BIOTOPE CITY - die grüne Stadt der Zukunft

Vortrag auf dem Ökobau-Kongress der Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag
Berlin 15./16.Juni 2007

 

Vor zwei Jahren hat der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond ein Buch veröffentlicht, das den Titel hat: Kollaps, warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Es war ein etwas journalistisch aufgemachter Forschungsbericht. Ein Vergleich einer Reihe von untergegangenen Kulturen wie die Wikinger in Grönland oder die Mayas mit anderen Kulturen, die unter vergleichbaren Bedrohungen bis zum heutige Tag überlebt haben. Seine Forschungsfrage war gewesen:
Warum sind die einen Kulturen untergegangen und die andern nicht?

Das Ergebnis war in seiner Quintessenz verblüffend einfach.

Auch wenn die Rahmenbedingungen und die Art der Bedrohung jeweils sehr verschieden waren, so gab es nämlich doch einen Generalnenner:

Die Menschen der untergegangenen Kulturen waren nicht imstande gewesen, sich anzupassen an sich verändernde Bedingungen. Ihr gesellschaftlicher und ihr individueller Verhaltenscodex blieb der gleiche, auch wenn alles um sie herum anders wurde und dringend Anpassung verlangt hätte.
Das wurde ihr Untergang.

Das Buch wurde in den USA innerhalb von 3 Tagen ein Bestseller. Viele Menschen spüren offensichtlich, dass wir uns heute in einer vergleichbaren Situation befinden. Wir leben in einer Welt rapider Veränderungen von grundlegenden Rahmenbedingungen unseres Daseins. Das betrifft nicht nur den Klimawandel, aber der Klimawandel ist der Faktor, der uns am elementarsten trifft, der uns den Boden unter den Füssen wegzuziehen droht.
Wie verhalten wir uns in dieser Situation?

Klimawandel als ein menschengemachtes Phänomen und die davon ausgehende globale Bedrohung ist inzwischen ein großes politisches Thema. gut für Top-Konferenzen u internationale Absprachen.

Aber wie steht es mit der Umsetzung der guten Absichten? Mit der Umsetzung in gesellschaftliches und individuelles Handeln in der Praxis?
Sind wir möglicherweise ähnlich unflexibel wie die Menschen der vergangenen Kulturen, die Jared Diamond nur noch posthum untersuchen konnte?

Oder sind wir doch wohl imstande, unseren Verhaltenskodex anzupassen?

Wenn man das derzeitige Geschehen im Bereich Planen und Bauen betrachtet, gibt es allen Anlass zu Zweifel.

Grosse Glasflächen, Stahl, Beton, das wenige Grün mehr unter dekorativen als unter ökologischen Gesichtspunkten – das kennzeichnet die preisgekrönten Entwürfe der großen Wettbewerbe, das sind die Bauten, die in den Fachblättern gepriesen werden, und genauso sehen die Bauten aus, die überall aus dem Boden schießen. Es scheint so, dass der große Ozeandampfer der Moderne ungestört in seiner eingeschlagenen Fahrtrichtung weiterschiebt.

Das ist fatal, denn die Städte sind der Focus einer Diversität von Umweltproblemen mit schwerwiegenden lokalen und globalen Folgen, die potentielle Millionen Menschen heimsuchen. Zudem werden ihr Umfang und damit ihr Einfluss in Zukunft noch erheblich zunehmen. Heute bereits lebt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2030 beträgt die zu erwartende Bevölkerungszunahme 2,2 Mrd. Menschen. Für Europa geben die Prognosen eine geringere Wachstumsrate an, aber immerhin eine Zunahme von ca. 45 Millionen Menschen.

