DAS KONZEPT VON "BIOTOPE CITY" – Interview mit dem Österreichischen Wirtschaftsblatt

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Elisabeth Wertmann, Österreichisches Wirtschaftsblatt: Biotope City - was heisst das?
Helga Fassbinder: Das Konzept Biotope City – die Stadt als Natur - ist ein umfassendes Konzept, umfassender als die Konzepte der Nachhaltigen Stadt und das der Grünen Stadt. Diese bilden sozusagen zwei der drei Bausteine von Biotope City:

Das nachhaltige Bauen ist gewissermaßen die ‚innere Wahrheit’ der Stadt, für das Auge kaum sichtbar. Hier geht es um Energiesparmassnahmen, Baubiologie und um Dauerhaftigkeit und Recycelbarkeit der Baumaterialien.
Das Grün in der Stadt ist dagegen deutlich sichtbar - seine positiven Effekten aber muss man wissen: Blattgrün hat positive Effekte auf die Luftqualität, es bindet C02 und reduziert den Feinstoffgehalt der Luft, und es verlangsamt und reduzier den Abfluss von Regenwasser, was bei Sturzregen wichtig ist. Dass deshalb Stadtbäume wichtig sind, ist uns seit langem bekannt; hinzugekommen ist seit einiger Zeit die Erkenntnis, dass das Grün dieselben positiven Effekte auch in der Form von Dachbewuchs und als grüne Haut an Fassaden haben kann - dabei kommt dann noch ein weiterer Effekt hinzu, nämlich die Wärmeregulierung: Wärmedämmung im Winter und Kühlung im Sommer.
Diese beiden Bausteine sind in den vergangenen Jahren von immer mehr Menschen als wichtig erkannt worden. Die Menschen sind sensibilisiert durch Naturphänomene in globaler Dimension: Klimaveränderung mit Erwärmung, Zunahme von Stürmen und Sturzregen und dem, was man Ozonlöcher nennt, dem Dünnerwerden der atmosphärische Schutzschicht unserer Erde.

Das Biotope City Konzept fügt dem nun einen weiteren Baustein hinzu - etwas, was zunächst im Kopf statt findet: die Erkenntnis, dass wir mit unseren Städten nicht den Gegensatz zur Natur darstellen, sondern dass unsere Städte nichts anderes sind als eine weitere der vielen Varianten, oder besser Typen, die die Natur kennt – wie Heide, Wald, Savanne, Felsenlandschaft usw.
Wir sind mit unseren Städten gewissermaßen der Typus ‚Felsenlandschaft mit Grüneinsprengsel’. So sehen es auch die Pflanzen und Tiere. Inzwischen haben die Biologen entdeckt, dass die Biodiversität in Städten höher ist als auf dem Lande, d.h. die Verschiedenheit an Sorten von Tieren und Pflanzen ist größer als auf dem umringenden unbebauten Gebiet. Das hat seinen Grund: die hochgradig monokulturelle landwirtschaftliche Bewirtschaftung hat zu einer Verarmung von Flora und Fauna auf dem Lande geführt hat.

Mit dieser Erkenntnis der Stadt als einer Form von Natur müssen wir unser gewohntes Selbstbild als Städter revidieren. Wir stehen nicht außerhalb der Natur – nein, wir sind Teil von ihr: Die Stadt ist nicht der Gegensatz zum Land, zur Natur!
Endlich können wir uns befreien von diesem alten Irrtum, der tief verwurzelt ist in unserer jüdisch-christlichen Auffassung von unserer Herrschaftsposition gegenüber der Natur – einer Auffassung, die dazu geführt hat, dass wir eine hemmungslos ausbeuterische Haltung eingenommen haben. Wir sind jetzt an die Grenze des Machbaren gestoßen, Naturphänome wie die schnelle Abnahme der Biodiversität und der Klimawandel mit seinen immer dramatischeren Folgen in Stürmen, Überflutungen und Austrocknung zeigen uns das. Gleichzeitig kommt das Ende unserer traditionellen Energiequellen in Sicht. Wir stehen vor einem riesigen Problem, für das wir nun sehr schnell Lösungen finden müssen.

