DEN WERT DES GRÜNS FÜR DIE ZUKUNFT DER STÄDTE "REALISIEREN"

Redebeitrag vom 24.04.2012
Forum 2012 der Deutschen Bundesgartenbau-Gesellschaft mbH (DGB)
„Vom Wert des Grüns für die Zukunft der Städte“

 

Die wachsende Bedürfnislage an „Natur“ ist offensichtlich. Hinter dieser Bedürfnislage „Vom Wert des Grüns für die Zukunft der Städte“ und nach einer engeren psychologischen Beziehung zur natürlichen Umwelt erkennen Forscher einen grundlegenden Bruch(1), für den globale Krisenphänomene – wie es auch der Klimawandel darstellt - als symptomatisch angesehen werden können.   

Aus Sicht des Städtebaus scheint dieser Paradigmenwechsel weniger nur ein Phänomen der gegenwärtiger Krisenlagen, sondern schon als Trend parallel zur Entwicklung der modernen Stadt entstanden zu sein. Mit der Urbanisation und der Erfahrung, dass natürliche Umwelt sich verringert oder gar verschwindet war hinter der Sorge um räumliche Fehlentwicklung immer auch schon der Wert des Grüns als Grundlage, Korrektiv und Zukunft für die menschliche Psyche bedroht. Heute – mit den Phänomenen der Globalisierung konfrontiert– erfährt diese Sorge um Verringerung oder Verlust(2) eine ganz eigene Dimension und der alte Trend vom ideellen Wert des Grüns eine Renaissance. 

Während der Städtebau doch zunächst als Raumwissenschaft sich mit den Fragen räumlicher Ordnung und Entwicklung beschäftigt, ist er doch auch vertraut im Umgang mit den ideellen Fragen vom Wert des Grüns für die Städte. Städtebau war immer auch die  Auseinandersetzung mit den herrschenden Idealvorstellungen von Gesellschaft. In dieser erweiterten zweiten Funktion zielt er darauf ab mit bildhaften Visionen diese ideale Zukunft zu antizipieren. Dabei „transzendiert“ der Städtebau mit Hilfe der Phantasie diese Idealvorstellungen in visionäre formal-ästhetische Perspektiven und Leitbilder (3). Unter dem Begriff „Zurück zur Natur“ begleitet der Städtebau eine gesellschaftspolitische Epochenkritik, die seit dem 18. Jahrhundert den Wert des Grüns für Stadt und Gesellschaft in den Mittelpunkt dieser Idealvorstellungen stellt. (4)

Der Kern dieses Beitrags betont über den ideellen Wert des Grüns als gesellschaftspolitische Idealvorstellung diesen Wert des Grüns als das zentrale Mobilisierungspotenzial und Instrument des Städtebau zur Antizipation von Zukunft.  Diese Ausrichtung auf den ideellen Wert des Grüns – weg von den raumwissenschaftlichen Implikationen des Städtebaus – zielt auf die Funktion als Verständigungsmedium auf dem Weg zu einem neuen Verhältnis zur Natur. „Grüner“ Städtebau kann als ein zentrales Medium begriffen werden, das die Interessenkonflikte, die beim ökologisch-technischen Umbau und Fortschritt der Gesellschaft, aber auch bei seiner Unterlassung aufbrechen, antizipiert und so diskutierbar macht. Dies scheint um so dringlicher, da heute weder der gesellschaftspolitische Diskurs und sein Appell an die Vernunft noch planungs- bzw. technischwissenschaftlich ausgerichtete Steuerungs- und Lösungsansätze bisher die Konfliktlinien zum ökologischen-technischen Umbau der Stadt in ihrem Kern glaubhaft verhandeln und wirkliche Perspektiven liefern konnten. 

Es zeichnet sich ab, dass mit Rückblick auf die lange städtebauliche Tradition im Umgang mit der „Anregung“ für das langsame, sich entfaltende und selbstreflexive „Realisieren“ des Grüns für die Zukunft der Stadt die grüne Vision als Instrument des Städtebaus heute eine zentrale Neubewertung erfahren wird.