Dieses globale und europäische demographische Wachstum wird nahezu ausschließlich in den Städten stattfinden. Und es ist nicht zu erwarten, dass das Konsumtionsniveau und damit die Emissionen auf dem heutigen Niveau und Verteilungslevel bleiben werden und dass die Belastung damit nur linear ansteigen wird. Wir sind gerade Zeuge eines ungeheuren Wohlstandszuwachses in den asiatischen Ländern, voran China.
Auch unsere Kommunikationstechnologie tut das ihre hinzu. Das Forschungsbüro Gartner hat im Mai 2007 ausgerechnet, dass der ICT-Sektor weltweit für 2% des Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich ist, das ist ebensoviel wie die gesamte Luftfahrtindustrie ausstößt.

Städte sind Orte der Wärmeabgabe, sie stoßen überproportional viel CO2 aus, sie sind mit ihrer hohen Feinstoffkonzentration für Menschen eine ungesunde Umgebung. Sie können mit ihren harten Oberflächen Regenwasser nicht zurückhalten und tragen so zu ihrer eigenen Überflutung bei u. a. mehr.

Das alles weiß man seit geraumer Zeit. Wissen ohne Konsequenz.

Es liegt nicht daran, dass technologische und städtebauliche Alternativen fehlen würden. Es gibt eine breite Palette von intelligenten Lösungen, die Energieverbrauch und Wärmeabgabe drastisch reduzieren können. Lösungen, die inzwischen auch hinreichend praktisch erprobt sind – aber sie führen eine Randexistenz. Unbegreiflicherweise.

Man muss sich fragen:
Sind etwa unsere abendländischen Gesellschaften strukturell nicht imstande zur Anpassung? Weil sie so durchorganisiert und institutionalisiert und stark verrechtlicht sind. Ist das der Grund, weshalb es in einem so wichtigen Sektor wie dem Bau- und Planungswesen einfach so weitergeht wie gehabt?

Doch haben unsere europäischen Gesellschaften in der Vergangenheit schon einmal sehen lassen, dass die schnelle Durchsetzung von großen Veränderungen in den Städten möglich ist, dann wenn dringendes Handeln erforderlich ist.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Lebensumstände in vielen großen Städten in Europa katastrophal. Dicht bebaute und total übervölkerte Quartiere, Tuberkulose, Schwindsucht  und Epidemien wie Cholera grassierte in den engen, dunklen Gassen. Nicht nur für die dort Wohnenden ein Bedrohung, sondern auch eine  Gefahr für andere Schichten der Gesellschaft. 

Es wurde Untersuchungen angestellt und Berichte geschrieben – einer davon ist noch heute in den Bibliotheken zu finden: der eines philanthropischen Fabrikbesitzers namens Friedrich Engels über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England.

Es musste etwas geschehen. Man hat das Ruder herumgerissen.
Es fand eine erste 'grüne Revolution' statt. 

Vorreiter war Paris und ihr Fahnenträger und Vorkämpfer war – halten Sie sich fest, es wird Sie schockieren - der berüchtigte Baron Haussmann. Haussmann ist ins kollektive Gedächtnis vor allem als buchstäblicher Wege-bereiter für die brutale militärische Unterdrückung der aufständischen Pariser eingegangen.

Eben dieser Baron Haussmann hat in nur anderthalb Jahrzehnten Paris modernisiert mit einer ganzen Kollektion von brandneuen technologischen Erfindungen, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, dass wir uns nicht vorstellen können, dass sie erst vor 150Jahren ihren Einzug in die Städte hielten: voran ein hochmodernes Wasserleitungssystem und ein heute noch funktionierendes System von Abwasserkanälen. Sie waren eine riesige Verbesserung der hygienischen Umstände und reduzierten drastisch Krankheitsherde. Haussmann hat Schlossgärten zerschlagen und Terrains annektiert und so zahlreiche öffentlich zugängliche Parks angelegt. Und er hat Paris mit einem Spinnen-Netz von Alleen überzogen, in denen die Bäume in dichtem Abstand in Viererreihen gepflanzt wurden.1860 wurde er entlassen wegen der immens hohen Ausgaben für diese Operationen.
Er hatte dann Paris zur grünsten Stadt Europas gemacht.
Paris wurde zum großen Vorbild. Es fand überall Nachfolge: Überall wurden Alleen und Parks angelegt, so wie man sie in Paris gesehen hatte. Grün war chic geworden.

