BIOTOPE CITY: IBA 2020 in Berlin

 

Berlin will eine internationale Bauausstellung ausrichten. Dafür braucht die Stadt Berlin eine Vision auf Weltniveau. Gesucht werden wegweisende Antworten für die zukunftsfähige Entwicklung der Stadt. Berlin als „Tor Deutschlands zur Welt“ besitzt international große Strahlkraft. Die Stadt hat die große Chance, weltweit zum Vorreiter des ökologischen Stadtumbaus zu werden.

 

Biotope City: Baubiologie + Cradle To Cradle als Inspirationen einer neuen Stadtkultur

Aus der ökologischen Krise müssen neue architektonische Ideale hervorgehen und unsere Städte müssen grüner werden. Einer der ersten Schritte besteht darin, unsere Ziele klar zu machen und die gewünschten Qualitäten klar zu formulieren. Biotope City, die Baubiologie und das Cradle to Cradle- Konzept bieten bereits Lösungen, sie müssen lediglich umgesetzt werden. Die folgenden 18 Thesen (siehe Kasten) sollen dafür als Beispiel dienen:

18 Fragen als Grundlage für eine neue nachhaltige Stadtkultur und eine bessere Lebensqualität

Wollen Sie in einer Stadt leben ... 

  1.  mit sinnlich anregenden und schönen Stadtquartieren, Häusern und Straßen?
  2. mit Häusern wie Bäume, die zusammen wirken wie ein Wald?
  3.  ohne Müll und Entsorgungsprobleme?
  4.  die für ihren Energieverbrauch ausschließlich Sonnenenergie verwendet?
  5.  mit Gebäuden und Räumen, die zu lebendigen Dingen werden, die auch nützlich sind?
  6.  in der nur noch Gebäude gebaut werden dürfen, welche die Gesundheit der Menschen fördern?
  7.  welche die Biosphäre unterstützt und fördert?
  8.  mit Gebäuden und Stadträumen, die den Fortbestand der menschlichen Kultur erhalten?
  9.  mit Mobilitätskonzepten, welche die Bedürfnisse des Menschen als Grundlage nehmen?
10.  mit Straßen und „öffentlichen Räumen“, in denen sich Menschen begegnen und Kinder spielen können?
11.  welche die Gegensätze zwischen Stadt und Land aufhebt?
12.  mit hoher Bioaktivität, also in einer harmonischen Lebensgemeinschaft mit Pflanzen und Tieren?
13.  mit Vielfalt auf allen Ebenen auch in der Architektur?
14.  die den Prozess des Gebens favorisiert und den Prozess des Nehmens beendet?
15.  die innovativ ist und Zukunft antizipiert?
16.  in welcher Verantwortung für die nachkommenden Generationen übernommen wird?
17.  die dem Leben aller Menschen einen Sinn gibt?
18.  mit einer ganzheitliche Metamorphose, die im Geistigen beginnt?


Was für eine Welt wollen wir?

Nach Christian Norberg Schulz (Meaning and Place, 1988) haben wir das poetisch imaginative Verständnis für die Welt verloren: “Tatsächlich besteht das Leben nicht aus Quantitäten und aus Zahlen, aber aus solch konkreten Dingen wie Menschen, Tieren, Blumen und Bäumen, aus Steinen, Erde, Wald und aus Wasser, aus Städten, Straßen und Häusern, aus der Sonne, dem Mond und aus den Sternen, aus den Wolken, aus Tag und aus Nacht und aus den wechselnden Jahreszeiten. Und wir sind hier, um uns um diese Dinge zu kümmern. Dafür benötigen wir eine Haltung des Respekts und der Fürsorge. Wir verbessern unsere Situation nicht durch großartige „Pläne“, sondern dadurch, dass wir uns um die Dinge kümmern, die uns nahe sind. Aber wir können nur das retten, was wir zuvor in unser Herz geschlossen haben.“

Konventionelle Nachhaltigkeit gaukelt uns vor, gut zu sein, indem man das Schlechte weniger oft lebt, weniger macht oder weniger konsumiert. Mit dieser Haltung macht die bislang propagierte Öko-Effizienz das alte System lediglich ein bisschen langsamer zerstörerisch. Es ist die Welt der Grenzwerte und der Reglementierungen. Mit dieser Botschaft ist es bis heute nicht gelungen, die Menschen wirklich zu motivieren. Dem Menschen Sinn zu geben und in die Gesundheit der Menschen und ihrer Umwelt zu investieren, ist eine zentrale Forderung an die Weltgemeinschaft seitens der WHO. Besser wäre also eine Lebensphilosophie, die das Gute und Richtige im Überfluss ohne schlechtes Gewissen macht. Nur eine positive Botschaft wird die Vielfalt und das Maß an Freiheit und Kreativität erzeugen, die wir zur Lösung der großen Herausforderungen unbedingt benötigen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Kraft seiner Intelligenz und Kreativität die Dinge heilen kann, die er angerichtet hat. Intelligenz und Kreativität bilden sich über unsere Sinne. Das bedeutet, dass wir zwangsläufig die sinnlich anregende Stadt brauchen mit Stadtquartieren, Häusern und Strassen, die schön sind. Die lebendige Vielfalt dieser Erde ist Teil dieser Schönheit. Auch sie gilt es zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Positiver Wandel braucht eine positive Botschaft