 

“Zurück zur Natur”

(Folie 1)
Abb1 Leo von Klenze: Walhalla Tempel (1816-1842), Regensburg
Abb2 MVRDV: Eco-City Monte Corvo (2007), Spanien 

Keywords: – Anthropozentrismus vs. Instrumentelles Naturverhältnis - Idealisierung – Anti-urbane Entwicklung 

Die Vision in der Landschaft zu leben hat bereits mit der Herausbildung der Stadt begonnen. Neu an der Kritik des 18. Jahrhunderts ist die wachsende  skeptische Einsicht, dass moderne Gesellschaft und moderne Stadt nicht nur auf idealisierten Fragen der Vernunft, der Gleichheit und Gerechtigkeit gründen können. „Zurück zur Natur“ versteht sich demnach als „Zivilisationskritik“. Am wachsenden „unnatürlichen“ Verhältnis von Zivilisation zur Natur. Natur wird verstanden als Grundlage und Korrektiv der Vernunft. 

Die Städtebautradition zeigt für den Umgang mit der Entwicklung „Zurück zur Natur“ 2 Trends: Die Idealisierung der Natur und die Naturalisierung ihres ideellen Wertes. Diese beiden Trends widersprechen sich und sind beide bis heute prägend. 

Die Idealisierung präsentiert Natur als eine der Utopien modernen Gesellschaftsdenkens.  In Abb1. drückt sich der romantisch-klassizistische Zusammenhang von Architektur und Landschaft als Mythos vom antiken Geist aus. Auch Abb2. aus dem Jahr 2007 zeigt eine idealisierte Landschaft, das Ideal sauberer Energiegewinnung, das heute über den Menschen und der Landschaft herrschen soll. Die Stadt Monte Corvo gruppiert sich im Hintergrund eher unsichtbar als Teil der Landschaft, topographisch als Ort akzentuiert und ebenfalls erhöht um einen Hügel über der weiten Ebene.
Wie schon in der Romantik zeigt sich auch in der modernen Eco-City ein gesellschaftliches Sakralereignis, geht es um „Reinigung und Umwandlung in der Natur“. Auch hier erscheint zunächst nicht das Bild einer Stadt, sondern das Bild der idealisierten Landschaft. Ein Ideal-Bild von Leben und Naturnähe unter dem Dach der Insignien sauberer Energiegewinnung. Auch in diesem Bild fehlt die Präsens der dichten Stadt mit ihren Nutzungskonflikten. 

Doch auch zeichnet sich ab, dass die Idealisierung der Natur – parallel zur den Idealen modernen Gesellschaftsdenkens – mehr und mehr als Illusion durchschaubar und reflexiv ausgehöhlt wird. Je näher man der Zukunft kommt zeigt sich damit, dass die Idealisierung der Natur als u-topische Intention nicht nur keinen Lösungsansatz bereitstellt, sondern eben durch ihr eigentliches Ausweichen vor dem Umgang mit heutigen Krisenmanagements zum ökologisch-technischen Umbau eine vertiefe kritische Auseinandersetzung erschwert.

Doch wie soll dann das neuen Verhältnis zur Natur und grünen Stadtutopien gedacht werden? So, dass es als Medium begriffen wird, die Interessenkonflikte, die beim ökologisch-technischen Umbau und Fortschritt der Gesellschaft, aber auch bei seiner Unterlassung aufbrechen, antizipiert und letztlich diskutierbar macht?

 

„Haus im Garten“

(Folie 2)
Abb1 Martin Haller: Landhaus Amsinck (1868-70) Hamburg-Lokstedt
Abb2 Mies van der Rohe: House Farnsworth (1951) Illinois, USA

Keywords„Romantischer Klassizismus“ - Anti-urbane Entwicklung – Funktionstrennung - Abgrenzung von der Natur

Praktisch bedeutet schon die Idealisierung der Natur ab dem 18. Jahrhundert ein Ausweichen von dem beginnenden Krisenmanagement des Stadtwachstums in Form einer anti-urbanen Siedlungsstruktur. Als idealisierter Bautyp verbreitet sich das „Haus im Garten“. Idealisierung bedeutet damit nicht Entgrenzung zur Natur, sondern Abgrenzung von ihr.

Siedlungsstrukturell bedeutet „Zurück zur Natur“ Stadtflucht und einen anti-urbanen Lebensstil. Mit zunehmender Sicherheit der unbefestigten Außenbereiche seit Barock und Romantik „fliehen“ mit dem Stadtwachstum im 19. Jahrhunderts  nicht nur die Feudalgesellschaft, sondern auch wohlhabende Bürger vor die Tore der „unnatürlich“ gewordenen Stadt. Abb1 zeigt ein Hamburger „Haus im Garten“ aus dem späten 19. Jahrhundert in den typischen Landhausvororten. (Landhaus Amsinck , Lokstedt  1868-70, Martin Haller). Dieser Trend hat bis heute Bestand. In der Tradition des „Romantischen Klassizismus“ entwarf der bekannte Aachener Architekt Mies van der Rohe 1951 in Illinois die wichtigste Ikonen dieses Ideals: Das Haus Farnswoth. Deutlich gekennzeichnet durch die Motive anti-urbaner Lebensstil und Funktionstrennung. Diese auf ein Bild reduzierte Vereinfachung vom Wohnen in der Landschaft verfügt bis heute über eine besondere Anziehungskraft und bleibt eine wichtige Pilgerstädte für Architekten.