Wir Europäer sind also durchaus imstande zu rigorosen Anpassungen unserer Lebenswelten, wenn wir dazu herausgefordert werden...

Inzwischen ist der Vorschuss des 19. Jahrhunderts auf Gesundheit aufgebraucht.
Heute stehen die Städte erneut vor einer großen Herausforderung, einer Herausforderung, die nicht geringer ist als vor 150 Jahren. Aber mit einem gravierenden Unterschied: Die Reichweite der Auswirkungen ihrer Emissionen ist nicht mehr nur regional, nicht einmal europaweit – sie ist global. In der dichtvernetzten, dichtbevölkerten Welt gibt es kein isoliertes, individuelles Handeln mehr.

Wir müssen also alle verfügbaren Register ziehen, um die Klimabelastung zu reduzieren. Wenn die Städte Brennpunkte der Belastung sind, geht es darum, wie die Null-Emissions-Stadt aussehen muss.
Dem Planen und Bauen kommt eine Schlüsselrolle zu - einerseits über die Frage der Verwendung von nachhaltigen Baustoffen, zum andern über eine Multiplikation von emissionsdämpfenden und -reduzierenden Maßnahmen. Und damit sind wir beim Grün. Grün spielt dabei eine wichtige Rolle.
Das Grün ist nämlich nicht nur ein Faktor der physischen und der psychischen Gesundheit, sondern auch ein Faktor des Umweltschutzes: ein Instrument zur Reduktion unserer Emissionen. Das heisst also :
Wir brauchen eine zweite grüne Revolution: Die nachhaltige Stadt muss gleichzeitig eine extrem grüne Stadt werden.
Nicht nur grün in Gestalt von Parks und baumbestandenen Alleen, nein, EXTREM GRÜN – eine dicht bebaute Stadt, in die Grün nicht nur punktuell injiziert ist, sondern in die Grün durchgängig integriert ist; eine Stadt, die gleichsam in weiten Teilen von einer zweiten grünen Ebene, einer lebendigen, atmenden, feuchtigkeitsspendenden Haut überzogen ist.

Eine romantische Spinnerei? Es ist schwer, sich das extreme Grün in der steinernen und gläsernen Wüste einer modernen Großstadt vorzustellen. Dennoch ist es keine bloße Utopie. Ich will im Folgenden mit Ihnen die wesentlichen sichtbaren Bausteine in Augenschein nehmen, die die Elemente der realen extrem grünen Stadt sind:
grüne Dächer

begrünte Außenwände
vielfältiges Grün in pocket parcs
Offene Wasserläufe
Bäume wo immer möglich
Balkone mit Pflanzenbehältern
Nistangebote für Vögel und spezielle Insekten

Das klingt harmlos. Dahinter verbirgt sich dann aber ein Vielfältiges an Auswirkungen:

Verringerung des CO2-Ausstosses durch CO2-Bindung der Pflanzen über die Photosynthese,
Regenwasserrückhaltung durch die Gründächer, die wie ein Schwamm wirken,
Verlängerung der Lebensdauer der Dachhaut und damit Reduzierung des Bauabfalls.
Zusätzliche Wärmedämmung durch die begrünten Dächer,
Zusätzliche Wärmedämmung durch die vertikale Begrünung, je nach Ausführung gering bis sehr wirksam,
Feinstoffabsorption durch das Blattwerk von Bäumen und Pflanzen im Zuge des ‚Einatmens’ der Pflanzen, worauf die Feinstoffe sich an der grünen Oberfläche niederschlagen und dann durch Regen in die Kanalisation gespült werden.

Die extrem grüne Stadt wird damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten .

