BEGRÜNUNGSSTRATEGIEN ALS URBANE ÜBERLEBENSKUNST

Forschungsergebnisse haben inzwischen überzeugend demonstriert: Grün ist ein effizientes Mittel um die Belastungen der Stadtluft und zu mildern und Sturzwasser zurueckzuhalten. (für eine gute Zusammenfassung wissenschaftlicher Ergebnisse s. Roehr/Laurenz, Living Envelopes, in Biotope City Journal). Erstaunlich daher, dass Gemeinden, Architekten und Stadtplaner immer noch nicht das Stadtgrün als ein wesentliches Material zur Luftsäuberung in ihren Planungen und Entwürfen benutzen. Warum haben wir nicht überall, wo es überhaupt nur möglich ist, grüne Dächer, begrünte Brandwände und Fassaden und Bäume entlang der Strassen als eine Standardausstattung all unserer Planungen und Bauaktivitäten?

Immer noch wird Grün in erster Linie unter ästhetischen Gesichtspunkten eingesetzt. Auf dem Gebiet von Gesundheit und Rekreation herrschen in Ämtern und amtlichen Verordnungen stets noch Auffassungen vor, die geprägt sind durch ihre Herkunft aus Zeiten vollkommen anderer Lebensbedingungen in Städten. Das städtische Grün rangiert da immer noch unter ‘Freizeit und Erholung’. Diese Haltung findet ihren radikalen Ausdruck in der Planersprache, die einen strikten Unterschied zwischen ‘rot’ und ‘grün’ macht.

Das ist die Situation bis zum heutigen Tage, obwohl inzwischen die Luftbelastung mit Feinstoffen und CO2 und das Problem der Sturzwasserrückhaltung dramatische Dimensionen angenommen haben und die Rolle, die das Grün zur Reduzierung dieser Probleme beitragen kann, bekannt ist – zumindest bekannt sein dürfte unter Experten, Planern und Politikern.
Was wir heute brauchen, ist die entgegen gesetzte Haltung: nicht Rot versus Grün, sondern Rot als Träger von Grün, Rot als Grün. Das erfordert einen völligen Umschwung im Denken, mit dem sich Stadtplanung und Architektur nun eilends und vorrangig beschäftigen sollten.
Zahlreiche technische Möglichkeiten für Grün auf und an Gebäuden und in dichten Strassen sind inzwischen entwickelt und auch in den vergangenen Jahren praktisch erprobt worden: das Problem liegt nicht im technischen Bereich der Realisierung, und auch nicht im Bereich der Kosten, insofern man die Langzeit-Unterhaltskosten mit in die Abwägung einbezieht - in der Regel sind ‘grüne Lösungen’ dann sogar kostengünstiger. Es ist vor allem ein Problem der Barriere im Kopf.

Architekten, Stadtplaner, Politiker, Investoren, Bürger – sie alle müssen ihre Ideen über Prioritäten und darüber, wie ein Gebäude, eine Strasse, eine Stadt aussehen soll, revidieren. Wir sind seit nahezu einem Jahrhundert infiltriert von der Moderne und ihrer Ästhetik – das bestimmt unser Gefühl, unseren Geschmack, es legt eine schwere Hypothek auf die so notwendige Veränderung. Wir brauchen ein Umdenkens in unserer konzeptionellen und ästhetischen Herangehensweise an die Stadt - und das ist es, was die Sache so schwierig macht: die grössten Barrieren sind niemals materieller oder technologischer Art, sie sind mental.... Es ist eine Herausforderung an unsere geistige Flexibilität, an unsere Intelligenz, unsere Courage...