Und da kommt uns die Erkenntnis über den wahren Charakter unserer Städte, nämlich Teil der Natur zu sein, zu Hilfe: Wir müssen und können uns erneut bewusst einbetten in die Gesetzmassigkeit und die großen Zyklen der Natur. Das organische Leben, die Tiere und Pflanzen sind unsere Artgenossen und unsere Bundesgenossen im Kampf ums globale Überleben. Statt eines Gegeneinanders müssen wir den Vorteil eines Miteinanders erkennen. Bäume und Pflanzen helfen uns, ohne Energieeinsatz unsere städtische Luft zu reinigen, den C02 Ausstoß zu reduzieren, den Abfluss von Sturzregen zu verlangsamen und ihn teilweise zurückzuhalten, und um das städtische Klima im Sommer um einige Grad zu senken und im Winter die Wärmeabfuhr durch kalte Winde zu reduzieren. Bäume und Pflanzen können ihrerseits nicht ohne Vögel und Insekten leben, also müssen wir die Außenhaut unserer Häuser so einrichten, dass diverse Vogelsorten, die die Insekten nicht überhand nehmen lassen, ein Nistangebot finden. Bienen lieben das Blütenangebot unserer Städte, es gibt in der Stadt nicht das bedrohliche Bienensterben (!) und Bienen finden Nahrung für 10 mal mehr Honig als auf dem Lande – das hat der Bienenzüchterverband der Ile de France über die Pariser Bienenstöcken gemeldet... Selbst größere Säugetiere kommen in die Stadt, um nachts auf Pirsch gehen, Füchse, in Berlin etwa sogar Wildschweine...und Tauben räumen tagsüber alles Essbare, das zu Boden gefallen ist, auf und lassen damit eventuellen nächtlichen Mäusen und Ratten kaum etwas übrig...

Es gibt aber nicht nur die tastbaren Vorteile des Miteinanders. Es gibt auch die Schönheit des Miteinanders. Wir blicken aus dem Fenster in Baumgrün, in Fassadengrün und wissen auf unseren Dächern verwunschene Gärten. Die Psychologen haben uns erklärt, dass der Anblick von Grün die Seele und den Körper heilen hilft: Krankenhauspatienten werden nachweislich schneller gesund, wenn ihr Fenster sich auf Grün öffnet.... Biotope City, die Stadt als Natur, ist ein Ort einer neuen Schönheit und voll von tiefen emotionalen Erfahrungen: die Erfahrung der Jahreszeiten im Pflanzenbewuchs, das Brüten von Vögeln in den Nischen, die ihnen unsere Gebäude bieten, die vielfältigen Pflanzen auf unseren Dächern, die Belebung kahler Brandwände und trostloser Fassaden durch wilden Wein und Efeu bis hin zu wunderbaren vertikalen gärtnerischen Kunstwerken, wie sie etwa der französische Biologe Patrick Blanc gestaltet.

Dabei geht es nicht um eine geringere Dichte der Stadt, keineswegs. Zu den neuen Vorreitern einer solchen Stadt gehört Paris, die dichteste Stadt auf dem europäischen Kontinent. Nicht die Dichte der Bebauung steht diesem Konzept im Weg, sondern die Gewohnheiten des Denkens. Wir müssen eine andere Haltung einnehmen: nicht mehr die des Städters, der jedes sprießende Gräschen so schnell wie möglich ausreißt, sondern die des hegenden und pflegenden Gärtners, der sich freut an der Natur um ihn herum, ohne sich irre machen zu lassen durch die Behauptung, dass seine Stadt keine Natur sei... Und wir müssen die organische Welt als selbstverständliches Element in das Gestalten unserer Gebäude mit einbeziehen. Die Rationalität der Moderne erhält eine neue, zusätzliche Dimension: Grün als bewusstes Gestaltungselement wie Stein, Stahl, Holz und Beton, und nicht als sog. Architektentrost für missglückte Ecken.
Revitalisierte Stadtviertel, die die beiden Elemente ‚Nachhaltigkeit’ und ‚Begrünung’ erfüllen, sollten unter diesem Aspekt noch einmal neu betrachtet und weiter ausgestaltet werden.

Einige Bemerkungen zum Thema ‚Linz - Europäische Kulturhauptstadt’ 

Elisabeth Wertmann: Was sagen Sie zu "Linz - Europäische Kulturhauptstadt"?
Helga Fassbinder: Linz, unsere neue Kulturhauptstadt, hat einen großen Schritt in diese Richtung getan. Mit seiner Begrünungsstrategie ist es in der ganzen Welt berühmt geworden. Seine Dachbegrünungen und seine Autobahnüberdeckung haben Linz international zum Vorreiter und Vorbild gemacht - man kann das gar nicht genug preisen! Ich hoffe, dass die Stadt in diesem Sinne weitergeht und nicht angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise von dieser ihrer Strategie abrückt. Das Geld, was da hinein gesteckt wird, zahlt sich vielfach wieder aus, auch wenn es nur schwierig buchhalterisch auszudrücken ist.