Das ist dann aber auch eine Stadt ganz nach dem Herzen der Bewohner. Allen Umfragen zufolge haben Bewohner eine erste große Vorliebe für Grün in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung, das rangiert sogar vor dem Parkplatz.

Für Bewohner ist eine grüne Stadt eine schöne, eine besonders schöne Stadt. Aber sie ist anders schön als die Professionellen des Fachs sich ‚schön’ vorstellen. Hundertwasser erfreut sich größter Beliebtheit bei den Bürgern - nur nicht bei den Architekten. Die allermeisten Architekten und Stadtplaner hängen in ihren ästhetischen Vorstellungen immer noch der Moderne nach. Und das bedeutet: eine strikte Scheidung der Kategorien – klinische Gebäude und Grün davon klinisch getrennt. Darauf werde ich noch zu sprechen kommen.....

Die extrem grüne Stadt hat aber noch mehr zu bieten, gewissermaßen als Zugabe ist da der psychologische Effekt des üppigen Grüns: in einer ganzen Reihe von Studien sind die positiven therapeutischen Auswirkungen von Grün auf die Psyche nachgewiesen worden: Menschen, die Aussicht auf Grün haben, werden weniger häufig krank, sie genesen schneller. Sich zu beschäftigen mit Grün, also ‚gärtnern’ in welcher Form auch immer, hat eine positive Auswirkung auf das psychische Gleichgewicht.

Wie wichtig und zunehmend immer wichtiger das ist, lässt sich aus den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation ermessen. Psychische Erkrankungen nehmen einen immer größeren Umfang ein, voran Depressionen. Depression rangiert gemessen in Lebensjahren mit Einschränkungen, bereits an zweiter Stelle unter den weltweiten Erkrankungen.

Und es gibt noch einen weiteren positiven Effekt: Der Umgang mit Grün, ob im öffentlichen Raum oder im privaten, ist auch eine Schule des Umgangs mit Leben. Er lehrt, Leben zu respektieren, und uns selbst einzuordnen in die großen Zyklen der Natur. Schulische und therapeutische Projekte des Gärtnerns berichten immer wieder davon.
Das ist auch mitten in der Großstadt möglich: Die englische Organisation Global Generation begrünt in London zusammen mit Schulklassen Dächer von Bürogebäuden, Den Schülern wird hoch oben auf dem Dach eines Hochhauses auf eine räumliche und tastbare Weise ein Gefühl für ihren Ort in der Stadt und in der Natur vermittelt .

Ja, in der Natur.

Die extrem grüne Stadt wird nämlich dann auch im Bewusstsein ihrer Bewohner zu dem, was sie ja in Wirklichkeit längst schon ist:
eine spezifische Sorte von Natur, in die im Laufe der Jahrhunderte diejenigen Pflanzen und Tiere Einzug genommen haben, die sich auf trockenen Grund oder häufig umgegrabenen Boden oder auf Felsen spezialisiert hatten: die Tauben und die Mauersegler z.B. sind typische Felsen-Vögel. Im Zuge immer größeren Reichtums der Städte, mit der Folge immer größerer Mengen noch verwertbaren Abfalls kamen dann immer weitere Arten hinzu, bis hin zu den Füchsen, die unser Abfallcontainer leeren.

Und seit die Stadtverwaltungen sinnvollerweise öffentliche Gelder einsparen mit der Reduzierung Trupps, die früher jedes öffentliche Fleckchen feinsäuberlich von Grünbewuchs reinigten, seither haben wir eine enorme Zunahme an neuen Pflanzensorten in der Stadt. Pflanzen, die gerade solche steinigen, sandigen Situationen lieben.
Heute ist die Biodiversität in den Städten größer als die auf dem Lande.
Die extrem grüne Stadt der Zukunft ist die Stadt als Natur.