„Wäre es nicht großartig, wenn wir statt die menschliche Aktivität zu beklagen, Grund hätten, sie zu schätzen? Wenn neue Gebäude Bäume imitieren, Schatten, Lebensraum für Singvögel, Nahrung, Energie und sauberes Wasser spenden würden? Wenn jede neue Errungenschaft einer Gemeinde den ökologischen und kulturellen Reichtum ebenso fördern würde wie den wirtschaftlichen? Wenn moderne Gesellschaften als gewaltige Aktivposten und Gewinne mit möglichst großem positiven ökologischen Fußabdruck wahrgenommen werden könnten, statt unseren Planeten an den Rand der Katastrophe zu führen?“ (M. Braungart). Wir brauchen ein partnerschaftliches Verhältnis mit der Natur. Sie lehrt uns auf elegante Art und Weise, wie es auf unserem Heimatplaneten funktioniert. Verglichen mit der Natur sind unsere Produkte, Häuser und Städte primitiv und zerstörerisch. Wie wäre es mit Gebäuden und Räumen, die zu lebendigen Dingen werden, die sowohl schön als auch nützlich sind? Wie wäre es, wenn wir den Unterschied zwischen Stadt und Land aufheben würden und „Stadtschaft“ entstünde? Schon heute ist die Wertigkeit der Böden und die Artenvielfalt in Berlin häufig höher als auf dem Land, wo eine industriell organisierte, staatlich hochsubventionierte Landwirtschaft der Natur den Garaus macht und unseren Mutterboden zerstört. Natur kennt keinen Abfall, alles ist Nährstoff, weil endlich.

Ein Haus wie ein Baum und eine Stadt wie ein Wald

„Von unseren Bäumen können wir lernen, wie ein Gebäude neben allen erforderlichen Kriterien zu einem lebendigen Organismus wird. Wir können heute und morgen Gebäude konzipieren, die ähnlich wie Bäume Sauerstoff herstellen, die Luft reinigen, Kohlenstoff und Wasser speichern, Wasser reinigen, vielen Lebewesen Heimat bieten, ausschließlich Solarenergie nutzen, Farben und Aussehen mit den Jahreszeiten wechseln und dazu noch Biomasse herstellen und wieder in Kreisläufe zurückbringen. Bauwerke wie Bäume und Städte wie Wälder. Gebäude, welche traditionelle Parameter wie Kosten, Ästhetik und Funktion mit ökologischer Intelligenz, Sinn, Identität, Gerechtigkeit und mit Lebensfreude ergänzen und zudem Vielfalt von natürlichen Lebensformen ebenso wie von lokalen kulturellen Gegebenheiten respektieren und fördern." (M. Braungart).

Berlin kann die Biotope City des ökologischen Wandels werden

Städte nehmen nur ca. 3% der Erdoberfläche ein, aber genau dort werden die beschriebenen Probleme und Herausforderungen erzeugt. In den Städten müssen sie deshalb mutig und entschieden gelöst werden. Das braucht klare, wahre und entschiedene politische Führung sowie bürgerliche Teilhabe. Berlin verbraucht jährlich soviel Umweltkapital, dass es die gesamte Fläche der neuen Bundesländer benötigen würde, um die angerichteten Umweltschäden auszugleichen. Dabei geht es nicht nur um Energie, sondern auch um Boden, Wasser, Luft, Rohstoffe und um die Artenvielfalt. Und es geht um kulturelle Vielfalt. All das verlangt eine Rückbesinnung auf unsere Wurzeln (Radix). Insofern dürfen diese Lösungen auch „radikal“ sein. Die vermeintliche Armut Berlins ermöglicht es heute vielen kreativen Menschen, mit wenig Geld eine gute Lebensqualität sicherzustellen. Und genau das ist der Raum, der das Neue ermöglicht, weil dort das Neue relativ frei von materiellen Zwängen gedacht und ausprobiert werden kann. Berlin kann mit seinen Ressourcen eine gute Zukunft vor sich haben, wenn sie ihre Chancen nutzt und nicht länger vergeudet.

