BIOTOPE CITY - DIE GARTENSTADT DES 21.JAHRHUNDERTS

'Keynote zum Symposium STRANGE PLANTS ARE MY HOBBY 10./11. Nov. 2017 im Rahmen des 'COPYSHOP OF HORROR - A temporary space for the nature of cities and the cities of nature' von COPY&WASTE im Ku'Damm Karree Berlin, November & Dezember 2017

Die Formel “Die Stadt als Natur” fordert eine Definition dessen heraus, was unter Natur zu verstehen ist. Wo setzt man an? Was rechnet man dazu? Die Frage ist brisant, besonders unter Biologen, aber auch bei gewöhnlichen Sterblichen: wenn es 'die Natur' zu retten gilt, welche ist gemeint? Die im Zustand vor 100 Jahren? Oder soll man noch weiter zurück greifen? Dürfen auf den westfrisieschen Inseln Bäume wachsen, die dort von 100 Jahren nicht zu finden waren? Was ist mit den Neophyten, den pflanzlichen Exoten wie dem indischen Springkraut, dem Staudenknöterich oder dem Riesenbärenklau, oder mit den tierischen Eindringlingen, den Nilgänsen, den Waschbären u.a. Und welche Rolle spielt der Mensch in diesem Konzert, der ja so wirklungsvoll eingreift in die 'Natur'? Auch da laufen die Ideen weit auseinander, man kann ja auf unterschiedliche Weise über das philosophieren, was der Mensch ist: Die Krone der Schöpfung, dessen Auftrag es ist, sich die Erde, also die Natur, untertan zu machen. Oder ein Krebsgeschwür, das die Erde überwuchert und den Lebensraum so wunderbarer Tiere wie des sibirischen Tigers und anderer zerstört und sein eigenes Ökosystem gegen die 'Natur' der Erde errichtet. Aber man kann auch in der sich stets weiter ausbreitenden Wirbeltiersorte homo sapiens eines der Elemente des stetigen Veränderungsprozesses von Organischem und Anorganischen auf der Erde sehen.

Aus letzterer Haltung heraus stellt sich die Frage nicht als “Wie kann man die bedrohte Natur retten und die Expansion und Aneignung des Menschen stoppen”, sondern fragt man: “Wie können wir den Lebensraum des Menschen so einrichten und regulieren, dass er in einem Zusammenspiel mit anderen Arten von Leben so gut und gesund wie möglich die ihm als Individuum jeweils zugemessene Zeit verbringen kann".

Wie dieses schöne mittelalterliche Stickbild zeigt, sind wir nicht die ersten, die sich diese Frage stellen. Mit dieser Frage sind wir dann auch bereits bei unserer heutigen und zukünftigen Realität unserer Städte. Doch wie können wir unseren städtischen Lebensraum auf eine für alle beteiligten Lebewesen, von homo sapiens bis flora und fauna lebenswerte Weise einrichten, wenn wir diesen Lebensraum mit so vielen teilen müssen? Um 2050 werden mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nach rund 10 Milliarden Menschen diesen Erdball bevölkern, von denen dann über 70% in Städten leben werden.
Doch was ist das dann noch, dieser städtische Lebensraum? Was ist Natur, was ist Stadt? Was kann 'die Stadt als Natur' bedeuten?

Ein kurzer Blick zurück: Nehmen wir einmal das Berliner Maskottchen, den Bären als Ausgangpunkt. Der Berliner Bär gibt noch eine ferne Kunde von der elementaren Bedrohung, die wir Menschen einmal in der Wildnis erfahren haben, in den endlosen Wäldern Europas mit ihren Bären und Wölfen.
Die Menschen haben ihre Heimstätten mit Schutzwällen umgeben. Die Stadt: eine Festung gegen die Natur - nicht nur gegen menschliche Feinde, sondern auch gegen die Bedrohung durch die wilden Tiere – die Redewendung ‘homo hominem lupus’ referiert ja noch an die Gleichsetzung dieser Ängste.

Die outsider der Gesellschaft, die Unangepassten wie die Hexen und die Räuber flüchteten in die Wälder, und auch die überflüssigen Esser wurden dorthin geschickt. Unsere Märchen erzählen noch immer davon, von der Angst davor, durch den Wald zu gehen, wo die Wölfe und die Bären auflauern.
In dem Maß, in dem die bedrohlichen Tiersorten ausgerottet wurden, verschwand auch die Notwendigkeit, sich speziell gegen diese zu schützen. Es entstand ein neues Verhältnis zu ‘Natur’. Die menschlichen Heimstätten konnten die Natur in dressierter Form zulassen, ja selbst zur Repräsentation ausgestalten.
Es entstand die Garten- und Landschaftskultur. Natur wurde zum Erholungsraum. Der Bär wurde zum Maskottchen. Die Industrialisierung des 19.Jhds. rief sodann den massenhaften Zuzug in die Städte hervor. Das führte dazu, dass in vielen überfüllten städtischen Quartieren nun so ungesunde Lebensverhältnissen herrschten, dass durchlüftet werden musste – im wörtlichen Sinn. Die Natur mauserte sich von Bedrohung zur Rettung vor allzuviel Stadt. Die grossen Städte wurden einer ersten Begrünungswelle unterzogen. Alleen und Parks wurden gebaut.