Zu schön um wahr zu sein. praktisch nicht machbar?
Falsch! Alle Elemente der extrem grünen Stadt sind schon längst vorhanden und vielfach in der Praxis umgesetzt. Um dies zu illustrieren, hier nun eine Kollektion von bereits realisierten baulichen und städtebaulichen Maßnahmen und Beispielen.

Als erstes die Dachbegrünung:
Gründächer sind, wo sie begehbar sind, erholsame Gärten in direkter Nähe für die Menschen. Und sie sind ideale Weiden und Nistplätze für viele Vogelsorten, Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten.
Diverse Städte in Europa haben bereits Verordnungen, die die Anlagen von Gründächern bei Neubauten auf unterschiedliche Weise stimulieren oder sie sogar schon zwingend vorschreiben. Ich nenne nur Linz an der Donau und Basel Darüber hinaus bestehen in manchen Städten Subventionsmöglichkeiten und/oder technischen Beratung für die Anlage von Gründächern auf bestehenden Gebäuden - so etwa in Antwerpen. Groß profiliert hat sich auch eine amerikanische Großstadt mit ihrer Gründachverordnung:
Chicago hat für alle öffentlichen Gebäude Gründächer vorgeschrieben (unseren Damen u Herren Politikern zur sofortigen Nachahmung empfohlen).

Die technischen Möglichkeiten der Dachbegrünung reichen inzwischen von dünnen, leichten Sedum- oder Graslagen, die man auch auf bestehenden Gebäuden anbringen kann, bis hin zu Strauch- und Baumlandschaften und es gibt Pflanzen-Zusammenstellungen, die selbstversorgend sind und selbst in sehr trockenen Zeiten keine Bewässerungsanlage brauchen. Die Dachbegrünung bietet zudem den Vorteil, dass die dadurch geschützte Dachhaut minimal doppelt solange vorhält als die ohne Pflanzenbewuchs.

Vertikales Grün ist neu in der modernen Architektur. Aber es ist wie auch das Gründach an sich keine neue Erfindung – viele alte Gebäude sind wunderbar bewachsen mit  Wildem Wein, Efeu, Blauregen und anderen Kletterpflanzen, die selbsthaftend sind oder nur wenige Vorrichtungen zur Unterstützung brauchen. Neu ist, dass inzwischen technische Konstruktionen entwickelt sind, die erlauben, wunderbare vertikale grüne Kunstwerke zu komponieren, die die hängenden Gärten der Semiramis neu entstehen lassen – in der Antike eines der 8 Weltwunder.

Es gibt diese Konstruktionen in allen Ausführungen und Preislagen, beginnend mit Stangengerüsten für rankende Pflanzen bis hin zu Konstruktionen einer geschlossenen zweiten Außenschale, die Pflanzenbehälter mit Substrat aufnehmen, alle bereits im Handel. Vor allem französische und japanische Firmen haben hier Erfahrung aufgebaut. Der größte Künstler auf dem Gebiet der vertikalen grünen Gärten ist zweifelsohne Patrick Blanc.

Von Paris bis Tokio hat er zauberhafte vertikale Pflanzenkombinationen geschaffen. In Frankreich ist er in der breiten Öffentlichkeit eine sehr populäre Persönlichkeit. Eine Ausstellung über seine ‚murs vegetals’ bei den Pariser Energiewerken war so überlaufen, dass Menschen in der Schlange auf der Strasse warten mussten. Das Publikum bestand aus allen Schichten und Altersklassen, von Opa bis Kleinkind.

Paris ist überhaupt in mancher Hinsicht wieder Vorreiter für das neue Grün – und das hängt mit der Vorliebe der Franzosen für neue Technologien zusammen. Im Pariser Bebauungsplan ist ‚vertikal grün’ sogar als eine neue Kategorie eingeführt worden und für einige Gebiete der inneren Stadt ist vertikales grün vorgesehen. Die Stadtverwaltung tut obendrein alles, um die Bürger zur Begrünung von Fassaden zu gewinnen – seit Juni 2007 wird dafür mit einer großen Ausstellung im Freien vor dem Rathaus der Stadt geworben und interessierten Bürgern, auch Mietern, fachliche Unterstützung angeboten.