Bioaktiviät in der Stadt - Erntezeit

Das Mikroklima lässt sich schnell und effektiv verbessern, indem wir überall, wo es möglich ist, das Regenwasser zurückhalten und zahlreiche ungenutzte, versiegelte Flächen an die Natur zurückgeben. Diese Maßnahmen binden Staub, reinigen und befeuchten die Luft, schaffen vielfältigen Lebensraum und komplexe Nahrung für Tier und Mensch!
Mit Google "reisen" wir über die Stadt, Quartier für Quartier, Block für Block, Straße für Straße und Haus für Haus. Wir stellen fest, dass wir mit unseren Bestandsgebäuden zahlreiche Potenziale ungenutzt liegen lassen. Die meisten Dächer sind rot oder grau, Steildach oder Flachdach, beide sind sie eigentlich potenzielle Energieerzeuger und Träger von Gründächern, die u.a. das Mikroklima verbessern und Lebensraum für Tiere  schaffen. Warum sehen wir in der deutschen Hauptstadt deutlich weniger Solarmodule als z.B. auf der schwäbischen Alb? Hausbesitzer schließen sich zukünftig zusammen und erzeugen die erforderliche Energie für ihren städtischen Block gemeinsam, also dezentral und unabhängig von zu großen und zu mächtigen unflexiblen Energiekonzernen. Diese Bürger erzeugen Wärme und Strom in Eigenregie, mit dem sie auch ihre leisen, emissionsfreien Elektroautos betreiben und dadurch gleichzeitig zur Stabilität des Energienetzes und der regionalen Wertschöpfung beitragen. In Freiburg und anderswo im Land leben das engagierte Bürger gerade vor.
Warum bauen wir nicht seit langem Flachdächer als intensiv begrünte Gründächer, die das Mikroklima in der Stadt verbessern, Feinstaub binden, Wasser sammeln, Wasser speichern und Lebensraum für Tiere und Pflanzen werden? Warum ermutigen wir nicht jeden Bürger, überall wo es ihm möglich ist, diese positiven Veränderungen selbst zu gestalten? Und warum führen wir nicht auch finanzielle Belohnungssysteme oder steuererliche Erleichterungen ein, die das Sinnvolle und Nützliche, das auch noch unseren Nachkommen zugute kommt fördern?
Im Jahr 2011 sehen wir noch immer zahlreiche asphaltierte Innenhöfe und wundern uns über den Hitzestau im Sommer, den wir heute schon heute kaum ertragen. Die Versiegelung wird ab sofort entfernt und revitalisiert. Die zahlreichen hässlichen, aufgeheizten Brandwände Berlins werden begrünt, weil Grün sich auf Menschen, Tiere, Pflanzen und auf das Klima positiv auswirkt. Im 21. Jahrhundert dürfen nur noch Gebäude gebaut werden, welche die Gesundheit der Menschen unterstützen und fördern, weil Menschen sich dort zu 90 % aufhalten und Gesundheit das Kostbarste ist, worüber der Mensch verfügt.
Wir reinigen das nitratverseuchte Wasser und schaffen überall Mutterboden, wo es möglich ist. Humus braucht 100 - 300 Jahre, bis sich eine Humusschicht von einem Zentimeter gebildet hat (!) und 30 – 40 % des weltweit vorhandenen Kohlendioxids sind im Humus gebunden.
Zwischen den Häusern erkennen wir die breiten Straßen Berlins, wo zu viele Autos stehen und den kostbaren Raum aller besetzen, auch den unserer Kinder. Dabei ist Begegnung eines der wichtigsten Dinge im menschlichen Leben. Nicht nur weil weniger als 45 % der Menschen in Berlin ein Auto haben, schaffen wir wieder mehr Straßen für Menschen, damit der öffentliche Raum wieder dazu genutzt wird, wozu er da ist: Zur Begegnung von Menschen und zum ungefährdeten Spielen für unsere Kinder. Berlin im Jahr 2020 kann z.T. aussehen wie Peking vor 40 Jahren oder Amsterdam von heute: Straßen voller lächelnder Fußgänger, spielender Kinder und Farradfahrern. Kluge Verkehrsplaner haben mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und dem erklärten Willen Sorge dafür getragen, dass sich alle teilnehmenden Bürger zukünftig ganz einfach weder stören noch behindern. Das hat zum positiven Nebeneffekt, dass die alltäglichen Stressmomente, die das heutige Verkehrsunwesen beinhaltet, zukünftig substantiell verringert werden und das tägliche Miteinander in der großen Stadt  verbessert wird. Es entsteht Kultur. Wie wäre es also, wenn wir zukünftig nur noch Dinge entwerfen, entwickeln und produzieren, die nützlich sind und sich in die Kreisläufe integrieren?

„Unser Ziel ist eine freudvolle, vielfältige, sichere, gesunde und gerechte Welt mit sauberer Luft, Wasser, Boden und Energie, die wir alle auf eine elegante Art und Weise sowohl in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht als auch unter Beachtung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit genießen können.“ (W. Mc Donnough).

Berlin hat das Potenzial und die Substanz, genau diese Biotope City der Zukunft zu werden.

Quellen:

- Jakob von Uexküll
- Hildegard Kurt