Paris war Vorreiter. Der Pariser Stadtbaudirektor Baron Haussmann, der so unglücklich verkehrt in die Geschichtsschreibung eingegangen ist, hat Breschen in die düsteren, viel zu dichten mittelalterlichen Quartiere geschlagen mit breiten Avenuen, die durch 4 Baumreihen gesäumt waren. Er hat die privaten Gärten der Stadtpalais des Hochadels enteignet und sie in öffentliche Parks umgewandet. Ab der Mitte des 19.Jhds wurde Paris zum Mekka des modernen Städtebaus.

Es gab aber auch andere Reaktionen auf das Elend der Städte: Andere negierten die räumlichen Konsequenzen, die die rapide Zunahme der Bevölkerung in den Städten hatte. Sie träumten von einem eher romantischen Verhältnis von Stadt und Natur.

In ihrem Herzen waren sie stadtfeindlich. Ihren Verfechtern schwebte ein quasi dörfliches Nebeneinander vor. Das Konzept der Gartenstadt des Engländers Howard etwa verkündete die Idylle von niedriger Bebauung, eingerahmt von Gärten. Selbst zur Zeit seiner Formulierung 1898 war das bereits eine unrealistische Lösung zur Ansiedlung der vielen Menschen, die in die Städte strömten.
Was aber ist heute ein realitätsgerechter Blick auf das Verhältnis von Stadt und Natur? Was wäre die Stadt als Natur? Gäbe es heute eine realistische Form der Gartenstadt, die beides harmonisch vereint? Die Erdbevölkerung ist seither explosionsartig gewachsen und wird weiter so wachsen.

Schliesslich gibt es heute bereits über 36 Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Und die sehen dann so aus, dass kaum mehr irgendwo ein Grashalm zu finden ist. Diese Art von Städten nimmt auch noch rassat zu, vorrangig in Asien, Afrika und Südamerika. In Europa geht es harmloser zu. Wien etwa mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern erreichte 2015 im Ranking der großen Städte nur Platz 270, es wächst aber doch jährlich mit immerhin 25.000 – 30.000 Einwohnern. Also können wir noch von etwas anderem reden als von der dichten Stadt?

Der niederländische Biologe Jelle Reumer, Direktor des Naturhistorischen Museums in Rotterdam, nimmt eine überraschende Position ein. Er nennt  auch die heutige Stadt einen Wildpark. Er betrachtet das Phänomen Mensch und sein Verhältnis zu der sich stetig verändernden Natur aus einem großen Abstand, der Zeit und Raum umfasst (1).

Er startete seine Reflexionen mit der Beobachtung, dass Vögel in der Stadt ihre Nester zur Aufzucht ihrer Jungen nicht mit den Materialien bauen, die in unserer Vorstellung 'natürlicherweise' dazu benutzt werden müssten: mit dürren Zweigen, Blättern, Federn. Er beobachtete, dass sie zum Nestbau verwenden, was sie eben in der Stadt vorfinden: Plastik, Draht, Styropor – Materialien, die teilweise ihren Dienst selbst besser tun. Vor einigen Jahren hat Sema Bekiroviç eine beeindruckende Fotoreportage über solche Nester gemacht: sie hat die Nester von Blesshühnern in den Grachten von Amsterdam fotografiert. Grad so kann man mit Plastik bestückte Nester der urbanen Schwäne finde oder drahtdurchwirkte Krähennester. Von Verdrängung kann hier also keine Rede sein.

Was der Mensch mit der grossen Stadt geschaffen hat, ist ganz offensichtlich ein neues, ihm angepasstes, ein 'andropogenes' Ökosystem. Freilich ein Ökosystem, in dem sich nur eine Selektion von Sorten der gesamten Flora und Fauna eingenistet hat, Sorten, die mit den durch die Menschen geschaffenen baulichen Voraussetzungen umgehen können. Also nicht die Tiger und Luchse, nicht der Pirol und die Rohrdommeln,  sondern solche Sorten, die in den weitgehend kahlen Städten Felslandschaften sehen, in die hinein sie ihr Siedlungsgebiet erweitern können. Die Felsentauben haben das getan, die Möwen, die Krähen u.a.

Erkenntnisse entstehen, wenn man das Blickfeld erweitert, wenn man die Sache oder das Problem aus größerem Abstand betrachtet und die grossen Zusammenhänge erkennt. Was die Position von Jelle Reumer so spannend macht, ist der grosse Zeithorizont, unter dem er die Welt, so wie wir sie hic et nunc erleben, betrachtet: Er skizziert eine Entwicklungsgeschichte von Milliarden von Jahren. Das was wir Heutigen als 'Natur' in unserer inneren Vorstellungswelt pflegen, ist in Wirklichkeit ein Kette von sich stets verändernden Ökosystemen, in denen auch das sich grassierend ausbreitende Ökosystem 'Stadt' wohl nur ein Intermezzo in den weiteren Milliarden Jahren der Zukunft der Erde sein wird.