Seine Rolle als Kulturhauptstadt Europas bietet Linz nun eine einzigartige Chance, mit diesem Pfund zu wuchern. Was heißt Kultur? Ist damit nur Baukunst, Design und Kunst gemeint? Kultur ist viel umfassender – und jede Stadt, der die Ehre zu teil wird, eine Zeitlang Europas Kulturhauptstadt zu sein, muss diejenige Facette von Kultur sichtbar machen, die zu ihrer Geschichte und ihren Qualitäten gehört. In Graz war das Baukunst und Design – die Grazer haben auf sehr schöne Weise gezeigt, dass eine große historische Altstadt kein Freilichtmuseum sein muss, wenn es sich und seine Schönheiten weiter entwickeln will. Graz hat gezeigt, dass eine stimulierende Interaktion zwischen historischer Bausubstand und Stadtstruktur mit Design und neuer Baukunst möglich ist.

Das Pfund, mit dem Linz wuchern kann, ist ein anderes. Linz kann zeigen, wie die neuen Notwendigkeiten einer nachhaltigen und grünen Stadtentwicklung Ausgangspunkt sein können für eine neue Schönheit, für eine neue Baukultur, die nicht nur ‚innerlich wahr’ ist, also nachhaltig, sondern die in ihre anorganische Grundstruktur auch organisches Leben integriert, zu ihrem eigenen Nutzen: eben die grünen Dächer und Fassaden und die grüne Überdeckung von notwendigen, aber unerträglichen Autostrassen; die Nistangebote für Vögel, die Integration von Wasser... Linz kann seine Vorreiterstellung ausbauen und dadurch wirklich zu einem neuen Leitbild für die Stadt des 21. Jahrhunderts heranreifen. Eine Stadt, die zur Steigerung ihrer Lebensqualität sich wieder bewusst einbettet in die Natur, sich als Natur-Typus versteht - mit dem ganzen ästhetischen und emotionalen Gewinn, den wir mit der Vorstellung von Natur verbinden.

Elisabeth Wertmann: Was kann Linz von anderen Städten lernen?
Helga Fassbinder: Nun geht es erst einmal darum, zu erkennen, was man sich geschaffen hat und das als Ausgangsbasis für die neuen Qualitäten der Stadt zu nehmen: die neue Schönheit, die die grüne Haut einer Stadt verleiht. Da kann man wirklich lernen von dichtbebauten südlichen Städten, die eine Tradition der gärtnerischen Gestaltung und Nutzung ihrer Dachlandschaften haben und, wie in Rom etwa, diese auch ideenreich begrünt haben. Ein grünes Dach muss ja kein eintöniger Teppich aus Sedum sein. Inzwischen sind widerstandsfähige Pflanzenkombinationen entwickelt worden, die kaum der Pflege bedürfen – und für Dachgärten mit anspruchsvollerem, spektakulärem Bewuchs gibt es automatische Bewässerungsanlagen, sodass niemand im Sommer zuhause bleiben muss, um den Dachgarten zu gießen. Der Dachgarten kann sogar in die Höhe wachsen: Kürzlich wurde in Den Haag ein Kongress zum Thema ‚Bäume auf Dächern’ abgehalten, der eindrucksvolle, schöne Erfahrungen auf diesem Gebiet zeigte. Daneben gibt es eine neueste Entwicklung, die für bestehende Dächer und Fassaden interessant ist: die Verwendung von Moos-Matten als eine superleichte Haut. Das ist besondern effizient für die Reinigung der Luft von Mikrostoffen, da Moose sich nicht über Wurzeln ernähren, sondern ausschließlich von Feinstoffen in der Luft – gerade das, was wir brauchen: Ein wunderbares Beispiel für den Gewinn, den eine Kooperation mit der Natur uns bringen kann. Moosmatten müssen nicht ans Energienetz angeschlossen werden, sie arbeiten gratis vor sich hin, wenn sie einmal angelegt werden sind... Was die vertikale Begrünung anbelangt, hat Paris ein interessantes Förderungsprogramm entwickelt und weist zahlreiche, in diesem Programm ausgeführte Beispiele aus. Daneben aber gibt es die schon erwähnten Höhepunkte vertikaler Gartenkunst von Patrick Blanc und anderen in seiner Spur. Was die wilde Flora und Fauna in der Stadt betrifft: hier sind in vielen Städten enthusiastische Gruppen von Freiwilligen am Werk, um zu unterstützen und zu schützen – ein weites edukatives Feld für Schulen und Jugendorganisationen, die Kindern Wege des Umgangs mit Leben zeigen.