Sodann die neuen Parks. Wir haben in den dichtbebauten Städten weder Raum noch Geld für großzügige Parks, wie sie im 19. Jahrhundert angelegt worden sind. Aber Parks, wo Mütter ihren Kinderwagen neben eine Bank stellen können, kleine Kinder im Freien spielen können, wo man sein Pausenbrot in der Mittagspause in einer ruhigen grünen Ecke verzehren kann, sind wichtig, sehr wichtig. Raffinierte Landschaftsgärtner haben die Pocketparks erfunden: kompaktes Grün, womit kleine grüne Kammern im Freien geschaffen werden, lauschige Lauben auf engstem Raum, die Einblicke verwehren und die in den Mittagsstunden fast unsichtbar dicht bevölkert sind. Für die Neuanlage von Pocketparks in Baulücken, auf Parkgaragen und auf zugedeckelten Infrastrukturflächen wie Bahnhöfen – hier gibt es wunderbare Beispiel, die nur auf Nachfolge warten. Paradebeispiel hierfür ist der Park auf dem Bahnhof Montparnasse, ein schönes Beispiel für den Erfolg einer Bürgerinitiative ist die Anlage eines wilden Parks und angrenzender Mietergärten als Gegenleistung für das Zugeständnis einer Parkgarage im Blockinnern in einem Amsterdammer Quartier.

Garten auf einer Parkgarage einem Blockinnern in Amsterdam (Foto: Hans Aarsman)

Und dann sind da die offenen Wasserläufe. Auch in vergangenen Zeiten waren offene Wasserläufe in dichtbebauten Städten angelegt, aber damals war das gleichzeitig eine offene Kanalisation – also eine stinkende Angelegenheit. Seit der ersten grünen Revolution sind sie wieder zugedeckelt. Illustrationen 16/17 Wasserlaeufe Baller Jetzt hat man die Vorzüge von offenen Wasserläufen in der Stadt als Klimaregulativ entdeckt: in manchen Neubaugebieten sind sie zu finden, eine Quelle von Vergnügen und klimatischer Verbesserung – zudem auch wieder Lebensraum für spezielle Pflanzen, Wasservögel, Insekten und selbst kleine Fische und Amphibien, Frösche, Blesshühner Und die modernen Prinzessinnen haben wieder die Chance, auf den Froschkönig zu treffen...

 

Über den Wert von Bäumen brauche ich nicht viel zu sagen – eigentlich nur soviel: dass wir unsere Vorbilder aus den Vergangenheit holen können. Bäume können dicht beieinander stehen. In den Pariser Boulevards stehen die Platanen im Abstand von weniger als 8 m, oft im Zickzack, und sie überleben trotz des engen Stands gut – dass sie verschatten, ist in unseren immer heißer werdenden Sommern nur von Vorteil. Wir müssen allerdings in Diskussion treten mit all denjenigen, die Bäume wegen des Blätterfalls im Herbst ablehnen - das apropos Veränderung von Verhalten, Gewohnheiten, Denkschablonen angesichts ges Klimawandels....

Nun habe ich noch nicht gesprochen über die netten Dreingaben, die jetzt schon meist von Bürgern angebracht werden, selten, aber doch auch manchmal von Architekten: liebenswerte kleine Angebote an die Vögel, und Insekten: Löcher in der Außenhaut, Mauervorsprünge, Dachüberstände etc. als Nistmöglichkeiten, die dafür sorgen, dass eine reiche Palette von Vögeln ihr artgerechtes Nest bauen kann.