Dieses Ökosystem Stadt ist für die Flora und Fauna, die sich hier eingenistet haben (und unter sich verändernden klimatischen Bedingungen neu einnisten werden) genau so Wildnis, wie es die Wildnis ausserhalb der Stadt war und ist. Manche Tiere sind dem Menschen schon frühzeitig in seine Behausungen nachgefolgt: der Hund, die Hausmaus, der Sperling, die Katze. Sie haben sich angepasst. Aber auch die neueren Immigranten passen sich an – die Amsel, die ich in meiner Kindheit nur als Waldvogel kannte, sucht nun schon an den Wurzeln der Bäume in den Amsterdamer Grachten nach Insekten und Würmern; der früher scheue Reiher jagt von den Kaimauern aus. Als ich eines Morgens die Haustür öffnete in Amsterdam, sass da auf dem Geländer ein Reiher, völlig ungerührt. Ein netter Passant machte einen Schnappschuss.

Andere Sorten haben sich ganz auf unseren Abfall spezialisiert, so die Krähen und Stadttauben, die schon tagsüber unsere essbaren Reste aufräumen und kaum noch etwas den nächtlichen Ratten übrig lassen.... Aber auch wir, als homo sapiens, aus der Savanne kommend, haben uns diesem Ökosystem Stadt so angepasst, dass Jelle Reumer davon spricht, dass der homo sapiens sich zum homo urbanus wandelt (s. hierzu sein Essay auf BCJ 'Homo urbanus - der Mensch unserer verstädterten Zukunft'). In die Savanne ausgesetzt, sagt er, wären wir keine 10 Tage überlebensfähig. Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass 'den Stadtkindern die Sinne schwinden': sie sehen schlechter, ihre Bewegungsfähigkeit und ihr Geruchsinn haben abgenommen, und dies schon im Vergleich zu Kindern von zwei Generationen zuvor.

Der Natur ist es gleichgültig, ob die Veränderungen menschengemacht sind oder ein natürlicher Vorgang, ein Sturm, ein Erdrutsch o.a. sie hervorgebracht haben. In ihrer unerschöpflichen Anpassungsfähigkeit passt sie sich an. “Qua Auswirkungen ist ein durch einen Sturm umgewehter Baum nicht weniger einschneidend als das menschliche Eingreifen durch einen Bagger” (Jelle Reumer, Wildlife in Rotterdam). Immer noch bleibt der durch unsere baulichen Massnahmen verwüstete Ort Naturgebiet, freilich in veränderter Gestalt. Doch hat unser menschliches Eingreifen mit dem Bau von Städten Folgen für die Lebensbedingungen nicht allein von Flora und Fauna, sondern auch von uns, den menschlichen Verursachern und Nutznießern selbst. Dem gilt es nachzuforschen.

Um verständlich zu machen, was die Stadt als Naturgebiet bedeutet, kommt Reumer mit einem drastischen Vergleich: an den Ufern des Flüsschens Rotte befindet sich irgendwo in den Bäumen eine Kolonie von Kormoranen. Diese Bäume sind vollständig überladen mit unzähligen Nestern. Er schreibt: “Es bietet sich ein geradezu apokalyptischer Anblick.... die Bäume sind fast gänzlich abgestorben und völlig weiß von Kot, der überall in dicken Lagen auf ihnen festgebacken ist; jede Art von Wachstum am Fuss der Bäume ist verschwunden. So sieht es aus, wenn eine einzige Tierart, in diesem Fall die Kormorane, in einem Gebiet dominant vorhanden sind. Sie füllt das Gebiet mit ihren Nestern und beschmutzt ungehemmt die ganze Umgebung, wodurch viele andere Arten von Tieren und Pflanzen sich nicht mehr heimisch fühlen und verschwinden.”
Nun lese man diese Sätze nun noch einmal, schreibt er, und ersetze das Wort 'Kormoran' durch 'Mensch':  “Das ist nun die beinahe perfekte Definition von Stadt! Eine aufeinandergepackte Ansammlung von Menschennestern, besser bekannt als Gebäuden, mit ziemlich wenig Raum für andere Sorten und meist auch ziemlich verschmutzt”.

Es ist ein beeindruckender Vergleich. Ein Vergleich, der uns vor Augen führt, was unser Problem mit unseren dichten Städten ist: wir zerstören die Lebensbedingungen vieler Sorten und letztendlich auch die von uns selbst.
Wenn wir dem Einhalt gebieten wollen, dann nicht wegen einer angeblichen Naturzerstörung. “Die Stadt verdringt die Natur nicht. Sie lässt sich nicht verdrängen. Natur ist eine Aufeinanderfolge von Ökosystemen; es ist darum unsinnig, das eine Ökosystem höher einzuschätzen als das andere”. Nur aus unserem eigenen, interessengeleiteten Blickwinkel kommen wir dazu, das eine Ökosystem höher einzuschätzen als das andere. Sub specie aeternitatis ist das unsinnig. Es geht um uns selbst: um die Sicherung unserer eigenen Lebensbedingungen, um die Lebensbedingungen für uns Menschen in der Stadt. Und da droht die Gefahr der Zerstörung der Lebensgrundlagen nicht nur anderer Sorten, sondern ebenso die Zerstörung der Lebensgrundlagen unserer eigenen Spezies, von uns Menschen. Aber beides – und das ist die zentrale Erkenntnis - hängt miteinander zusammen.

