BLICK ZURÜCK: GEBAUTE VISIONEN – Die Ökohäuser am Tiergarten in Berlin - IBA 1987

Die Internationale Bauausstellung 1984 – 1987 Berlin war eine Architekturausstellung und ein städteplanerisches Konzept des Berliner Senats, um die Westberliner Innenstadt als Wohnstandort zurückzugewinnen. Es galt in der ramponierten und geteilten Stadt gegen die erkannten Defizite des Nachkriegs-Städtebaus modellhaft eine menschliche und künstlerisch anspruchsvolle Architektur zu stellen und ein Stück Stadt jenseits routinierter Praxis zu reparieren. Eine besondere Stellung nahmen dabei einige Projekte ein, die unter Gesichtspunkten des ökologischen und baubiologischen Bauens geplant und gebaut wurden.


Zur Geschichte der IBA Berlin: Aus eins mach zwei!

Mit der Leitung wurde Prof. Joseph Paul Kleihues beauftragt, der das Leitbild der „Kritischen Rekonstruktion“ entwickelte. Berliner und internationale renommierte Architekten realisierten zeitgenössische Architektur in den verschiedenen Demonstrationsgebieten unter der Berücksichtigung des historischen Stadtgrundrisses. Die rücksichtslose Grundstücksspekulation und kalkulierter Leerstand führten zu einer politischen Entwicklung, die eine Erweiterung des ursprünglichen Programmes notwendig machten. Vor dem Hintergrund des Unmuts und Widerstands einer breiten Öffentlichkeit gegen Stadtzerstörung wurden 1982 Leitlinien zu einer behutsamen Stadterneuerung erarbeitet und im März 1983 vom Abgeordnetenhaus förmlich beschlossen. Dieses führte zu einer Spaltung der IBA mit unterschiedlichen Schwerpunkten: die sogenannte IBA neu war unter der Leitung von Prof. Kleihues für die Neubauvorhaben zuständig und die IBA alt unter der Leitung von Prof. Hardt-Waltherr Hämer für die behutsame Stadterneuerung der Altbauquartiere.

 

Die ökologischen Modellvorhaben im südlichen Tiergartenviertel

Bei einem Gesamtinverstitionsvolumen von ca. 3,4 Mrd. DM für Wohnungsbau, Schulen, Parkanlagen und anderen öffentlichen Einrichtungen fiel der Anteil für ökologische (Alibi-) Maßnahmen sehr bescheiden aus. Die Leitung der IBA neu war wenig begeistert von ökologischen Ansätzen in Architektur und Stadtplanung.

Dennoch wurden einige interessante Modellvorhaben realisiert, darunter die Ökohäuser an der Rauch- und Corneliusstraße unter der Federführung von Frei Otto und der Mitwirkung verschiedener ökologisch orientierter Architekten. „Aufgabe des Projektes war es ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln, das zum Problemkreis Wohnqualität - Individualbereich- Anpassungsfähiges Bauen - Einfamilienhaus mit Garten-Solarenergienutzung – Stadtökologie und Biologie Stellung zu nehmen und eine eindeutige Aussage zu machen.“ Als Standort gefunden wurde das Grundstück der ehemaligen Nuntiatur des Vatikans mitten im ehemaligen Diplomatenviertel am Tiergarten, nicht weit entfernt von der Berliner Mauer.


