauf hingewiesen werden, dass es sich hier um eine Artengemeinschaft des subtropischen Regenwalds handelt, trauen wir unseren Augen nicht. Regenwald und Stadt? In einer für ihre Trockenheit bekannten Region? Aber eigentlich ist es ganz einfach zu erklären. Der größte Teil von Sydney ist eine typische Buschregion. Sie ist warmen, kräftigen Winden ausgesetzt, hat nährstoff-/humusarme Böden und wird von regelmäßigen Buschbränden heimgesucht. Es wachsen hier vor allem Grevillen und Banksien (Proteaceae) sowie Zylinderputzer und Eukalypten (Myrtaceae) - widerstandsfähige, kleinwüchsige Gehölze mit ledrigen Blättern. Ganz anders ist es unten, in der Enge der gullies. Es ist hier fast windstill, die Sonneneinstrahlung ist wesentlich geringer und im Laufe der Jahrhunderte konnte sich sogar eine dünne Humusschicht entwickeln. Die Feuchtigkeit der Regenfälle bleibt hier unten daher viel länger erhalten als oben. Die hochwüchsigen und dichten Bäume die hier leben können, beschatten das Unterholz und ermöglichen so das Überleben von feuchtigkeitsliebenden Pflanzen, z.B. die sonst in Sydney seltenen Baumfarne. Eine Oase.
Der Holzbohlenweg führt an einigen Tafeln vorbei, die die Besonderheiten der Gullyvegetation beschreiben. Nach einer langen Treppe endet der Weg dort, wo der Bach wieder in seinem Rohr verschwindet. Ein Pfad führt die letzten Meter leicht bergauf zur höher gelegenen Alison Road, die den gully an seinem südlichen Ende begrenzt. Als wir auf die Straße und in die Sonne treten, befinden wir uns wieder im Sydney des 21 Jahrhunderts.

Unteres Ende des Glebe Gully

 

Berrys Creek:


Sydney mit seinen 4,3 Mio Einwohnern ist eine unglaublich weitläufige Stadt. Seine gut 600 Suburbs erstrecken sich von der Pazifischen Küste im Osten, bis zu den Ausläufern der Blue Mountains ca. 50 km weiter westlich. Im Norden bilden die Mündung des Broken Rivers und der Ku-Ring-Gai-Chase-Nationalpark die Stadtgrenze, während im Süden der Royal Nationalpark liegt. Auch in dieser Richtung sind es ganze 50 km und diese werden ziemlich genau in der Mitte vom Port Jackson durch schnitten. Der Port Jakson ist die abgesunkene Mündung des Paramatta Rivers, eine verzweigte in den Sandstein ein gefressene Bucht. Zunächst wurde sie fast ausschließlich auf der Südseite besiedelt und der Norden blieb unterentwickelt. Als 1932 die Sydney Harbour Bridge fertiggestellt wurde, konnte auch die Nordseite erschlossen werden. Heute wohnen vor allem wohlhabende Leute in North Sydney, denn hier ist das Stadtgebiet nicht so verdichtet wie in den frühen Siedlungsgebieten: den Eastern Suburbs und den Vierteln in Hafennähe. Die Grundstücksgrößen sind im Norden wesentlich großzügiger und viele der Bachläufe blieben ungestört oder wurden zu Parks umgebaut. 
Für unsere erste Erkundungstour in North Sydney wählen wir Berrys Creek. Dieser zentrumsnahe gully verläuft nur wenige Meter von der City Rail Haltestelle Wollstonecraft. Die Station die wir hier vorfinden wirkt wie aus einem Reiseführer. Alles ist ein wenig kleiner als wir es von der Südseite her kennen und überall stehen Palmen. Wir fühlen uns wie in einem Vorort, dabei sind wir nur 3 km Luftlinie von der Oper entfernt. Wir verlassen den Bahnhof und folgen einem befestigten Fußweg.

Sydney gullies - Berrys Creek

Fußgängerbrücke über Berrys Creek

Nach wenigen hundert Metern kommen wir an den östlichen Rand des gully´s. Zu unserem Erstaunen wird dieser von einer etwa 80m langen und 15m hohen Betonfußgängerbrücke überspannt. Die Brücke verbindet den benachbarten Suburb Greenwich mit dem Bahnhof. Seit die Brücke in den Fünfzigern oder Sechzigern gebaut wurde, müssen die Bewohner nicht mehr durch den gully laufen. So steigen nur wir die alten Treppen hinunter und begegnen auf unserem Weg durch den 600m langen Einschnitt nur einem einzigen Spaziergänger. Bei unserem Abstieg erleben wir wieder den Wechsel der Vegetation vom typischen Bush zum Regenwald.

Sydney gullies - IRIS-A-MAZ

The treasure is hiding in the dark (C-Print 2007) - das Foto entstand wenige Meter von der Brücke entfernt.

Wir werden von einer Gruppe Baumfarnen empfangen und der Bachlauf ist mit Moosen und Farnen bewachsen. Der Bach führt sogar etwas Wasser und fließt einen Lauf mit rund gewaschenen Sandsteinfelsen hinunter. Obwohl das gesamte Gewässer kaum länger als einen Kilometer ist, wirkt es fast wie ein alpiner Gebirgsbach.