Klimawandel

Kommt ein weiteres hinzu: Stichwort Klimawandel: Es ist täglich in den Medien zu verfolgen – langanhaltende Hitzeperioden und langandauernde Starkregengüsse, Überschwemmungen, Stürme. Vertrocknung von weiten Landstrichen im weltweiten Massstab und Ansteigen des Meeresspiegels; dadurch ausgelöster Verlust von Siedlungsflächen und agrarisch nutzbaren Flächen; dadurch ausgelöste Völkerwanderungen, bei uns nur als sog. Flüchtlingskrise bekannt. Das Ausmass der klimaverursachten Völkerwanderungen übersteigt aber das der kriegsbedingten Fluchtbewegungen weltweit um ein Vielfaches.
Zusammengefasst: Wir haben es derzeit mit sich fundamental verändernden Rahmenbedingungen zu tun. Die relativ jungen Wissenschaften, die sich mit der biologischen, ökologischen und meteorologischen Seite unserer Welt beschäftigen, läuten Alarm.  Schnelles Umdenken, energische Umkehr ist nötig.

Das heisst aber auch: wir stehen vor fundamental veränderten Rahmenbedingungen für die dichte Stadt und für eine zukunftsfähige Architektur und einen zukunftsfähigen Städtebau. Die Folgen des Klimawandels sind eine essentliche Ursache dafür.

Noch einmal:
Es geht also um die Lebensbedingungen für die Spezies homo sapiens in der Stadt. Und diese Frage stellt sich nun in verschärfter Form. Es geht also keineswegs ‘nur’ Biodiversität, um die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Flora und Fauna durch Verstädterung, durch städtischen Landfrass und durch agrarische Monokulturen. Es geht dabei ebenso um die Zerstörung der Lebensgrundlagen von uns Menschen selbst.
Der Ausweg ist aber nicht das Naturreservat für Flora und Fauna und für unsereins das Zurück zur Gartenstadt à la Ebenezer Howard. Wir müssen beider Anforderungen aufeinander legen: Wir müssen erkennen, dass die dichte Stadt selbst zu ‘Natur’ werden muss, d.h. zu einer Form von Natur, die unser physisches und psychisches Überleben als Spezies sichern kann.

Damit hat ein alter Traum, eine alte Idee neu die Bühne betreten: Die Idee einer friedlichen Koexistenz und Kooperation mit der Natur. Wir beginnen unsere existentielle Abhängkeit zu begreifen von 'Natur' – eigentlich genauer: unsere Abhängigkeit von der ausser-menschlichen Natur. Wir begreifen, dass wir nur Teil eines Gesamten sind, wenn auch ein sehr aggressiver, dominanter Teil. Unsere lebensnotwendige Atemluft muss durch Pflanzen und Bäume produziert werden, Und die sind auch noch Luftsäuberungsanlagen und Feuchtigkeitsregulierungssysteme – mit einer ausgeklügelten 'natürlichen' Technologie, die weit besser funktioniert als unsere fast stümperhaften, wenn auch noch so wissenschaftlich fundierten technischen Installationen.
Das Grosse Umdenken ist im Entstehen: Statt Trennung von Stadt und Natur beider Integration: konstruktive Koexistenz in der dichten und ebenso dicht begrünten Stadt.

Die Re-Naturierung der Stadt: Biotope City

Es geht um die Re-Naturierung der Stadt – nicht als De-urbanisierung. Sondern gewissermassen in Fortsetzung und Weiterentwicklung von Haussmann: Die urbane Dichte selbst wird als eine Form von Natur eingerichtet werden müssen, die den Anforderungen sowohl der species homo sapiens als auch der flora und fauna entspricht. Das heisst: die dichte Stadt selbst musss zu einer uns angemessenen Natur werden, um unser physisches und psychisches Überleben zu sichern.
Der von homo sapiens zum homo urbanus mutierte Mensch muss in den dichten Städten einen modus vivendi entwickeln, der nicht nur ihm, sondern ebenso einer reichen Flora und Fauna ein Überleben bietet. Es geht nur gemeinsam. Er muss den modus einer win-win-Situation finden: die dichte und gleichzeitig grüne Stadt, die Biotope City.
Das ist es, was die Formel: ‘die Stadt als Natur’, nota bene ‘die dichte Stadt als Natur’ besagt. Die Biotope City.
Dabei kann uns die ‘Natur’ selbst helfen.