Dieses Dilemma ästhetischer Idealisierung auf dem Weg zu einem modernen Verhältnis zur Natur und Verständnis von Grün für die Städte wird in der politischen Utopiegeschichte mit der so genannten „Aufklärung der Aufklärung“ bezeichnet. Auch im Städtebau wird deutlich, dass Natur und der Wert des Grüns für die Stadt mehr sein muß, als „mythisch-ästhetische Selbstverzauberung“. Es zeichnet sich ab, dass neue Orientierungssicherheit letztlich nicht über vorgegebene bildhafte Gestaltungskonzepte implementiert werden kann. Im Kern zielt die heutige Einsicht in den Wert des Grüns auf reflexive Mobilisierungsverfahren. 

Die Grenzen der „klassischen“ Städtebautradition zur Idealisierung von Natur und grünen Stadtvisionen sollen im Folgenden an 3 Beispielen verdeutlicht werden: Der „perfektionierten“ Konzept-Stadt,  der Naturalisierung des Utopischen und den - seit den 1970er Jahren prägenden und vom konkreten Ort und seiner Bedeutung losgelösten - globalen Krisenphänomenen. 

 

Stressfaktor "Konzept Stadt"

(Folie 3)
Abb. Ferienkolonie in Bröndbyvester bei Kopenhagen. 1974

Keywords: Funktionstrennung - überraschungslos gewordene Welt – Stressfaktor: Das Ideal der Natur reduziert sich auf ein Konzept

Der anti-urbane Trend der Funktionstrennung und das Ideal vom „Haus im Garten“  wurde durch die Suburbanisierung beschleunigt und von einer immer breiteren Wohlstandgesellschaft für sich antizipiert. Die Ideale von „Zurück zur Natur“ und „Haus im Garten“ wurden auf ihre Funktion reduziert. Übrig bleibt dann nur noch die so genannte „Konzept-Stadt“(5) . Damit wird die ursprüngliche Sinnstiftung im Sinne einer Mystifizierung der Natur und das Ideal „Haus im Garten“ schnell reflexiv ausgehöhlt. Das Spannungsverhältnis zwischen dem was ist und dem Ideal wird immer offensichtlicher: Das muss zu Konflikten führen. Diese Einschränkung bzw. Verlust von „Grün“ als idealer Bedeutungsträger beunruhigt. Am Ende entpuppt sich das Mobilisierungspotential idealer Grün-Konzepte dann doch nur als eine  „überraschungslos gewordene Welt“.

 

Stressfaktor Naturalisierung

(Folie 4)
Abb. Modellfoto. Frank Lloyd Wright (1932): Broadacre  City

Keywords: Stadt ohne überwölbendes Bild  - Entgrenzung zur Natur – Stressfaktor: Natur verliert den ästhetisch- idealisierenden Repräsentationswert.

„Zurück zur Natur“ ist durch zwei Trends geprägt. Der erste Trend ist die o.g. Idealisierung. Der  zweite Trend, die so genannte Naturalisierung. Dieser zweite Trend verstand sich von Anfang an als Gegenentwurf zur ästhetischen Idealisierung der Natur. Naturalisierung meint hier nicht das Einbetten von Stadt in Landschaft, sondern die Abkehr von den idealisierter Ganzheitsbildern urbaner, kommunaler und staatlicher Repräsentation.

Dieser Trend beginnt ebenfalls mit dem 18. Jahrhundert virulenter zu werden und erlebt seit den 1970er Jahren eine Renaissance. Durch globale Klima- und Krisenphänomene und ihre Tendenz zur Verringerung bzw. Auflösen vertrauter Konnotationen wird dieser Trend verstärkt angetrieben und der Zweifel an der Naturbeherrschung als der alleinigen Idee zur Wohlstanderweiterung verstärkt.