Ja, es klingt wie im Märchen – aber es ist alles andere als das. Es ist eine kalkulierte, rationale Rückführung unserer Lebensumstände in das, was unser Leben im seinem gesamten natürlichen Zusammenhang nötig hat und was die Natur uns unbeschadet geben kann. Was wir unsererseits ungestraft nehmen dürfen und was wir dann zurückgeben oder kompensieren müssen im großen Kreislauf des Austausches der Dinge, der Energien.Der Beitrag, den Architekten, Stadtplaner, Politiker und Bewohner von Städten leisten können zum Klimaschutz ist groß, sehr groß. Er ist obendrein ein wirtschaftlicher Stimulus, denn viele dieser Maßnahmen schaffen Arbeitsplätze.

In der ersten Juniwoche 2007 haben die vereinigten Umweltorganisationen und die Gewerkschaften der Niederlande gemeinsam dem Umweltminister einen Plan vorgelegt, wie die verschiedenen Wirtschaftszweige einen Beitrag zur Reduzierung des Treibhauseffekts leisten können. Sie fordern auf zu einer gesetzlichen Regelung einer Obergrenze des CO2-Ausstosses pro Branche, um auf diese Weise Innovationen abzuzwingen. Die jährlich zusätzliche Einkommensbelastung pro Haushalt durch solche Maßnahmen beziffert man auf ca. € 600. Diesen Betrag sieht man durch eine vielfach größere Einkommenssteigerung aufgrund des Beschäftigungseffekts der Maßnahmen kompensiert. Ein sensationeller Vorschlag: die Gewerkschaften Arm in Arm mit Greenpeace und anderen Umweltverbänden – sind wir nicht also doch sehr wohl imstande zu Verhaltensänderung?

Bleibt nur noch die leidige Frage, wie es den lieben Architekten beibringen, dass die Stadt der Zukunft extrem grün sein wird, dass all das technologische Raffinement, was jetzt noch mit dem Begriff der Stadt der Zukunft verbunden wird, untergeordnet werden muss unter eine neue, andere Ästhetik, die einer extrem grünen Stadt.

Ich habe eingangs darauf hingewiesen, dass die Profession immer noch verliebt ist in Glas und Stahl und klinisch glatte harte Oberflächen. Hier muss ein großes Umdenken ingang kommen. Die zweite grüne Revolution der Stadt ist auch eine ästhetische Revolution. Wir brauchen auch in der Fachwelt endlich einen emotionalen Abschied von der Moderne.

Erste kleine Anzeichen sind zu verzeichnen: renommierte und sehr renommierte Architekten präsentierten in jüngster Zeit grüne Projekte oder wenigstens Projekte mit grünen Einsprengseln–
das neue Schwimmbad von Ton Venhoeven mitten in Amsterdam, das im vorigen Jahr fertig gestellt worden ist, gehört hierher (noch sind die Pflanzen im ersten Wachstumsstadium), und Jean Nouvel mit der grünen Wand an seinem Museum am Quai Branly, die Patrick Blanc entworfen hat und die Paris zu einer weiteren Touristenattraktion verholfen hat.

Die extrem grüne Stadt der Zukunft wird keine weltfremde Idylle sein – ebenso wenig wie es die grüne Stadt des 19.Jhds war. Ebenso wie diese wird sie ein technologisch avanciertes und hochregeltes Produkt sein. Der Unterschied zur Stadt der Gegenwart wird darin bestehen, dass dieses technische Gebilde Stadt sich einfügt in die Gesetze der Natur, der auch wir unentrinnbar unterworfen sind.

weitere Literatur :

s. Marco Schmidt, http://www.a.tu-berlin.de/GtE/forschung/Adlershof/Berlin2006_PPT.pdf

Jane Riddiford, Charlie Green, Lebendige Dächer, ein Katalysator zur Bildung von Gemeinschaften/Living roofs, a catalyst for building communities. In: BIOTOPE CITY JOURNAL www.biotope-city.net

Amy Hutchins, Climate Change and Green Roofs. The example of three cities. In: BIOTOPE CITY JOURNAL www.biotope-city.net