Das Baumhaus am Tiergarten: Anspruch einer neuen Zeit

Frei Otto und Hermann Kendel wollten Häuser, „die wie Bäume oder Büsche in ihren Zweigen Menschennester tragen. Dahinter steckt eine Vielfalt von Einzellösungen, die zu einem übergeordneten Gesamtkonzept zusammengefügt werden: Baugrundstücke werden übereinander gebaut. Wenige Stützen tragen horizontale Decken im Abstand von zwei Geschosshöhen. Es sind die erschlossenen Bauplätze. Die Bewohner können ihre individuellen ein- bis zweigeschossigen Häuser selbst bauen, beraten von erfahrenen Architekten und Ingenieuren. Ziel war eine möglichst große Gestaltungsfreiheit, die eine größtmögliche Vielfalt ermöglichen sollte. Einzige Bedingung an die Planer war der Erhalt des schönen Baumbestandes und daß die begrünte Fläche nicht verkleinert wurde. Aus diesem Grund wurden alle Dächer, Balkone, Terrassen gärtnerisch angelegt. Die gesamte Gebäudeoberfläche ist begrünt. Alle Häuser haben zudem Innengärten. Eine Nutzung von Sonnenernergie durch architektonische Maßnahmen wurde angestrebt….Die IBA wird zumindest zwei Architekturen unserer Zeit zeigen – die harte und die weiche. Für die harte stehen klassizistisch wirkende, formal anspruchsvolle Bautem mit stark prägender Wirkung, bei denen die äussere Gestalt Priorität hat. Für die weiche stehen Häuser ohne versteinerte Künstlichkeit, die grüne Hügel sind. Wenn dieser Entwurf gebaut sein wird, markiert er den Anspruch einer neuen Zeit.“


Der Planungs-und Bauprozess: City- und naturnahes Wohnen auf
Selbstbau-Etagengrundstücken

Für diese Idee mussten im nächsten Schritt interessierte Bauwillige gefunden werden, die ihre Architekten und Ingenieure mitbrachten. Es handelt sich bei diesen Projekten um die ersten Baugruppen Berlins. Auf der einen Seite wurde mit Technologien zur Senkung des Energiebedarfs, der Gewinnung von passiver und aktiver Solarenergienutzung, mit alternativen Wasserkonzepten und der Begrünung der Dächer und der Fassaden experimentiert und umweltverträgliche und baubiologisch unbedenkliche Baumaterialien eingesetzt. Auf der anderen Seite wurden neben den ökologischen Bauansätzen neue Modelle der Partizipation am Planungs- und Bauprozess entwickelt, die den individuellen und kollektiven Ansprüchen an der Gestaltung des eigenen Lebensraumes Rechnung tragen. Insgesamt wurden 18 „Häuser“ in zwei Baumhäusern“ von neun Architekten geplant und begleitet, die über unterschiedliche Vorkenntnisse zum Thema ökologisches Planen und Bauen verfügten. Zu nennen sind neben Frei Otto/Hermann Kendel insbesondere Günther Ludewig und Martin Küenzlen, die man zu den Pionieren des ökologischen Bauens in Berlin zählen darf.

Die BauherrInnen wurden verpflichtet, an Seminaren zum ökologischen Planen und Bauen teilzunehmen. Ziel der Beteiligten war eine gesunde Mischung von individuell gestalteten Einzelhäusern, die ein Höchstmaß an klimagerechten, energiesparenden und ökologisch-baubiologisch orientierten Entwurfsprinzipien miteinander vereinten. Dabei sollten auch unkonventionelle Lösungen zum Teil im Selbstbau verwirklicht werden können. Um die Harmonie zwischen Mensch und Natur zu ermöglichen, wurden vorhandene Pflanzen und Baumbestände auf dem Grundstück zum integralen Bestandteil des Gesamtprojektes. Seltene Pflanzen wurden vor Baubeginn ausgegraben, an anderer Stelle „zwischengelagert“ und am Ende der Bautätigkeit wieder eingepflanzt. Die Planungen mündeten in Plänen, die patchworkartig montiert bei den Genehmigunsbehörden eingereicht – und genehmigt wurden. Trotz aller Widerstände des Bestehenden gab es eine ausreichend große kritische Masse an Unterstützern auf allen Ebenen - auch in der vielgescholtenen Verwaltung. Es gelang der Nachweis, dass man innerstädtisch individuell, mehrgeschossig und ökologisch bauen kann.