Der homo urbanus kann die regenerativen Mechanismen der Natur als Instrumente der Bewältigung des Klimawandels und der Umweltverschmutzung nutzen. Damit hat er dann auch gleichzeitig einen doppelten Gewinn eingefahren: im aktiven Umgang mit der Natur erreicht er auch eine Steigerung des Wohlbefindens der Bewohner und eine soziale Stabilisierung. Mit der Sicht auf das Grün der Pflanzen und das Lauschen auf den Gesang der Vögel erfahren die zweibeinigen Stadtbewohner eine wohltuende innere Ruhe. Viele wissenschaftliche Studien haben inzwischen bewiesen, dass das beim Gesundwerden hilft und gut ist gegen depressive Stimmungen... Und die Verantwortung für die natürliche Umwelt stärkt auch die soziale Stabilisierung der inzwischen so heterogenen Stadtgesellschaft.

Wie sieht das aus? Was heisst das praktisch?
Die ersten Schritte im Kleinen kennen wir alle, sie sind die Elemente eines neuen Denkens über Architektur und Städtbau: Die Verwendung von nachhaltigen, emissionsfreien Baumaterialien, die Anlage von Wasserläufen, begrünten Dächern, begrünten Fassaden, von Pocketparks, Minigärtchen auf Verkehrsinseln und sonstigen Restflächen; Bäumen entlang von Strassen, wo immer nur möglich, nötigenfalls Sträucher in grossen Containern und last not least reichlich Blumen in Fenster- und Balkonkästen für Bienen und andere Insekten. Das alles ist nicht nur optisch schön, sondern auch Garant für gute Luft, erträgliche Temperaturen und Feuchtigkeitswerte, verringerte die Wassermassen in der Abflusskanalisation, für die Biodiversität und nicht zu vergessen: es führt zu ausgeglicheneren Gemütszuständen. 
Warum gerade mit soviel Grünbewuchs? Ein vegetationstechnisches Intermezzo:

Wundermittel Blattgrün

Die Wirkung von Blattgrün ist ein kleines Wunder. Blattgrün ist das weitaus effizienteste und obendrein kostengünstigste Mittel zur Milderung der Umweltfolgen der dichten Verstädterung. Blattgrün ist die eilerlegende Wollmilchsau!

Die Meriten von Blattgrün ganz kurz – es wird Ihnen nichts Neues sein. Eine relevante Zunahme des Grünbewuchses in dichter Bebauung kann, wie wissenschaftliche Studien zeigen, erhebliche Milderung bei nahezu allen klimabedingten Problemen verschaffen: Senkung hochsommerlicher Temperaturen und damit Verringerung der Hitzetage, Regenwasser-Retention und damit Entlastung der Abwassersysteme, Bindung von CO2-Ausstoss, Feinstaubbindung mit Verringerung gesundheitlicher Schäden, Lärmdämpfung, selbst eine Senkung der Unterhaltungskosten für Gebäude und Grünräume, die bei kenntnisreicher Planung, dh bei richtiger Pflanzenwahl und angepassten Fassadensystemen wird mittel- und langfristig erreicht werden kann, sodann der wichtige Aspekt der sozialen Kohärenz und Integration durch Einbindung von BewohnerInnen in die Pflanz- und Pflegemassnahmen sowie nicht zuletzt eine Unterstützung und Verbesserung der Biodiversität durch eine geeignete Wahl vielfältiger einheimischer Pflanzen und Nistmöglichkeiten für Tiere und Insekten.

Wir sollten einfach nur die Stadt mit einer grünen Haut überziehen, Blattgrün spriessen lassen, wo immer möglich. Das ist effizient und kostengünstig, hat  positive soziale Effekte und ist schlicht einfach schön ! Eine reiche Flora und Fauna hat ebenso ihren Nutzen davon wie wir Zweibeiner. 

Rekapitulieren wir:

Die Lösung kann nicht die alte Gartenstadt sein. Die erfolgreiche Spezies Mensch vermehrt sich in solcher Zahl und mit solch massenhaftem Zustrom in die Städte, dass ein 'zurück zur Natur' im Sinne von Landleben nichts anderes als eine romantische, weltfremde Antwort wäre. Der vom homo sapiens zum homo urbanus mutierende Mensch muss in den dichten Städten einen modus vivendi entwickeln, der ihm und einer reichen Flora und Fauna gemeinsam ein Überleben sichert. Er muss den modus einer win-win-Situation finden: die dichte und gleichzeitig grüne Stadt, Biotope City! Die Verwendung von nachhaltigen, emissionsfreien Baumaterialien, die Anlage von Wasserläufen, begrünten Dächern, begrünten Fassadenn, Pocketparks, Minigärtchen auf Verkehrsinseln und sonstigen Restflächen, Bäumen entlang der Strassen, wo immer nur möglich, nötigenfalls Sträuchern in grossen Containern und last not least reichlich Blumen in Fenster- und Balkonkästen für Bienen: Das sind gewissermassen Injektionen in die bestehende Stadt - und manchmal sogar bei engagierten Architekten im Neubau zu finden. Einzelne Aspekte davon haben es inzwischen in nicht wenigen Gemeinden zur Verpflichtung geschafft, so die Dachbegrünung bei Neubau oder der Ersatz eines gefällten Baums durch einen neuen mit entsprechender Leistung als Verpflichtung. 