Auch dieser zweite Trend bleibt zunächst anti-urban und ist utopisch ausgerichtet. Doch in seiner Gegenposition zur ästhetischen Idealisierung geht es nicht darum gesellschaftliche Kohärenz in ästhetische Leitbilder oder ideale Systementwürfe zu transzendieren. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht eine völlig individualisierte Gesellschaft, die sich und die Stadt völlig in die Natur auflöst, sich zur Natur entgrenzt.

 

Stressfaktor Globale Krisenphänomene

(Folie 5)
Abb. Buchtitel zu: Dennis Medows:  Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit (1972)

Keywords: "Glokalisierung"

Heute in der so genannten „postmateriellen Stadt“ und nach dem Doomsday-Schock beginnt man mehr und mehr die ambivalente Beziehung von Stadt und Natur zu „realisieren“. Das beunruhigt. Damit reicht es nicht mehr über formal-ästhetische Ideale gesellschaftliche Kohärenz und Mobilisierung zu entfalten, sondern Stadtutopien müssen ökologische Kriterien integrieren.

Verstärkt wird diese Unruhe zum Umdenken zu einem ökologischen Naturverständnis nicht nur durch den Klimawandel, sondern durch alle Krisenphänomene der sog. „Glokalisierung“. So zeigen sich auch im Krisenmanagement des Klimawandels die Konfliktlinien als komplex, höchst ambivalent und in sich widersprüchlich. Es handelt sich um Phänomene, die sich nicht nur mehr und mehr dem Ort ihrer Entfaltung und damit ihrer unmittelbaren Eingriffsmöglichkeit durch alltagsweltliche Erfahrung oder staatliche Planung entziehen. Sie lassen auch die bloße Annäherung nur über wissenschaftlich-technische Steuerungsmodelle immer fraglicher erscheinen.

Zur Rückgewinnung der Gestaltbarkeit von Stadt und Landschaft kommen im Städtebau, aber auch in den raumbezogenen Planungs-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften 2 bis heute prägende Diskursen besondere Wichtigkeit zu: Der postmoderne Re-Diskurs zum Raum und die Neudefinition ökologischer Utopien.  

 

Re-Diskurs 1: Raum

(Folie 6)
Abb1-3. Aldo Rossi. Teatro del Mondo. Beitrag zur Biennale in Venedig 1979-1980

Keywords: "Topologie der List"

Gesellschaft und Stadt bedürfen der konkreten räumlichen Ortsbestimmungen. Damit zeichnet sich ab, dass ökologisches Denken und das „Realisieren“ des Grüns für die Stadt nicht im luftleeren Raum oder als abstrakter Diskurs stattfindet. Im Städtebau beginnt damit das Ideal der anti-urbanen Entwicklung ihrer Funktionstrennung kritisch hinterfragt zu werden.

Die Abbildungen zeigen den Beitrag „Teatro del Mondo“ des Mailänder Architekten Aldo Rossi für
die Architektur-Biennale in Venedig 1980. Eine Kritik am Verlust vertrauter Raum- und Ortskonnotationen. Zur Rückgewinnung der Gestaltbarkeit und im Sinne der o.g. reflexiven Mobilisierungsverfahren greift der Architekt Rossi als Vermittlungsform zur Entfaltung von Stadtraum auf eine „topologische List“ zurück: Sein schwimmendes „Teatro del Mondo“ ist das „Theatrum mundi“, eine Art vormoderne Wochenschau, mit dem die Zuschauer einen Blick in die weite Welt tun konnten. Das bemerkenswerte dieses Projekts ist, dass es einen Mittelweg zwischen der realen Krisensituation und dem utopischen Stadtideal sucht und dafür einen konkreten Ort vorschlagen kann. Dieser konkrete Ort, der ja vom prekären Verhältnis zu ehemals vertrauter Raum- und Ortskonnotation berichtet, entpuppt sich der kritischen Reflexion als Kulisse aus Pappe und Holz und als temporärer Bewegungsort.

 

Re-Diskurs 2: Grüne Utopien

(Folie 7)
Abb1 Buchtitel zu: Hermand, Jost, 1991: Grüne Utopien in Deutschland.
Abb2 Buchtitel zu: Callenbach, Ernest, 1978: Ökotopia. 