Sydney gullies - Berrys CreekSydney gullies - Berrys Creek

links: Baumfarne im Berrys Creek – rechts: wilder kurzer Bachlauf

Während wir uns entlang eines gewundenen Pfades bachabwärts bewegen, können wir oberhalb wieder gut die Rückseiten der Gebäude erkennen und wie um jeden Meter nutzbares Land gerungen wurde. Auf Pfahlkonstruktionen hängen die Terrassen der Häuser über der Böschung. Hier unten ist die Stadt wieder ganz weit weg. Ab und zu hört man ein Flugzeug und entfernte Hunde, ansonsten gluckst das Wasser und man hört die Vögel.

Sydney gullies - Berrys CreekSydney gullies - Berrys Creek

links: Pfahlkonstruktion am Osthang des Berrys Creek – rechts: Pfahlkonstruktion an der Nordostseite des Thomas Hogan Reserve, einer Grünanlage ohne offenen Bachlauf in Bondi (Eastern Suburbs)

Nach der halben Strecke begegnen wir einem Mitglied der lokalen Bush Care Group. Er ist etwa Mitte 60 und verwundert über unsere Untersuchungen. Er klärt uns auf, dass das Entnehmen von Pflanzen hier nicht gestattet sei, tut dies aber auf Australisch: lächelt uns dabei an und lässt uns weitermachen. Etwas weiter bachabwärts treffen wir ihn nochmals. Er weist uns auf Aale im Bach hin, kurz können wir einen verschwinden sehen. 
Am meisten fasziniert uns der Bachlauf selbst, mit seinen vom Wasser geformten Felsen. Weiter unten hat er sogar eine 4-5 Meter hohe Steilwand in den Sandstein hinein gefressen. Überall wachsen üppige Farne und Sumpfpflanzen, sogar ausgewilderte Taro-Pflanzen (Colocasia esculenta) haben wir entdeckt. Kurz haben wir das Gefühl eine unberührte Wildnis vor uns zu haben. Doch kaum treten wir an der Bachmündung aus dem Dickicht, wird dieses Bild jäh gebrochen. Während sich das Bachwasser in einem kleinen Mangrovendelta verliert, erblicken wir eine in der Bucht liegende Verladestelle für Erdöl.

Sydney gullies - Berrys CreekSydney gullies - Berrys Creek

links: steiler Sandsteinabbruch kurz vor der Mündung in den Port Jackson – rechts: Mündung des Berrys Creek, links Mangroven, gegenüber eine Verladestelle für Treibstoff

Und da war er wieder, der Kontrast der uns bei gullies so fasziniert: die unerwartete Nähe von ungestörten Biotopen und intensiver antropogener Nutzung. Dieses Nebeneinander von Mensch und "Urwald" ist in Europa kaum bis gar nicht vorhanden. Grünflächen in Großstädten sind ausschließlich Parks und Gärten und liegen auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Böden. Am Stadtrand beginnt die Agrarwüste und Brachflächen werden bis heute als störend wahrgenommen. Eine Rückgewinnung "ursprünglicher" Biotope in europäischen Großstädten scheint unmöglich! Eine Regeneration scheitert schon an der Frage nach der Definition von "ursprünglichen" Artenzusammensetzungen. Aber das ist wieder ein anderes Thema und würde hier zu weit führen.



 

Auf dem Weg nach Hause:
Begeistert vom Fund einer weiteren Perle in Sydneys Stadtlandschaft laufen wir ein kurzes Stück weiter entlang dem Erdöllager zum Fähranleger Greenwich. Wir besteigen eine der Sydney Ferries in Richtung Circular Quay bzw. CBD.
 Unsere Fähre durchquert mit uns den Hafen und steuert in ähnlicher Weise auf die Westseite des CBD zu, wie unser Landeanflug wenige Monate zuvor. Diesmal aber sehen wir alles aus der Froschperspektive. An uns ziehen die verwinkelten Seitenarme der Bucht vorbei, überall liegen die Häuser an den Hängen wie ausgeschüttet da, dazwischen kleine Industrieanlagen und immer wieder kleine Strände und Segelboote.

Sydney gullies - Port Jackson

Port Jackson ein verästeltes Gewässer, bei Berrys Creek - links der CBD

Dann biegen wir mit Blick auf die Oper unter der Sydney Harbour Bridge hindurch in die Sydney Cove ein. Vor uns erheben sich die Hochhäuser, wo Sträflinge und Soldaten 1788 die neueste Epoche der australischen Geschichte begannen und wo heute ein unendlicher Strom Touristen ein "hübsches" Sydney besuchen. Hochglanz Pubs und Didgeridoo Folklore hat soviel mit Sydney gemein wie Bayrische Lederhosen mit Berlin. Doch so etwas fällt gar nicht auf. Die Stadt ist geprägt von der Buntheit des Alltäglichen, von der überwältigenden Vielfalt an Kulturen und seiner unüberschaubaren dezentralen Struktur. 
In Sydney lohnt es sich gelegentlich in Sackgassen hinein zu laufen oder einem Pfad hinter eine Häuserzeile zu folgen. Man weiß nie was man dort findet.

IRIS-A-MAZ – Januar 2009



 

Texte und Bilder entstanden als Teil des Expeditions-Projekts Paradise is over the ocean 2006/2007 von IRIS-A-MAZ; weitere Infos und Tipps für Stadtwanderungen in Sydney gerne per Mail: maz[at]pong.li
© Text und Bilder Iris-A-Maz (ausser: Abb2 © Jörg Strub; Abb5 © AeroWest/Google; Abb6 © MapData Sciences PtyLtd / Sinclair Knight Merz / Google)