Das Konzept Biotope City - die Stadt als Natur

Bereits in den 70er Jahren hat der Nasa-Wissenschaftler James Hansen auf seine Beobachtungen der zunehmenden Erderwärmung hingewiesen. Ihm folgten zahlreiche Studien, die ihn bestätigten. Es folgten Klimakonferenzen, die erste davon in Rio. Für mich war dies Anlass, darüber nachzudenken, inwieweit die gängige Struktur Struktur unserer Städte perspektivisch noch eine tragfähige Antwort sein würde auf den sich abzeichnenden Klimawandel. Mir wurde klar, dass das Konzept der Moderne in Architektur und Städtebau nicht mehr hinreichend, ja teilweise sogar hinderlich geworden war. Denn wollte man eine rein technische Lösung mit energieverschlingenden Klimaanlagen vermeiden, gibt es nur einen Ausweg: die intensive Begrünung von Gebäuden und Strassen. Da aber Pflanzen, also Flora, niemals ohne die mit ihnen gewissermassen in Symbiose lebende Fauna möglich sind, bedeutet dies eben: Re-naturierung der Stadt. Damit war das Konzept der Biotope City geboren. 2002 organisierte ich an der Technischen Universität Eindhoven einen internationalen Kongress mit diesem Titel, bei dem ich dieses Konzept vorstellte. 2004 rief ich die gemeinnützige Stiftung Biotope City ins Leben, ab 2006 gab diese das online Magazin BIOTOPE CITY JOURNAL heraus, an dem eine engagierte Gruppe von Redakteuren und Korrespondenten aus vielen Ländern Europas, aus den USA und Canada mit wirken. (Inzwischen ist sowohl der Begriff 'Biotope City' als auch das Logo der Stiftung europaweit durch die EUIPO geschützt.)

Biotope City: Das Manifest  

Das Konzept Biotope City – die Stadt als Natur – ist entwickelt aus der Erkenntnis fundamenteller Veränderungen der Rahmenbedingungen von Architektur und Städtebau aufgrund von Klimawandel und rasanter Verstädterung.

Die Biotope City ist eine klug durchdachte Antwort und gleichzeitig ein sinnliches Erlebnis. Es ist die Stadt, die auch zukünftig lebenswerte Bedingungen für Menschen und Lebensraum für Flora und Fauna bietet.: Die künftige Stadt klingt, riecht und schmeckt angenehmer, als die Metropolen des 20. Jahrhunderts. Sie ist reich an Arten und sie wandelt mit den Jahreszeiten ihre Formen und Farben. Ihre Bäume und Pflanzen spenden Luft zum atmen und wirken beruhigend auf die Seelen ihrer Bewohner. Ihr Blattgrün bindet Feinstaub, mildert sommerliche Hitze und Überschwemmungen nach Starkregengüssen.

Die Vision von Biotope City ist weitreichender als bisherige Konzepte der nachhaltigen oder der grünen Stadt. Biotope City ist mehr als die Summe aus energiesparenden Gebäuden, wieder verwertbaren Baumaterialien, sauberem Strom aus Wind- und Sonnenenergie – sowie begrünten Dächern und Fassaden.

Biotope City ist die Vision einer Stadt, die ihre Bewohner und ihre Bauten wieder in den Zyklus der Natur einbettet. Die lebendige organische Welt wird zum wichtigen Element der Gestaltung – wie heute Stein, Stahl, Holz und Beton. Biotope City verwebt und verschränkt „grün“ und „grau“ miteinander – im Gebäude, im Quartier und in der Stadt insgesamt. Biotope City bringt so eine neue Schönheit hervor, die der technisch-ökologischen Wende sinnlich Ausdruck verleiht.

Biotope City ist der räumlich gestaltete Ausdruck einer tieferen Einsicht: die Stadt steht nicht im Gegensatz zur Natur, sondern ist eine ihrer Ausprägungen: Unsere städtischen Steinwüsten sind im Wesen nicht anders, als Termitenhügel oder Ameisenhaufen, als Wälder oder Wiesen. Aus dieser neuen Haltung der Demut gegenüber der Natur wird die Biotope City entworfen. Ihre Bewohner, ihre “Gärtner“ achten Pflanzen und Tiere als Artgenossen und den Menschen als fühlendes Wesen.

Widerspruch zu diesem Konzept kam hauptsächlich von Fachkollegen: Die Moderne ist auch eine Schule der Ästhetik - und ein begrüntes Gebäude folgt einer anderen Logik. Es kam hinzu, dass zunächst nur wenige Studien die Wirkungskraft von Blattgrün mit seiner Verdunstung und seiner 'Atmung', die so wesentlich ist für die Senkung gefühlter Temperatur, Wasserretention und Feinstoffabsorption, belegten.