Stichwort: Absage Anthropozentrismus - Öffnung Naturmythen - regressive Intententionen 

Der zweite prägende Diskurs zur Rückgewinnung der Gestaltbarkeit von Stadt und Landschaft ist die Neudefinition ökologischer Utopien. Auch hier geht es um die Suche nach einem Mittelweg, in diesem zweiten Fall zwischen der realen ökologischen Krisensituation und dem utopischen Naturideal.
Politische Utopien wurden seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts immer kritischer betrachtet. Doch heute, ausgelöst durch die konzeptionelle Hilflosigkeit gegenüber den kaum noch zu überblickenden ökologischen Folgeproblemen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts wird wissenschaftlicher Fortschritt kritisch hinterfragt und die Forderung nach neuen modernen politisch intendierten Utopien als öffentliche Diskurse hörbar. Sie sollen das fehlende Medium liefern, um den Werts des Grüns und seiner Interessenkon-flikte im ökologischen Stadtumbau zu vermitteln.

Die frühen Ansätze der 1970er und 1980er Jahre zum ökologischen Denken bleiben der aufgeklärten Moderne verpflichtet. Damit anerkennen sie zunächst die Natur als die Bedingung ihrer eigenen Existenz, um sich von den Zwängen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zu befreien. Mit ihrer Betonung des ideellen Wertes der Natur, reihen sich diese Konzept in die Tradition „Zurück zur Natur“ ein.  Ausgehend von dieser Idealisierung, der Sorge um die Wahrung „der“ Natur schlechthin, und weniger um ihre Wahrung für den Menschen, haftet dem Kern dieser neuen Konzepte jedoch etwas Regressives an. Denn unbeantwortet bleibt die Frage, wie eine ökologische Ethik begründet wird, die nicht im Konsens autonomer, auf ihre Selbsterhaltung bedachter Individuen ihren Ausgang nimmt.(6)

Bis dahin war man sich einig, dass gutes Leben nur in kleinen Siedlungseinheiten mit ländlichem Charakter gelingt. Siedlungsstrukturell setzten diese Konzepte den Trend „Zurück zur Natur“ im Sinne anti-urbaner und naturalisierter Stadtvorstellungen weiter fort. Diese Naturalisierung des utopischen Raums hat Mitte der 1970er Jahren ihren bisher radikalsten Ausdruck in Callenbachs „Ökotopia“ (1978) gefunden. Doch bei genauer Leseart erkennt man in Ökotopia  auch erste Hinweise auf eine selbstkritische Auseinandersetzung, denn die strikte Dezentralisierung des anti-urbanen Siedlungsmodells beginnt sich langsam umzukehren. Die ländliche Atmosphäre des neuen San Franciscos zeigt sich u.a. in der Renaturierung der Market Street und der Freilegung ehemals kanalisierter Flüsse. Die Umnutzung von Bürohochhäusern zu Wohntürmen kann jedoch schon als Hinweis auf das wieder erstarkte Interesse am urbanen Wohnen und zentralisierter Siedlungsausrichtung gelesen werden.

 

Urbanen Biotop der 1970er Jahren

(Folie 8)
Abb1 Superstudio, 1972: A journey from A to B. Mailand
Abb2 Buchtitel zu: Callenbach, Ernest, 1978: Ökotopia

Keywords: Naturalisierung - anti-urban

Im Sinne Ökotopias verstand man unter dem Stichwort Stadt als „Biotop“ in den 70er Jahren zunächst die Fortsetzung des ideellen Wertes des Grüns und der Natur. Dabei standen nicht mehr große Systementwürfe oder überwölbende Gestaltkonzepte von Stadt im Vordergrund, sondern die anti-urbane Auflösung von Stadt und Gesellschaft in die Landschaft.

Ein Beispiel für diese „neue Lebensreformbewegung“ der Ökotopier liefert die italienische Architekturgruppe Superstudio bereits 1972. Die ökologische Stadt geht völlig in der ursprünglichen Landschaft auf. Die Stadt ist unter der Erde verschwunden, die Menschen leben idealisiert, wieder archaisch, auf ein Minimum reduziert und auf eine Art Nomadenkultur beschränkt. Wichtiger als das Bild der Stadt scheint das Bild der Landschaft und Natur zu sein.