Die Ökohäuser heute

Wer die Liste der umgesetzten ökologischen Maßnahmen bei den Öko-Projekten der IBA 87 studiert erkennt: wir wissen schon lange, was wir tun dürfen, um den positiven Wandel in Architektur und Städtebau zu gestalten. Berlin war stadtökologisch auf einem guten Weg, nach der Wende ist sie regelrecht „versteinert“ und nachhaltig abgestürzt. Mächtige Akteure hatten und haben andere Prioritäten, wenn auch vereinzelt „nachhaltige Maßnahmen“ umgesetzt wurden, die sich allerdings meistens in der Abarbeitung der Energieeffizienz erschöpften. Die IBA 1984 war ein Erfolg, weil zahlreiche Maßnahmen mit den Bürgern umgesetzt wurden und es wichtige Unterstützung von politischer und administrativer Seite gab. Obwohl die Akzeptanz der Bewohner bei diesen ökologischen Projekten erstaunlich hoch ist, haben die Akteure des ökologischen Wandels im Verhältnis zur etablierten „Elite“ in den Folgejahrzehnten kaum (nicht) für die öffentliche Hand bauen dürfen. Ihre Architektur passte nicht in das Schema der etablierten Denkstruktur, das die Probleme ganz konkret geschaffen hat. Eine mächtige Architekturjournalindustrie verlangt wöchentlich nach neuen Bildern alter Konzepte in immer neuen Varianten und zementiert so die Fortsetzung des Falschen. Deshalb behindern noch heute formale Kriterien und überkommene Sehgewohnheiten den radikalen Wandel, den die Lebensbedingungen auf unserem Planeten ganz real verlangen.

IBA 2017; Biotope City - Baubiologie - Cradle to Cradle als Leitmotive
 

Man spricht neuerdings von einer IBA 2017 in Berlin. Man kann nur hoffen und den Verantwortlichen wünschen, dass Sie aus den IBA’s der Historie die richtigen Schlüsse ziehen. Was muss das Leitmotiv sein? „Das Problem als Ganzes ist nicht gelöst und die dirigistischen Eingriffe entsprechen nicht der aktuellen Aufgabenstellung“ (Frei Otto zur IBA, 1980). Es gab in Berlin Persönlichkeiten wie Martin Wagner, der die IBA 1928 mit dem Thema „Das wachsende Haus“ gestaltete. Sein Beispiel war eine Hütte im Gewächshaus, das Sonne fängt. Ein Kleinhaus, das auch im Winter im Grün steht, der Vorläufer von Bengt Warnes Naturhuset. Das Bauen mit der Natur ist eine typisch deutsche Entwicklungsrichtung der Baukunst der 20-er Jahre. Bruno Taut baute wie kein anderer eine zukunftsfähige Moderne, die noch heute von den alten und neuen Bewohnern (viele Architekten) geliebt und verehrt wird. Heinrich Tessenow, Martin Wagner, Bruno Taut – ja und auch der große Karl-Friedrich Schinkel: Sie wären heute die Vorreiter einer neuen ökologischen Baukultur. Sie alle haben die Zeichen der Zeit erkannt - aber ob sie heute bauen dürften?

2009 mahnte Gerhard Matzig von der Süddeutschen Zeitung: „Auch die Architekten haben zu begreifen: Nur Häuser und Städte, die geliebt und geachtet werden, sind auf Dauer nachhaltig. Es wäre an der Zeit welche zu bauen.“ Ihm will man zurufen: Es gibt diese Häuser und diese Architekten, Herr Matzig, nur sollte man sie zukünftig dabei unterstützen und fördern, in dem man die Entscheidungspositionen im Lande mit den richtigen Persönlichkeiten besetzt. Sie sollten in der Lage sein, Kultur-Ökologie-Ökonomie und Soziales im Denken und Handeln zur Synthese zu führen. Dann werden aus nachhaltigen Geisterfahrern Geist-Erfahrer einer positiven Zukunft.

Große Herausforderungen brauchen große Menschen. Die aktuelle Ausstellung im Architekturforum Aedes Berlin zeigt, dass es diese Menschen im Land gibt, aber der Prophet ja im eigenen Land nichts gilt. Das allerdings wird sich hoffentlich schnell ändern.
 

Foto: Beate Lendt