Linz kann in seiner Funktion als europäische Kulturhauptstadt sich als Avantgarde einer neuen Kultur des Umgangs mit Natur spielen. Gerade als Industriestadt, die viele auch für andere Städte typische Probleme kennt, kann sie Mustergültiges für unsere zukünftige städtische Entwicklung bringen. Man muss sich ja vor Augen halten, dass wir mit den Umweltproblemen, mit denen wir es heute zu tun haben, erst am Anfang stehen. Die Erdbevölkerung wird sich voraussichtlich noch einmal verdoppeln und dieser gigantische Bevölkerungszuwachs wird allen Prognosen zufolge fast ausschließlich in den Städten stattfinden.
Das Thema, das Linz als Kulturhauptstadt in die Debatte werfen kann, ist ein ganz existentielles: es geht um weit mehr, als um Aufhübschung, es geht um die Erfindung von energiesparenden Techniken des Überlebens in einer immer mehr verstädterten Welt,

Nötig dafür ist vor allem auch ein Umdenken der Fachleute, der Architekten, Stadtplaner und Konstrukteure – die haben es oft schwerer als Bürger, die Laien sind auf den Gebieten von Architektur und Städtebau und die ohne fachliche ‚Verbildung’ einfach aus ihrem Gefühl heraus urteilen, unbeeinflusst von Lehrmeinungen.

Um dieses Umdenken zu befördern habe ich die Stiftung Biotope City errichtet, die ein frei zugängliches, nicht-kommerzielles online Journal herausgibt. Daran arbeiten inzwischen ca. 50 Fachleute unterschiedlicher Disziplinen mit, aus verschiedenen Ländern Europas und den USA. Das Journal hat dementsprechend Beiträge in 4 Sprachen und hat Besucher aus der ganzen Welt.


Elisabeth Wertmann: Wie kamen Sie dazu, das Konzept 'Biotope City' zu entwickeln?
Helga Fassbinder: Ich selbst bin Stadtplanerin. Bei mir sind es wohl meine Kindheitserfahrungen gewesen, die mich sensibilisiert haben für die Möglichkeiten der Integration von Natur in die Stadt.
Ich bin zwar in der Stadt aufgewachsen, aber meine Eltern haben uns Kinder von klein an aufmerksam gemacht auf Bäume, Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Tiere und haben uns ihre Schönheit gezeigt und ihre Lebensgewohnheiten beschrieben. Auch sie waren Städter und haben das wiederum auf die gleiche Weise von ihren Eltern gelernt: ein über Generationen vermitteltes Wissen, das wohl irgendwann einmal von den Erfahrungen des Landlebens ins Stadtleben hinüber gerettet wurde. Die meisten meiner Hobbies sind denn auch irgendwie verbunden mit den Erfahrungen der vier Naturelemente, wie sie die alten griechischen Philosophen schon beschrieben haben; Erde, Luft, Wasser, Feuer: Ich gärtnere gerne und habe mitten im Herzen von Amsterdam ein wohnzimmergroßes Stadtgärtchen, an meinem Haus rankt sich eine Clematis hoch und auch Wilder Wein und Efeu – letzteren behalte ich gut im Auge, damit er keine Dummheiten macht; ich segle leidenschaftlich gerne und Drachensteigenlassen ist eine unendliches Vergnügen. Über viele Jahre hinweg habe ich wochenlange Kanu-Touren gemacht auf mitteleuropäischen Flüssen, mit Zelten mit nächtlichem Lagerfeuer..... gerade mit dem Kanu lernt man, sich in die Natur einzufügen: man muss den Bewegungen des Wassers folgen, um steuern zu können – man kann nichts auferlegen oder abzwingen...

 

Mit Dank an das 'Österreichisches Wirtschaftsblatt '