 

Urbanen Biotop zu Beginn des 21. Jahrhunderts 

(Folie 9)
Abb1 Superstudio: Superstudio, 1972: A journey from A to B. Mailand
Abb2 “Public Yoga at the parc” (2011) Quelle: istockphoto

Keywords: Naturalisierung - urban - Sinnstiftung im Austausch mit der Natur              

Je näher wir der Gegenwart kommen, um so drängender werden die Phänomene der Globalisierung – die Sorge um Verringerung oder Verlust vertrauter Konnotationen zum Wert des Raumes und des Grüns - von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.  Der alte Zweifel an der Naturbeherrschung als der alleinigen Idee zur Wohlstanderweiterung wird weiter verstärkt. Diese Sorge erfährt heute eine ganz eigene Dimension und der alte Trend vom „Zurück zur Natur“ zeigt neue formal-ästhetische Ausprägungen. Es verwundert daher nicht, dass diese Verlusterfahrungen begleitete werden durch anthropologisch geprägte Themen, die dem Bedürfnis nach alten Formen und ihren Konnotationen entgegenkommen (Stadtgesellschaft, Erinnerungsorte).

Im Vordergrund stehen dabei 2 Trends: Erstens eine verstärkte Wertschätzung für Fragen zum Raum, für das Urbane und das Territorium. Darin beginnt sich ein urbanes Leitbild auszudrücken. Zweitens der Wert des Grüns, sowohl als Grundlage und  Korrektiv menschlicher Psyche, als auch als Zukunft für die Städte. Damit ist auch eine neue Wertschätzung politisch intendierter Selbstbestimmung verknüpft, die ihre „Ortsbestimmung“ in einer Sinnstiftung im Austausch mit der Natur verortet. Damit rücken Stadt und Natur heute noch näher aneinander.
 

 

Urbanen Biotop zu Beginn des 21. Jahrhunderts

(Folie 10)
Abb1 Buchtitel: Martin Rasper (2012): Vom Gärtner in der Stadt. 
Abb2 “Public Yoga at the parc” (2011) Quelle: istockphoto

Keywordst: Neukonnotation - das paradoxe Übermaß postmateriellen Stadtraums

Diese beiden Bedürfnislagen nach Neukonnotation der Verhältnisse zum Raum und zur Natur zeigen sich exemplarisch in den beiden aktuellen Abbildungen.
Im Hintergrund weicht die freie Landschaft der 1970er Jahre einer urbanen. Im Vordergrund ist die oberflächliche Idealisierung  „Zurück zur Natur“ reflexive durchschaut und entwirft heute ein stärker naturalisiertes Bild davon, mit der Landschaft und Natur zu verschmelzen.

Weiterhin zeigt sich in der Kritik am instrumentellen Verhältnis zu Raum und Natur eine neue urbane Kultur, die mit der Umwandlung von Brachflächen zu Gartenflächen oder „grünen“ Erfahrungsräumen das paradoxe Übermaß postmateriellen Stadtraums – das bedeutungsentleerte „Übermaß“ an nicht „realisiertem“ Stadtraum“(7) – wieder mit neuer Bedeutung versehen hilft.

 

Urbanen Biotop der 1920er Jahre

(Folie 11)
Abb1  Städtebauliches Leitbild der Gründerzeit. Hamburg Alsterlauf Leinpfad.
Abb2 Städtebauliches Leitbild der Reformzeit. Hamburg Veddel

Keywords: "Haus im Garten“ ist eine Verbindung von Wissen und Phantasie

Es zeigt sich, dass dem Wert des Grüns für die Zukunft der Stadt über die reine Versorgungsfunktion hinaus eine sehr zentrale Aufgabe zugewiesen wird. Diese Aufgabe gewinnt heute deutlich an Bedeutung. Die verschiedenen Trends der Wiederaneignung durch Idealisierung und Naturalisierung als auch die beginnende Umkehrung des anti-urbanen Trends machen nur deutlich, dass es bei der Annäherung an die psychologischen und anthropologischen Grundlagen von Stadt darum geht, die Evidenz des neuen „Hybrids“ aus Stadt und Natur zu „realisieren“.

Ein frühes Beispiel für diese hybride Ortsbestimmung  aus Stadt und Natur ist in der Arbeit Fritz Schumachers zu finden.  Das formal-additive Verhältnis von Stadt und Natur im Städtebau des eher ästhetisch-oberflächlich intendierten Historismus und seiner „Schmuckplätze“ reformiert Schumacher in seiner „Kulturpolitik“ (1919)  in hybride Ortsbestimmungen. Was diese neuen Orte ausmacht, ist zunächst nicht der zentrale Stellenwert des Grüns für die neuen Quartiere. Seine Orte „realisieren“ den Wert der Natur, indem sie sich über die Funktion Schule und ihre Erziehung der Natur als psychologische Grundlage nähern, „entgrenzen“, um „geistige Fähigkeiten und die Entwicklung der sinnlichen Fähigkeiten des Menschen zum Gleichgewicht zu bringen und sie so auszubilden, dass sie nicht auseinanderklaffen, sondern dass ein einheitlicher Mensch daraus wird.“ (8)