Doch gab es einige Vorreiter: in Wien war es Hundertwasser, in Deutschland hatte ... in Darmstaddt ein exemplarisches Baumhaus gebaut. Harry Glück hatte in Wien Sozialwohnungen mit so breiten Balkontrögen gebaut, dass sie zum Gärtnern einluden. Zug um Zug folgten anderemit Experimenten, Pflanzen, Begrünung in ihre Entwürfe einzubauen. In Paris machte Patrick Blanc mit seinen vertikalen Gärten Furore - durch das so begrünte Musée du Quai Branly von Jean Nouvelle gelangte die Idee der vertikalen Begrünung in die breiten Medien. Schliesslich gelang es  Stefano Boeri in Mailand sogar, einen 'Bosco Verticale' zu realisieren und erregte weltweites Aufsehen damit. Die Zeit ist reif geworden für die Renaturierung der Stadt - auch wenn es immer noch nur vereinzelte Gebäude sind, die konsequent diese Idee umsetzen. 

 

Meines Wissens die einzige Stadt aber, die eine kohärente Politik auf dieser Grundlage entwickelt hat, ist Paris. ‘Paris’ neu erfinden’ ist die Losung, mit der explizit an Haussmann und sein städtebauliches Konzept von dicht und grün angeknüpft wird. Faszinierend, was da alles angestossen wird… und geradezu tragisch, dass die Kenntnisnahme davon so behindert ist durch die Sprachbarriere. Der Fall Paris zeigt aber auch, wenn beschränkt eine Gemeinde in ihrer Durchsetzungkraft ist, wie abhängig vom Mitmachen privater Investoren. Und wie wichtig deshalb grassroot-Initiativen sind. 

Die Biotope City in Wien

Der vorläufig einzige Fall, wo nicht nur ein einzelnes Gebäude oder ein Gebäudekomplex begrünt worden sind (oder dies in Planung ist), ist ein Gebiet in Wien auf dem Terrain der ehemaligen Coca Cola-Hallen: ein Terrain von 5,4 ha - oder 7 1/2 Fussbaldfeldern - an der Triester Strasse im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten. Dort ist ein Wohngebiet geplant mit 1.019 Wohnungen, einer Schule und entsprechenden Wohnfolgereinrichtungen. Dort soll eine Biotope City entstehen, ohne Autos an der Oberfläche, sehr dichte Bebauung und dennoch ganz durchgrünt, mit Bäume, heimischen Sträuchern, Spielflächen, Gärten, kleine Wasserläufe und Teiche und natürlich begrünte Dächer und an vielen Fassaden begrünte Balkons und Kletterpflanzen entlang Rankgerüsten und an manchen Stellen auch einfach selbstkletternd. Eine Gartenstadt des 21.Jahrhunderts!

Treibende Kraft hinter der Realisierung dieses Projekts war Harry Glück und auf der Seite der Bauträger die Wohnungsbaugesellschaft Wîen Süd (2). Beiden gelang es, weitere engagierte Bauträger mit ins Boot zu ziehen und engagierte Architekten dafür zu gewinnen, voran Rüdiger Lainer, der bereits in den 1980er Jahren in Wien einen teilweise begrüntes Gebäudekomplex realisiert hatte. In einem einjährigen kooperativen Planungsverfahren wurde ein Masterplan ausgearbeitet, der die Kriterien (3) des Biotope City-Konzepts in die Realität zu bringen suchte. Der Plan wurde durch die Stadt Wien bewilligt. Details dazu siehe in den Beitrag "Das Biotope City Quartier im 10. Wiener Gemeindebezirk". Hier soll nur kurz erwähnt werden, dass es sich dabei um rund 1.000 Wohnungen handelt, wovon 2/3 im sozialen Sektor, eine Schule, kleine Wohnfolgeeinrichtungen und zur stark befahrenen Triester Strasse hin ein Bureaugebäude. Auf der Basis des Masterplans wurden sodann die Pläne der Gebäude und des Freiraums ausgearbeitet. 

Vision des Quartiers ©Schreiner&Kastler

Inzwischen haben die Bauarbeiten begonnen und das Gelände, das fast vollständig bedeckt war mit Fabrikhallen von CocaCola, ist frei geräumt. Nun steht die so zentrale Realisierung der Gebäude und der Freiraumplanung an. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2019 vorgesehen. Danach haben die Pflanzen drei Jahre Zeit, um zu wachsen...und das ist gut so, denn das Projekt soll im Jahr 2022 vorgestellt werden als eines der Projekte der Internationalen Bauausstellung Wien (IBA Wien), die die Gemeinde plant zum Thema 'Zukunft des sozialen Wohnbaus'. 

Der gesamte Prozess der Planung und Realisierung wird seit seiner Bewillingung begleitet von einem Forschungsteam unter der Leitung des Instituts für Landschaftsplanung der Universität für Bodenkultur und unter Teilnahme der Stiftung Biotope City. Mit dieser wissenschaftlichen Begleitung soll - neben der Unterstützung hinsichtlich des neuesten technischen Stands von Begrünung auf Gebäuden - auch eruiert werden, wo und auf welche Weise Verordnungen und Verfahrensweisen der bisher gängigen Praxis angepasst werden sollten, um das Konzept Biotope City problemlos und ohne weitere Kostenkonsequensen umzusetzen. Dabei wird auch erstmalig eine Simulation angewendet, mit der feinmaschige räumliche Aussagen über die Auswirkungen der vorgesehenen Begrünungsmassnahmen auf erfahrene Temperatur bei Hitzetage gemacht werden können. Der Ergebnisbericht des ersten Jahres von Betreuung liegt in Kürze vor und wird in einem zusammenfassenden Bericht auf BIOTOPE CITY JOURNAL präsentiert werden.