Sein „Haus im Garten“ ist eine Verbindung von Wissen und Phantasie: „Da wo die beiden Reiche sich überschneiden, ist gut wohnen: Man sieht ein fest gefügtes Haus der Gedanken in dem blühenden Garten sinnlicher Vorstellung stehen“ (9)

 

Urbanen Biotop zu Beginn des 21. Jahrhunderts

(Folie 12)
Abb  Hybrid „Haus im Garten: Strukturmodell

Keywords: Topologie als List

Ausgehend von diesen beginnenden Entwicklungen zum „grünen Stadthybrid“ kann der gegenwärtige Trend auch mit „Zurück zum urbanen Biotop“ bezeichnet werden. Wichtig bei dieser Stadtmetapher von „Biotop“ scheint zu sein, dass hier nicht – wie zu Beginn der Entwicklung „Zurück zur Natur“ – der naive Glaube an das Aufgehobensein in der Ursprünglichkeit der Matrix aus Stadt und Natur, nicht eine ästhetisch-oberflächlichen Idealisierung prägend ist, sondern tatsächlich eigene grüne Ortsbestimmungen erkannt, realisiert und ausgeprägt werden. Das Hybrid „Haus im Garten“ entfaltet den Wert vom Grün in einer neuen Verbindung aus Wissen und Phantasie. Dabei gewinnen solche Orte zentrale Aufmerksamkeit, die der Bedürfnislage nach einem neuen Blick zur Reflexion des beschleunigten Wandels folgen, also nach dem Erfassen heutiger Andersheit standhalten können. Das sind meist urbane Räume.  So erhalten solche Orte des Erinnerns und der Reflexion eine besondere Funktion, die „die sonderbare Eigenschaft haben, sich auf alle andern zu beziehen, aber so, dass sie die von diesen bezeichneten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren“.(10)

Die im folgenden aufgeführten Beispiele zeigen grüne Hybridorte. Das ist eine besondere Raumkategorie für den Zusammenhang aus Wissen und Phantasie. Orte zur selbstreflexiven Intuition, also zur „Realisierung“ des Grüns als Wert für die Stadt. Der französische Stadttheoretiker Pierrre Le Dantec hat dieses Vorgehen bezeichnet als „Topologie als List“.(11) Dabei steht weniger die Frage nach dem was verknüpft wird, sondern nach dem wie im Vordergrund der Methode.

 

(Folie 13)
Abb1-2 NEXT 21: (1993): Osaka GAS EXPERIMENTAL HOUSING
Keywords: Haus im Garten – „Realisierung“ des Grüns als Wert für die Stadt seit 1990er Jahre – Wiedergewinnung urbanen Repräsentation

 

(Folie 14)
Abb1 Alan Tay, TF Wong, Benny Feng (2010) MAXIMUM GARDEN HOUSE, Singapore
Abb2 City Fruitful (1992) Ashok Balotra (Kuiper Compagnons), Kas Oosterhuis, support Ministry of housing Netherland.
Keywords: Haus im Garten wird zum Gewächshaus – Das „fruchtbare Haus“ „realisiert“ den Wert des Grüns – Wiedergewinnung urbaner Repräsentation

 

(Folie 15)
Abb Skizze für offene Gartenstadttypologien

Keywords: Territorium und Ortsbestimmung - Das ökologische und energieautarke Haus „realisiert“ über den Wert des Grüns neue Ortsbestimmung  – Offenheit in der Form zur Wiedergewinnung urbaner Repräsentation
 

 

Urbanes Biotop des 16. Jahrhunderts

(Folie 16)
Abb. Titelseite zu Thomas Morus, Utopia
Keywords: Hybridformen -  selbstrefelxiver Sprachmodus im Jahre  1516

Auch das abschließende aufgeführte Beispiel zeigt die besondere Funktion und Raumkategorie „Grüner Hybridorte“ für den modernen Zusammenhang aus Wissen und Phantasie im Sinne selbstreflexiver Intuition auf.
Das erste ökologische Stadtkonzept wurde bereits 1516 entworfen. Thomas Morus beschreibt die erste Gartenstadt, zunächst vor allem eine ideale Gesellschaft, die er bekanntlich „Utopia“ nannte. Gleichzeitig entwickelt er aber auch ein modernes Konzept zur Versöhnung von „Stadt und Natur“, was in unserem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit verdient. Ließt man seine politische Epochenkritik  vor dem Hintergrund der Entwicklung „Zurück zur Natur“ , dann findet man dort schon Hinweise zum Einsatz eines erweiterten selbstreflexiven Sprachmodus zum ökologischen Denken.