 

Fussnoten:

(1) Jelle Reumer, Wilflife in Rotterdam - Nature in the City. Naturhistorisches Museum Rotterdam 2014, Verlag Historische Uitgeverij, ISBN 978-90-7342-400-5

(2) Das inhaltiche Motiv für das Engagement der Realisierung wird auf schöne Weise kenntlich aus einem Text, mit dem die Wohnungsbaugesellschaft Wien Süd ihren Anteil daran beschrieb:

"Die Wohnungsbaugenossenschaft Wien Süd hat hiermit ein Projekt konzipiert, das mit seinen 135 Wohnungen Platz bieten wird für die Kohabitation von Mensch, Flora und Fauna: ein fast vollständig begrünter Baukomplex, in dem trotz seiner hohen Dichte ein Stück 'wildlife' mitten in die Stadt geholt wird. Es ist ein Konzept für das urbane Bauen der Zukunft.

Warum auf diese Weise?
Die attraktiven Städte werden immer voller, die Bebauung immer dichter, das Leben wird stressiger und die Umwelt wird ungesunder für die Bewohner. Es wird höchste Zeit, dass das Bauen eine Wende nimmt: wenn kein Platz mehr da ist für Grün und Bäume, dann müssen wir das Grün eben auf die Dächer und entlang den Fassaden anbringen. So kann es seine wohltuende Wirkung auch in der dichtesten Stadt ausüben. Wohltuend für das Stadtklima: Senkung hochsommerlicher Temperaturen, für die Luft: CO2-Bindung, für die Kanalisation: verringert und verzögert Regenabwasserfluss, und nicht zuletzt gut fürs Gemüt: Grün beruhigt die Nerven und hilft Gesunden.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille.
Kein Blattgrün ohne Insekten und Vögel – Flora und Fauna gehören unauflöslich zusammen. Auch in der Stadt. Die Städte haben inzwischen einen grösseren Artenreichtum, als das Land. Denn die urbanen Felslandschaften mit uns als Hauptbewohnern bieten ungemein viel Abwechslung – auch für Pflanzen, Vögel, Insekten und kleine Tiere. Und diese lassen uns Stadtmenschen und insbesondere die Kinder erfahren, dass wir in einer tastbaren Welt leben und diese Welt nicht uns alleine gehört. Wir sind Teil einer sich zyklisch erneuernden Natur – und das ist eine Wahrheit, deren Erfahrung für uns als Spezies essentiell ist: ohne eine Rückkehr zum zyklischen Denken läuft die Spezies Humana Gefahr, mit ihrem fast explosionsartigem Wachstum, ihrer hemmungslosen Naturausbeutung und der unaufhaltsamen Verstädterung langfristig ihre eigenen Existenzgrundlagen zu zerstören.

Das ist der Ausgangspunkt für dieses neue Projekt der Wien Süd. Das Biotope City-Projekt, das die Stadt als Biotope auffasst, ist also nicht einfach eine nette Idee. Es markiert eine fundamentale Umkehr in der Haltung von Menschen gegenüber ihrer urbanen Umwelt."

(3) hier eine Kurzfassung der Qualitätskriterien einer Biotope City - detaillierter im Projektbericht des Forschungsteams, dessen Zusammenfassung in Kürze veröffentlicht werden wird:

1. Urbane Klimaregulation (Temperaturreduktion) durch Pflanzen (Bäume, Sträucher, Stauden, Dach- und  Vertikalbegrünung) und damit Abmilderung der Folgen des Klimawandels für BewohnerInnen
   - Thermisches Wohlbefinden im Freiraum
   - Beschattung und thermischer Schutz von Baukörpern (Energiekostenersparnis)
2.  Optimierung des Windfeldes für das Mikroklima
3.  Wasserretention durch versickerungsfähige Oberflächen
4.  Speicherung und Bewirtschaftung von Niederschlagswasser durch
    - Pflanzen (Blattgrün und Wurzeln)
    - Raingardens
    - Teiche
    - Zisternen
5.  Feinstaub- und Schadstoffabsorption durch Pflanzen
6.  CO2-Bilanz: Fixierung von CO2 durch Pflanzen
7.  Erhöhung der Biodiversität
8.  Kompensation der Versieglung durch Begrünungsmaßnahmen
9.  Bewegungsraum im Freien für Kinder und ältere Menschen
10. Naturerlebnis als essentieller Lebensbestandteil

 

Fotos: Helga Fassbinder, Sema Bekiroviç (2), Schreiner&Kastler (1), Buro Baustadtrat Ludwig (1)