In einer ersten Leseart Utopias symbolisiert die räumliche Anordnung geometrischer
Strukturelemente das neue übergeordnete Ordnungs- und Herrschaftsdenken des
Idealen Staates. In quadratischer Anordnung setzen sich die 54 Gartenstädte Utopias aus vier gleichen Bezirken mit einem Verwaltungszentrum zusammen. Der Städtebau ist rein funktionalistisch ausgerichtet. „Die Straßen sind zweckmäßig angelegt: sowohl günstig für den Verkehr, als auch gegen die Winde geschützt“(12). Anordnung und Gestalt der Häuser sind ebenso einheitlich wie die Zuordnung von Ackerland. Räumliches Wachstum und Steigerung der Einwohnerzahl sind ausgeschlossen. Also eine „überraschungslos gewordene Welt“.

Damit offenbart sich bereits zu Beginn der modernen „Konzept- Stadt“ ihr immanenter Mangel, also ihr prekäres Verhältnis zum utopischen Ideal, denn die Ausrichtung auf reine Funktionalität und die Homogenität in räumlicher Anordnung und im architektonischen Ausdruck haben ihre Entsprechung in den gesellschaftlichen Beziehungen.

Dieser Mangel muss den Gründer Utopias bereits gesorgt haben. Denn im Entwurf Utopias steht wider Erwarten nicht die Funktionstüchtigkeit der modernen Konzept-Stadt- Idee im Vordergrund, vielmehr ist es der Wert des Grüns und die Stadtgärten und eine Tätigkeit, die „alle Männer und Frauen gemeinsam ausüben: den Ackerbau“(13). In den Stadtgärten, so malt sich der visionäre Stadtgründer Morus aus, „ziehen sie Reben, Obst, Gemüse und Blumen von solcher Pracht und Schönheit, dass ich niemals etwas Üppigeres und zugleich Geschmackvolleres gesehen habe. Dabei spornt ihren Eifer nicht nur die Freude an der Sache selbst an, sondern auch der Wettstreit der Stadtteile untereinander in der Pflege der Gärten. Und gewiss könnte man in der ganzen Stadt nicht leicht etwas anderes finden, das dem Nutzen sowie dem Vergnügen der Bürger dienlicher wäre, und eben deshalb scheint der Gründer auf nichts größere Sorgfalt verwendet zu haben, als auf die Anlage derartiger Gärten“(14). 

 

Literatur

(1) Verg. Wilson, Edward Osborne: Biophilia, 1984

(2) Verg. u.a. Augé, Marc, 1994: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. Frankfurt/M

(3) Verg. Bachelard, Gaston, 1960: La Poétique de la rêverie. Paris 1960.

(4) Verg. zum Themenfeld  "Zurück zur Natur" u.a. Rousseau. Zum  "Romantischen Neuanfang" u.a. Herder, Goethe, Schlegel. Zu amerikanischen "Naturanschauungen" u.a. Emerson, Thoreau.  

(5) Certau, Michel de, 1988: Kunst des Handelns. Berlin.

(6) Saage, Richard, 1997: Utopieforschung: Eine Bilanz. Darmstadt. S.145

(7) Augé, Marc, 1994. S. 39

(8) Schumacher, Fritz, 1920: Kulturpolitik. Jena. S. 7

(9) ebd.

(10) Foucault, Michel, 1993: Andere Räume. Typoskript eines Vortages am Cercle d’Etudes Architecturales,Paris 14. März 1967. In: Barck; Gente; Paris; Richter (Hrsg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig, S. 34-46.

(11) Le Dantec, Jean-Pierre, 1991: Neu lebe der Barock! In: Lettre international. Europas Kulturzeitung, Nr.18.

(12) Morus, Thomas: Utopia (1516). – Basel 1981. S. 73–78

(13) ebd.

(14) ebd.

This article is based on:
Das „Realisieren“ der klimaneutralen Stadt – Wenn Utopie und Realität kollidieren (2012). Hrsg.: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Bonn. IzR Heft 5/6.2012. CO2-freie Stadtentwicklung.  Wunschtraum  oder Zukunftsstrategie für Stadtentwicklung in Deutschland.